Wirtschaft
anders denken.

Eine Sprache schaffen, die Probleme auf den Punkt bringt

Im November 2016 hat sich an der Universität Frankfurt eine Hochschulgewerkschaft gegründet: Der unter_bau will eine Alternative zur GEW und ver.di aufbauen.

19.01.2017
Conny Pretz studiert Sportwissenschaften in Frankfurt am Main und ist seit Anfang 2016 beim unter_bau aktiv.

Bisher sind die Angestellten der Universität Frankfurt bei GEW und ver.di organisiert. Warum braucht es den unter_bau?

Conny Pretz: Ich würde die Frage gerne umdrehen: Was spricht gegen eine Organisation, die offensichtlich sehr viel Energie freisetzt? Nur zur Erinnerung: Wir haben uns mit 150 aktiven Mitgliedern gegründet. Ich kenne keine Gewerkschaft an einer deutschen Hochschule, die momentan einen vergleichbaren Zuwachs verzeichnet.

Wie erklärt Ihr Euch den Zulauf?

Wegen des neoliberalen Umbaus der Hochschule hat sich der Alltag vieler Menschen verschlechtert: Das Mensa- und Sicherheitspersonal wird an externe Dienstleister ausgelagert, wissenschaftliche Mitarbeiter werden nur noch befristet angestellt, und studentische Hilfskräfte sind systematisch unterbezahlt. Hier setzen wir an: Wir wollen eine gemeinsame Sprache schaffen, die Probleme auf den Punkt bringt. Die DGB-Gewerkschaften leisten das oft nicht, weil deren Funktionärsapparat starke Eigeninteressen hat und Forderungen der Basis meistens überhört werden. Das schreckt viele ab. Bei unserem Gründungskongress erzählte mir ein neues Mitglied, dass sie den unter_bau schätzt, weil sie jederzeit sagen kann, was sie stört. Ich glaube, dieses Mitspracherecht des Einzelnen ist entscheidend dafür, dass Leute sich bei uns organisieren.

Was unterscheidet Euch von GEW und ver.di?

Wir organisieren uns basisdemokratisch: Alle Aktionen und Forderungen gehen von unseren Mitgliedern aus. Wir haben keine hauptamtlichen Funktionäre, sondern arbeiten mit imperativen Mandaten. Auf unserer monatlichen Vollversammlung werden Ziele formuliert, die anschließend in Arbeitsgruppen umgesetzt werden. Die haben einen gewissen Handlungsspielraum, müssen aber regelmäßig Bericht erstatten und können von jedem Mitglied korrigiert werden. Außerdem machen wir keinen Halt vor Berufsgrenzen: Unsere Gewerkschaft ist für Alle offen: von Studierenden über den Mittelbau bis zu Angestellten in der Verwaltung und dem Reinigungspersonal.

Die Beschäftigten in der Mensa haben andere Problem als ein Doktorand. Warum ist es Euch so wichtig, alle Gruppen zu organisieren?

Prekäre Arbeitsverhältnisse bestimmen den Alltag aller Gruppen an der Hochschule. Wir wollen dafür ein gemeinsames Problembewusstsein schaffen. Dafür braucht es eine Plattform, sonst bleibt die Lebensrealität der jeweils Anderen unsichtbar: Ein Doktorand weiß erstmal nicht, womit das Mensapersonal zu kämpfen hat. In einem weiteren Schritt wollen wir gucken, wie sich die verschiedenen Gruppen gegenseitig unterstützen können. Gerade für die Angestellten im Servicebereich ist das existenziell: Gewerkschaftlich organisierte Mitarbeiter von Leiharbeitsfirmen müssen immer mit Sanktionen rechnen. Um dem etwas entgegenzusetzen, sind solidarische Strukturen notwendig. Natürlich kann es passieren, dass die Bedürfnisse verschiedener Gruppen sich widersprechen – aber dann müssen wir eben überlegen, wie wir alles unter einen Hut bekommen. Letztendlich steht dahinter auch eine politische Vision: Neben konkreten Zielen, wie Lohnerhöhungen, streiten wir perspektivisch für eine Hochschule in basisdemokratischer Selbstverwaltung. Wir wollen, dass alle Menschen, die an der Universität arbeiten und studieren, darüber entscheiden können, was dort passiert. Die Lebens- und Arbeitsrealitäten der Menschen sollen von denen gestaltet werden, die davon betroffen sind. Dabei verstehen wir unser eigenes Organisationsmodell als Experimentierfeld. Wir probieren aus, wie so etwas praktisch funktioniert.

Wie haben die anderen Gewerkschaften auf Eure Gründung reagiert?

Insgesamt haben wir bei unserem Gründungskongress sehr viel positive Resonanz erfahren. Es gab sogar internationale Grußworte, zum Beispiel von der US-amerikanischen Sektion der Industrial Workers of the World. Ver.di und GEW haben da leider gefehlt. Im persönlichen Austausch gab es gemischte Reaktionen. Eine offizielle Reaktion steht noch aus – spätestens zu den Tarifverhandlungen für studentische Hilfskräfte im kommenden Jahr wird man das Verhältnis zueinander ausloten müssen.

Wollt Ihr mit ver.di und GEW kooperieren?

Wir sehen uns nicht als Konkurrenz zu den etablierten Gewerkschaften, sondern wollen das Angebot an der Hochschule erweitern. Je mehr Möglichkeiten es gibt, sich zu organisieren, desto mehr Leute können aktiviert werden. In den kommenden Tarifverhandlungen für die Hilfskräfte wollen wir versuchen, mit der GEW gemeinsame Ziele zu finden. Das ist schon deshalb notwendig, weil wir an den Verhandlungen nicht direkt beteiligt sein werden. Wir machen uns aber auch nicht kleiner, als wir sind: Wir sehen uns als die Kraft, die vor allem die Hilfskräfte organisiert, und wollen Druck aufbauen.

Was plant Ihr in den kommenden zwei Jahre?

Perspektivisch wollen wir neben der GEW und ver.di mit an den Verhandlungstisch. Dabei geht es uns auch darum, neben Lohnerhöhungen weitere Forderungen in den Vordergrund zu rücken: etwa, dass die Arbeitsstellen von wissenschaftlichen Hilfskräften und Mitarbeitern entfristet werden und dass die Universität das Outsourcing von Servicepersonal an externe Dienstleister beendet. Außerdem müssen wir verbindliche Strukturen schaffen: Gerade, weil die Arbeitsverhältnisse an der Universität momentan zeitlich befristet sind, müssen wir sicherstellen, dass Aufgaben und Wissen an nachfolgende Generationen weitergegeben werden. Wenn sich das bei einzelnen Personen konzentriert, dann bricht das weg, wenn die Personen wegziehen oder eine andere Arbeit annehmen.

Bisher gibt es Euch nur in Frankfurt. Wollt ihr Ortsgruppen an anderen Universitäten aufbauen?

Uns ist es wichtig, dass unsere Organisation lokal verwurzelt ist. Wir wollen kein Riesenapparat werden, der den einzelnen Mitgliedern starr gegenübersteht. Deshalb sehen wir unsere Aufgabe nicht darin, in andere Städte zu fahren und dort von außen neue Ortsgruppen aufzubauen. Das würde den jeweiligen Problemen nicht gerecht werden können und außerdem unseren basisdemokratischen Prinzipien widersprechen. Wichtig ist es uns, sich mit vergleichbaren Initiativen in anderen Städten auszutauschen und zu vernetzen, ohne, dass dabei die lokale Autonomie verloren geht. Wir freuen uns über jeden Versuch, basisdemokratische Gewerkschaften in anderen Städten – auch jenseits der Hochschule – aufzubauen. Wir unterstützen das gerne.

Das Interview führte:

Moritz Elliesen

freier Journalist