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Wie Apple und Co. Schulkindern die Welt verkaufen

Unternehmen als Schulausstatter. An unterfinanzierten Schulen sind kostenlose Lehrmaterialien von Unternehmen und digitale Geschenkpakete gern gesehen. Tim Engartner über infiltrierte Lernorte.

09.05.2016
Foto: Stefan Moll
Tim Engartner ist Studiendekan des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften und seit April 2012 an der Goethe-Universität Frankfurt am Main Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt schulische politische Bildung. Zudem ist er Mitglied des Direktoriums der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung an der Universität. Für wissenschaftliche Arbeiten und seine Lehre wurde er mehrfach ausgezeichnet.

Herr Engartner, Sie forschen über den Schulunterricht zu den Themen Wirtschaft und Finanzen, untersuchen auch den Einfluss der Unternehmen und ihrer Lobby und kritisieren diesen. Wie weit geht diese Einflussnahme: Sind das einzelne missbräuchliche Fälle? Oder müssen wir von einer systematischen und flächendeckenden Indoktrination reden?

Engartner: Die Einflussnahme von Unternehmen, Verbänden sowie Industrie- und Handelskammern ist gewaltig. Allein 16 der 20 umsatzstärksten deutschen Unternehmen produzieren Unterrichtsmaterialien. Daimler, Deutsche Bank, Commerzbank … , es gibt kaum ein bedeutendes Unternehmen, das nicht mit eigenen Unterrichtsmaterialien in die Schulen drängt. Das heißt, wir haben es mit einem Massenphänomen zu tun. Teile der Wirtschaft versuchen, den Schonraum Schule zu kapern, der von seiner Aufgabe her und per definitionem eine neutrale Bildungsinstitution darstellt. Es findet buchstäblich ein Kampf um die Köpfe der Kinder im Klassenzimmer statt.

Es findet buchstäblich ein Kampf um die Köpfe der Kinder im Klassenzimmer statt.

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War das beispielsweise vor zehn, 15 Jahren auch schon so? Oder hat sich die Lage zugespitzt?

Das ist deutlich bedenklicher geworden. Sehen Sie sich die chronische Unterfinanzierung der öffentlichen Haushalte an. Die Kommunen, die für die Ausstattung der Schulen und damit beispielsweise für den Schulbuchetat verantwortlich sind, sparen seit Jahren überall. Die Folgen: zu wenige, häufig veraltete Bücher und vielfach unzureichende Kopieretats. Dabei müssen die Lehrer in sozialwissenschaftlichen Fächern aktuell arbeiten, wenn sie guten Unterricht anbieten wollen. Jetzt stellen wir die Materialien der Unternehmen dagegen: aktuell und attraktiv aufgemacht, häufig erstellt in Zusammenarbeit mit Kommunikationsagenturen und als Klassensatz angeboten, so dass je Schüler ein Exemplar zur Verfügung steht, die Lehrer also nicht mehr kopieren müssen. Wen wundert es da, dass die Lehrkräfte gerne auf die Angebote dieser privaten Content-Anbieter zurückgreifen. Auch daran sollten wir denken, wenn die Kanzlerin immer wieder von der »Bildungsrepublik Deutschland« spricht. Im konkreten Schulalltag ist davon viel zu wenig zu sehen. Deutschland liegt bei den staatlichen Bildungsausgaben im Vergleich der OECD-Staaten noch immer im unteren Drittel.

Werden denn in den regulären Schulmaterialien die Themen Wirtschaft, Finanzen, Verbraucher ausgewogen und sachgerecht behandelt?

In 13 von 16 Bundesländern werden die offiziellen Schulbücher, die die großen renommierten Schulbuchverlage anbieten, intensiv von der Kultusbürokratie überprüft. Nur die Bücher, Medien und Materialien, die dieses Verfahren mit Erfolg »bestehen«, werden in den Schulen eingesetzt. Die »schwarzen Schafe«, also Publikationen, die inhaltlich oder didaktisch einseitig und unzureichend sind, werden gar nicht erst zugelassen. Und jetzt die andere Seite: Die Materialien privater Content-Anbieter oder die von Stiftungen werden direkt in die Lehrer- und Klassenzimmer ausgeliefert – ohne fachliche Prüfung und damit ohne Kontrolle. Das ist ein unhaltbarer Zustand. Die Produkte der Schulbuchverlage werden auf Herz und Nieren geprüft, die externen Anbieter sind in der Gestaltung ihrer Materialien vollkommen frei.

Die Unternehmen haben keinen Grund zur Klage. In den offiziellen Schulbüchern kommen die ganz gut weg.

Ausgewogen und besser sind die geprüften und offiziellen Materialien aber schon?

Ja, für gewöhnlich schon. Aber auch die Inhalte der zugelassenen Schulbücher und Materialien sind bei den ökonomischen Themen unverändert von neoklassischen Ideen geprägt. Zentral für diese wirtschaftswissenschaftliche Schule ist das Modell des »homo oeconomicus«, also eines Menschen, der stets rational handelt, vor allem um seinen Nutzen zu maximieren. Es handelt sich dabei um einen Ansatz, der von zahlreichen Wirtschaftswissenschaftlern in empirisch gesättigter Form widerlegt ist. Andere Ansätze, wie beispielsweise die keynesianisch inspirierte Wirtschaftspolitik, die auf eine Belebung der Nachfrage und einen aktiven, antizyklisch handelnden Staat setzt, spielen dagegen bestenfalls eine marginale Rolle. Dabei ist in anderen Ländern, wie beispielsweise in den USA, die wirtschaftspolitische Debatte vom Keynesianismus geprägt.

Ist diese von Ihnen konstatierte Einseitigkeit ein Thema in der Fachwelt, an den Ausbildungsstätten, unter der Lehrerschaft?

Ja, aber leider nur am Rande, so meine Beobachtungen. Das breite Bewusstsein der Öffentlichkeit fehlt leider nach wie vor. Das muss sich dringend ändern.

Die Unternehmen und ihre Verbände beklagen ja das Gegenteil: Sie sagen, ihr Standpunkt komme in den offiziellen Schulbüchern zu kurz.

Davon kann keine Rede sein. Insgesamt 142 Lehrwerke für den Geschichts-, Geografie- und Gemeinschaftskundeunterricht hat das Institut für Internationale Schulbuchforschung in Braunschweig 2008 im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft untersucht, um zu sehen, inwieweit sie ökonomisches Wissen vermitteln und Jugendliche zu unternehmerischem Denken ermuntern. Der Befund: Die Positionen der Unternehmen sind keineswegs unterrepräsentiert. Wörtlich heißt es in der Erklärung der Institutsdirektorin: »Alle Bücher bekennen sich vorbehaltlos zur sozialen Marktwirtschaft. »Kapitalisten-« oder »Unternehmerschelte« ist ebenso so selten zu finden wie ausgeprägte ideologische Färbungen.«

Der enorme Reichtum der Wenigen – dieses Thema findet so gut wie nicht statt

Sind Ihnen weitere Einseitigkeiten in den offiziellen Schulbüchern aufgefallen?

Gelegentlich die Sprache. Entlassungen heißen in Schulbüchern nicht immer Entlassungen, sondern gelegentlich auch Freisetzungen – klingt einfach unbeschwert, leicht und luftig. Dabei orientiert man sich am allgemeinen Sprachgebrauch. Auch Wortungetüme wie Kostendämpfungspauschale werden kritiklos übernommen – obwohl es darum geht, Ansprüche von Versicherten zu kürzen. Auch bei Renten-, Gesundheits- und Sozialreformen geht meist um Einschnitte, die – anders als es das Wort »Reform« nahelegt – jeden von uns Geld kosten. Häufig werden die verschiedenen Dimensionen von Gerechtigkeit nicht ausreichend oder zutreffend dargestellt. Dabei weiß man doch, dass der für die Sozialstaatsarchitektur grundlegende Gerechtigkeitsbegriff in den vergangenen Jahren gleich in mehrfacher Hinsicht umgedeutet und damit »verwässert« wurde: von der Bedarfs- zur Leistungsgerechtigkeit, von der Verteilungs- zur Beteiligungsgerechtigkeit sowie von der sozialen Gerechtigkeit zu der zwischen den Generationen.

Wie werden denn die Themen der Verarmung der öffentlichen Haushalte und der inzwischen enorme Reichtum in den Händen von wenigen hunderttausend Privatpersonen dargestellt?

Ich beschäftige mich ja auch mit der Privatisierung öffentlicher Leistungen. Dieses komplette Thema ist eine Leerstelle, es findet so gut wie nicht statt. Eine systematische Analyse der Verarmung der öffentlichen Haushalte – deshalb sind ja viele Schulen so mangelhaft ausgestattet – fehlt meist ebenso wie eine Auseinandersetzung mit der sich seit Jahren Bahn brechenden Ballung von Kapital in den Händen einiger weniger. Dabei ist die Tatsache, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer zahlreicher werden, inzwischen politisches Allgemeingut. Dieses sollte ebenso im Unterricht thematisiert werden wie die sich verschärfende Kluft zwischen Arm und Reich. Wenn die 62 reichsten Menschen der Welt über dasselbe Vermögen verfügen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, dann ist dieses Phänomen in geradezu herausragender Weise geeignet, um es nach den Prinzipien der didaktischen Reduktion schülergerecht aufzubereiten.

Gibt es in den Inhalten Unterschiede zwischen den Bundesländern? Die haben ja die Bildungshoheit.

Natürlich gibt es in unserem föderalen Flickenteppich Unterschiede, bei den Namen der Fächer ebenso wie bei den entsprechenden Curricula. Besonders interessant ist für mich dieser Unterschied: Dort, wo Wirtschaftsthemen in ein übergeordnetes Fach wie Sozial- und Gemeinschaftskunde eingebaut sind, werden sie stärker anhand der konkreten Lebenssituation der Schüler und nicht abstrakt behandelt. Und nur das ist auch schülergerecht. Und auch nur diese Herangehensweise steht im Einklang mit dem schulischen Gebot des fächerübergreifenden Lernens. Dort, wo das Thema Wirtschaft in einem eigenen Fach unterrichtet wird, wie in Bayern, Niedersachsen und demnächst auch in Baden-Württemberg, wird es gewöhnlich monodisziplinär, monoparadigmatisch und monodimensional behandelt. Das heißt, die Inhalte sind in diesem Unterricht an einem Bild orientiert, als würde der Mensch sein ganzes Leben ausschließlich an ökonomischen oder gar betriebswirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten ausrichten. Von einer Multidimensionalität, die angemessen wäre, also von einer Vielfalt der Sichtweisen, ist nichts zu sehen.

Auch in offiziellen Schulbüchern ist von einer Vielfalt der Sichtweisen nichts zu sehen

Was muss sich an den offiziellen Schulbüchern ändern?

Es muss auch an Schulen ein breiterer Zugang zu ökonomischen Fragen vermittelt werden. Die empirisch hinreichend widerlegten neoklassischen Erklärungen müssen zurückgestutzt werden. Noch immer steht die Neoklassik nahezu ausschließlich im Mittelpunkt des Ökonomieunterrichts. Sie ist aber nur ein Ansatz unter vielen. Eine heterodoxe, will heißen: eine pluralistische Wirtschaftswissenschaft, die beispielsweise auch soziale Konventionen und politische Institutionen in den Blick nimmt, sollte im Zentrum stehen. Wirklichkeit und Verhalten der Menschen müssen schülergerecht in den Blick genommen werden – so wie es in der Institutionen- oder Konventionenökonomik erfolgreich vorgeführt wird. Mit einer ausschließlichen Orientierung am neoklassischen Weltbild werden Schülern nicht Fakten, sondern Fiktionen vermittelt. Der »homo oeconomicus« erklärt die Wirklichkeit weniger denn je. Der Mensch, der ständig Preise vergleicht, der auch im Umgang mit Freunden oder Kolleginnen immer seinen wirtschaftlichen Nutzen verfolgt – wo gibt es den denn? Das geht an den Schülern und ihrem Alltag vorbei. Und wer will schon einen solch »unsympathischen Zeitgenossen« zum Freund haben?

Wer sind die Bündnispartner, um Änderungen in Ihrem Sinne durchzusetzen?

Kirchen, Gewerkschaften, heterodoxe Ökonomen. Und dann natürlich die größte Hochschulgruppe, die Gruppe der Studierenden, die sich beispielsweise im Netzwerk Plurale Ökonomik organisiert haben. Meines Erachtens geht es auch darum, vom Ausland zu lernen. In Frankreich etwa werden Sie kein Schulbuch finden, in dem die Austeritätspolitik, also eine sehr rigide Sparpolitik, als Weisheit letzter Schluss dargestellt wird – in deutschen Schulbüchern finden Sie dies hingegen zuhauf.

1000 Initiativen produzieren Materialien für allgemeinbildende Schulen – Markenwerbung inclusive

Wie genau gehen Unternehmen und ihre Institute, Verbände und Lobbyisten vor? Muss man sich das als Laie so vorstellen: Es gibt keinen Unterricht über Wirtschaft in Deutschland, in dem nicht irgendein konzern- oder arbeitgebernahes Schulmaterial eingesetzt wird. Oder ist das übertrieben?

Leider nein. Das ist die Realität. So ergab die PISA-Studie 2006, dass mehr als 87 Prozent der 15-Jährigen hierzulande eine Schule besuchen, an der Wirtschaft und Industrie Einfluss auf die Lehrinhalte ausüben. Dies stellt selbst im OECD-Vergleich einen `Negativrekord` dar. Die Augsburger Wissenschaftlerin Eva Mattes hat eine große Studie über diese Angebote gemacht. Um die Größenordnung deutlich zu machen: Die Forscher registrierten eine Million Lehrprodukte, alles online verfügbar. Für den Bereich der allgemeinbildenden Schulen gibt es etwa 1000 Initiativen, die den Schulen Materialien anbieten. In diesen wird häufig selektiv, tendenziös und manipulativ mit Informationen und Argumenten umgegangen. Selbst etablierte Markenartikelhersteller scheuen nicht davor zurück, Schulveranstaltungen zu sponsern, kostenfreie Schulhefte mit Firmenlogos zu verteilen oder Produktproben an Kindertagesstätten in Umlauf zu bringen. Nahezu alle Initiativen, die sich wie My Finance Coach oder Handelsblatt macht Schule hierzulande der finanziellen Bildung widmen, zielen auf bloßes Faktenwissen – oder gar auf eine reine »Produktkunde«. Da beschränkt sich die Bildung zu Finanzfragen auf das pure Wissen über Aktien, Anleihen, Devisen, Derivate sowie Fonds und Futures. Eine finanzielle Bildung, die zu kritischem Bewusstsein erzieht, die beispielsweise auf die Gefahren von Missbrauch durch Finanz- und Kapitalhändler verweist oder vor finanziellen Risiken bei Geldanlagen warnt, findet nicht statt.

Was sind die Botschaften dieser Materialien?

Sie vermeiden das, was Bildung ausmacht: kritische Fragen. Dort wird nicht behandelt, was die ungleichen Vermögens- oder Einkommensverhältnisse auslöst. Da wird nicht über die Schuldenquote der EU-Staaten debattiert. Da wird nicht behandelt, dass die Mehrwertsteuer »sozial blind« ist, weil sie vor allem diejenigen trifft, die einen hohen Anteil ihres Einkommens für den täglichen Verbrauch ausgeben müssen, also beispielsweise sozial Schwache oder kinderreiche Familien. Da geht es im Wesentlichen um ein sehr verkürztes Verständnis von Bildung, bei der praktisches unternehmerisches Denken im Mittelpunkt steht. Nehmen wir die Initiative My Finance Coach, finanziert von dem Versicherungskonzern Allianz, der Unternehmensberatung McKinsey und der Werbeagentur Gray: Da sollen die 12-Jährigen lernen, wie sie am besten privat für ihr Alter vorsorgen. Ein solches Verständnis von Bildung ist bestenfalls verkürzt, im Zweifel falsch. Beim »Planspiel Börse« des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, der übrigens auch sehr gute Materialien vorlegt, sollen Schülerinnen und Schüler darauf trainiert werden, binnen zehn Wochen möglichst hohe Kursgewinne zu erzielen. Binnen zehn Wochen! Absurd. Jeder Finanzwissenschaftler sagt ihnen, dass Aktien nur für Langfristanlagen taugen. Da wird also sogar noch ein völlig verqueres Bild von der momentan herrschenden Ökonomie vermittelt.

Auch die Politik schätzt Unternehmerkultur an Schulen

Unterstützt die Politik solche Initiativen?

»Unternehmergeist macht Schule« ist eine große Plattform des Bundesministeriums für Wirtschaft, die etwa 150 Initiativen bündelt. Deren Ziel: Sie wollen, dass es hierzulande mehr als zehn Prozent Selbständige gibt. Also soll deshalb die Unternehmerkultur schon in den Schulen gefördert und Kinder und Jugendliche dazu gebracht werden, sich der Selbstständigkeit verpflichtet zu fühlen. Das heißt umgekehrt: Rechte der Arbeitnehmer, Mitbestimmung, Streikrechte – dies alles darf natürlich gar keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen. Es geht darum, passgenaue Personen für Wirtschaft und Arbeitsmarkt zu produzieren. Noch einmal: Wir reden hier nicht von Universitäten, die von mündigen Studierenden besucht werden, sondern von Schulen, in denen Kinder und Jugendliche als »Schutzbefohlene« unterrichtet werden.

Wie bewerten Sie das: Sind das fahrlässige Einseitigkeiten in der Sache, die korrigiert werden können? Oder geht es um gezielte Indoktrination?

Ich habe die Initiative My Finance Coach einmal als Indoktrinationsinitiative bezeichnet. Ja, hier geht es um bewusste Indoktrination, weil in der Tat mit großem Eifer systematisch und flächendeckend versucht wird, Kindern und Jugendlichen ein interessengebundenes Weltbild zu vermitteln und dieses zudem als alternativlos darzustellen. In dem Material der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft wird ganz offen behauptet, der Sozialstaat, wie wir ihn kennen, sei ins Schwanken geraten, weil wir krampfhaft versuchten, so die Argumentation, die Schicksale von mehr als 80 Millionen Menschen in das vom Staat vorgegebene Korsett zu zwängen. Oder: Der in Artikel 14, Absatz 2 des Grundgesetzes verankerte Eigentumsvorbehalt, wonach Eigentum verpflichtet und sein Gebrauch zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen soll, wird als Verletzung einer freiheitlichen Wirtschaftsverfassung bezeichnet. Diese Materialien unterschlagen Alternativen, sie propagieren einseitige Interessen. Und sie sind im Ton der Belehrung gehalten, haben folglich weder das Darstellen von Widersprüchen noch das Anbahnen von Diskussionen zum Ziel. Gerade die Provokation von Widersprüchen ist aber dazu angetan, Lernprozesse anzustoßen.

Die Schulen sind schlecht ausgestattet, das nützen die Konzerne für ihre Interessen aus

Lehrer sind ausgebildet, können also die Qualität dieser Materialien beurteilen und sind nicht gezwungen, sie im Unterricht einzusetzen. Wie verhalten die sich nach Ihrer Beobachtung?

Die Fächer, in denen es um ökonomische Themen geht, werden in der Sekundarstufe 1, also bis zur Jahrgangsstufe 9 oder 10, bis zu 50 Prozent von Lehrkräften unterrichtet, die dafür nicht ausgebildet worden sind. Nur leicht karikiert: Der Schulleiter geht zum Deutschlehrer und sagt, »Mensch, Du hast doch ein paar Aktien und liest regelmäßig Tageszeitung, kannst Du das nicht machen?« Diese Lehrer können die Materialien mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in Gänze beurteilen. Sie sind im Gegenteil sehr froh, solche Materialien zu bekommen, eventuell sogar verbunden mit Referenten aus den Unternehmen. Da fühlen sie sich auf der »sicheren Seite«, gerade weil sie sich inhaltlich häufig nicht »sattelfest« fühlen.

Könnte man nicht sagen: Es ist legitim, sogar gut, dass auch Arbeitgeber sich an der Bildung von Kindern und Jugendlichen beteiligen. Bedingung ist aber: Alle ihre Materialien werden so penibel inhaltlich und didaktisch überprüft wie die normalen Schulmaterialien auch – und dann zugelassen oder nicht.

Die unternehmernahen Anbieter haben daran für gewöhnlich kein Interesse. Die nutzen sehr gerne ihre exklusiven Kanäle, versenden also wöchentlich ihre Materialien direkt an die Schulen. Wenn diese vorher geprüft würden, wäre dies ein wirklicher Hemmschuh für sie, denn dann könnten sie ihre teils missionarischen Botschaften nicht mehr ungefiltert in die Schulen einspeisen. Mitunter geht es ihnen ja gar nicht nur um Weltdeutungen: Es geht ihnen auch um handfeste Werbung. Diese ist in Schulbüchern explizit untersagt. In den externen Materialien finden Sie dagegen häufig an prominenter Stelle die jeweiligen Firmenlogos. Mitarbeiter der Unternehmen referieren im Unterricht. Und beispielsweise in den Materialien des Daimler-Konzerns finden Sie selbstverständlich auch dessen Produktpalette. Was erfahrungsgemäß gerade die Jungen begeistert.

Das wirkt sich sehr konkret auf das Denken der Schülerinnen und Schüler aus

Wie wirkt sich das auf das Denken der Schüler und Schülerinnen aus? Gibt es dazu Untersuchungen? Es könnte ja sein, dass die Folgen gar nicht so gravierend sind, wie Ihre Analysen nahelegen.

Natürlich wirkt das. Aus der Konsumforschung weiß man, dass bei Kindern und Jugendlichen nur 25 Prozent der Gelder eingesetzt werden müssen, um denselben Effekt wie bei Erwachsenen zu erzielen. In Schulen und deren Unterricht zu investieren, lohnt sich also für die Unternehmen. Wir untersuchen derzeit, ob Materialien von Attac und der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft einen unterschiedlichen Einfluss auf die Einstellungen der Lernenden haben. Die Studie läuft noch. Wir wissen jedoch bereits heute, dass sich unterschiedliche Materialien sehr wohl auf das Denken und somit auch auf das Weltbild der Heranwachsenden auswirken. Ein Beispiel: Wenn Vor- und Nachteile von iPhones und Fairphones dargestellt werden, dann sagen Schüler nach der Unterrichtseinheit, aha, mein iPhone ist ja gar nicht billiger als das Fairphone, im Fall eines iPhones bezahlt jedoch ein Dritter einen Teil der Kosten – meist sowohl die Umwelt als auch die miserabel bezahlten Beschäftigten. So klug sind die Schüler teilweise – und das mit gerade einmal 13 oder 14 Jahren. Meines Erachtens müssen wir davon ausgehen, dass diese Materialien auch langfristig das Denken der Schüler prägen.

Es geht nach Ihren Untersuchungen den Unternehmen also nicht nur um ihre Deutung von Wirtschaft und Welt, sondern auch um Produktwerbung. Haben Sie weitere Beispiele?

Es ist alles vertreten. Capri-Sonne behauptet in den Materialien, ihr Produkt sei vom Nährstoffgehalt ähnlich wie Mineralwasser. Dabei steht es in der Zuckerpyramide ganz oben. McDonalds behauptet, auch Obst sei Fastfood, weil auch das sofort verzehrt werden könne. Es gibt Sportabzeichen von Haribo. Und alle großen Autokonzerne sind mit Materialien vertreten, die auch Produktwerbung beinhalten.

Dann ist Werbung die Regel?

Produktwerbung gibt es regelmäßig, aber natürlich nicht immer. Aber das Firmenlogo ist beinahe immer dabei, und zwar nicht dezent am Rande unten, sondern häufig auch sichtbar auf dem Titelblatt. Und viele IT-Unternehmen bieten inzwischen zudem ihre Produkte für den Einsatz in der Schule an. Der große Trend heute: Samsung und Apple stellen den Schulen kostenlos Tablets zur Verfügung.

Wenn Apple den Schulen tolle neue Laptops zur Verfügung stellt. Wo ist das Problem, Herr Engartner?

Aber so wird doch Schulen, die finanziell klamm sind, konkret geholfen. Und Schüler profitieren von einem modernen multimedialen Unterricht. Wo ist Ihr Problem?

Ich will mich mit meinem konservativen Verständnis von Bildung und Schule nicht damit abfinden, dass Unternehmen die Lücken füllen, die die öffentliche Hand reißt, weil sie nicht ausreichend Geld für die Schulen aufbringt, obwohl sie es könnte. Wenn sich Privatunternehmen längerfristig engagieren, werden Abhängigkeiten geschaffen, die für Schulen einer reichen Wirtschaftsnation wie unserer unwürdig sind. Um bei Ihrem Argument zu bleiben: Die Technik zuhause sollte am besten mit der in der Schule kompatibel sein, nicht wahr? Und schon sind Lehrer wie Schüler wahlweise in der Apple- oder Samsung-Schleife gefangen. So schnell geht das. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. Und: Sie können sicher sein, dass die Politik von Apple und die Arbeitsbedingungen beim Zulieferer Foxcom dann eben nicht kritisch im Unterricht behandelt werden. Ein kritischer Lehrer könnte natürlich dieses Beispiel im Unterricht schön aufbereiten: halbleere bis leere öffentliche Kassen, geringe Unternehmenssteuern, reicher Konzern etc. etc., aber man darf vermuten, dass die örtliche Apple-Niederlassung in diesem Fall nicht lange zuschaut.

Es gibt auch entsprechende Schulmaterialien von Gewerkschaften und Attac. Verzerren diese die Wirklichkeit auch in indoktrinärer Weise?

Attac hat gerade einen neuen Bildungsbaustein herausgebracht. Richtig ist, dass man sich auch diese Materialien kritisch anschauen muss. Aber es ist wichtig festzuhalten: Da steht Goliath gegen David, die Wirtschaft und Unternehmen gegen alle anderen. 100 zu 1 lautet das Verhältnis meiner Einschätzung nach. Da treten Winzlinge gegen gewaltige Konzerne an. Was Kirchen, Gewerkschaften und weitere Verbände anbieten, steht in keinem Verhältnis zu der Materiallawine der Unternehmen und ihrer Verbände.

Nun ist Attac ein Winzling, aber doch nicht die Gewerkschaften und Kirchen. Warum machen die nicht mehr, um dem Unternehmereinfluss etwas entgegenzusetzen?

Mangels Ressourcen und aufgrund ihres Schwerpunkts in der beruflichen und betrieblichen Bildung agieren Gewerkschaften und Kirchen eher verhalten. Das ändert sich zwar derzeit glücklicherweise ein wenig, aber im Kern halten sie sich zurück. Ich finde aus nachvollziehbaren Gründen: Denn in diesen Organisationen herrscht die Meinung vor, es sei unredlich, die pädagogische Institution Schule mit eigenen Interessen belagern oder gar durchdringen zu wollen.

Über die gehemmten Gewerkschaften und Kirchen und die hemmungslosen Konzerne und Unternehmerverbände

Die haben im guten Sinne Hemmungen und die Unternehmerseite ist hemmungslos?

Überspitzt formuliert kann man das so sagen, ja. Wir beteiligen uns hier selbst an der Erstellung von Unterrichtsmaterialien der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. So könnte man mir vorwerfen, ich sei an bestimmte Interessen gebunden. Wir machen das aber, weil wir damit einen kleinen Beitrag dazu leisten, die von den privaten Content-Anbietern provozierte Schieflage auszugleichen. Es ist in gewisser Weise ein Akt hilfloser Selbstverteidigung.

Wie einseitig sind die Böckler-Materialien, an denen Sie mitwirken? Dieselbe Soße, nur andersherum?

Selbstverständlich steckt hinter den Inhalten eine bestimmte gesellschaftspolitische Grundhaltung. Das steht außer Frage. Ich füge jedoch speziell bezüglich der Materialien der Gewerkschaften eines hinzu: Sie haben das Gesetz der Masse auf ihrer Seite, denn neun von zehn Schülern werden Arbeitnehmer, werden also später als abhängig Beschäftigte tätig sein. Darüber hinaus orientieren wir uns an den weithin anerkannten Prinzipien der politischen Bildung, die im »Beutelsbacher Konsens« festgehalten sind. Eines davon zielt auf Schülerorientierung und meint damit unter anderem: Bildungsprozesse müssen an den Interessen der Mehrheit ansetzen. Es geht hier um die Orientierung am künftigen Leben der Schülerinnen und Schüler. Natürlich vertreten die Gewerkschaften in ihren Materialien ihre Interessen. Aber vor allem sprechen sie mit den Themen Bildung, Arbeitsplatzqualität und Entlohnung die Themen an, die für die Schüler in ihrem späteren Leben relevant sein werden.

Setzen die Lehrer denn das Material von beiden Seiten ein: hier Deutsche Telekom zu iPhone, dort Attac zu Fairphone? Daraus könnte doch ein guter Unterricht werden.

Mein Eindruck ist, dass dies nicht geschieht, da die Unterrichtszeit nicht nur unter den Bedingungen von G8 zu knapp bemessen ist, um ein Thema mit unterschiedlichen Materialien zu beleuchten. Der Zwang, sich zu entscheiden, ist folglich hoch. Die Entscheidung fällt dann meist zugunsten der Publikationen aus der Privatwirtschaft, die mit DVDs und Klarsichtfolien meist professioneller aufbereitet sind, für gewöhnlich kostenlos zur Verfügung gestellt werden und allein daher attraktiver erscheinen. Die Materialien von Attac und den Gewerkschaften muss der Lehrer häufig erst in ausreichender Zahl kopieren, was der schmalbrüstige Kopieretat an den Schulen oftmals nicht erlaubt. Da darf man sich keine Illusionen machen.

»Ich bleibe Optimist und fordere als Bildungskonservativer: …«

Was ist Ihrer Ansicht nach das strategische Ziel der Unternehmen? Die nehmen ja richtig Geld in die Hand.

Sie wollen die geistig-moralische Grundhaltung der künftigen Generationen prägen. Der Versicherungskonzern Allianz, die Bertelsmann-Stiftung, die mit einem Jahresbudget von knapp sieben Millionen Euro ausgestattete Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die LehrCare GmbH, die Fast-Food-Kette McDonald‘s – sie alle drängen mit Unterrichtsmaterialien, Lehrerfortbildungen und Schülerassessments in den einstigen »Schonraum Schule , um die Kunden von morgen möglichst früh an ihre Marke zu binden, ihr Image aufzubessern, Mitarbeiter zu gewinnen oder aber unternehmenskompatible Weltbilder heranzuzüchten. Die Folgen: Das Schulsystem wird als Werbeplattform instrumentalisiert, die Institution Schule, der Neutralität verpflichtet, erodiert. Denn während der Satz des Pythagoras unabänderlich gilt, werden in den sozialwissenschaftlichen Fächern »offene« Fragen thematisiert: Welche ist die beste Staatsform? Wie sieht die ideale Wirtschaftsordnung aus? Was ist gerecht? Wenn Schulen zunehmend den Interessen der Privatwirtschaft ausgeliefert sind, weil sie über zu wenig Geld verfügen, dann sind sie immer weniger in der Lage, einen pluralen, offenen aktualitätsorientierten Unterricht über die Themen Wirtschaft, Finanzen und Verbraucher anzubieten. Sie werden vielmehr im Sinne der Unternehmer zu einem Ort, an dem Schüler lernen, die herrschende Wirtschaftsordnung zu akzeptieren, ein ordentlicher Konsument zu werden, sich in der Welt von Werbung und Sponsoring wohlzufühlen und unternehmerisch zu denken. Und je mehr ich als Schüler einseitig von bestimmten wirtschaftswissenschaftlichen Thesen und Ansätzen höre und lese, desto eher bin ich bereit, diesen auch Glauben zu schenken. Es entwickelt sich eine psychologisch nachweisbare geistige Eigendynamik. Das heißt, ich bleibe dann in diesen geistigen Bahnen, folge ihnen, verhalte mich nach und nach auch entsprechend, werde beispielsweise rücksichtsloser und egoistischer. Mehrere nationale und internationale Studien belegen diese Eigendynamik.

Was tun?

Man muss leider konstatieren, dass immer mehr Schüler, aber auch Eltern auf praktisch verwertbares Wissen drängen und damit der Anpassung an die gegebenen Verhältnisse Vorschub leisten. Die Frage, wie bewege ich mich pragmatisch im Alltag, dominiert. Es geht darum, wie ich einen Mietvertrag abschließe, die passende Versicherung finde oder eine Steuererklärung anfertige. Deshalb stößt die zunehmende Präsenz der Unternehmen in den Schulen auch kaum auf Abwehr oder gar Gegenwehr. Nach meinem Dafürhalten müssen Kinder sich aber als eigenständige Persönlichkeiten in dieser Wirtschaftswelt bewegen, also reflektiert und selbstbewusst. Das heißt, Lehrer müssen mit ihnen erarbeiten, wie diese Wirtschaft funktioniert, wer welche Interessen hat, welche Interessen sie selbst haben und welche Alternativen es gibt. Es reicht nicht aus, wenn Schülerinnen und Schüler sich einen passenden Ausbildungsplatz suchen können. Vielmehr müssen sie von ihrer eigenen Warte aus wichtige Wirtschaftsprozesse wenigstens halbwegs einordnen und durchblicken lernen. Darin liegt der Allgemeinbildungsauftrag der Institution Schule.

Aber wenn die Betroffenen selbst, wie Sie sagen, wenig Interesse an einer Änderung haben, wegen der Sachzwänge, der Sorge um die Zukunft …

Ich bleibe Optimist und fordere als Bildungskonservativer: Es sollten nur kultusministeriell geprüfte Materialien im Unterricht verwendet werden. Wichtiger noch: Eine reiche Wirtschaftsnation wie die bundesrepublikanische kann und muss ihre Schulen materiell so ausstatten, dass sie finanziell unabhängig sein können. Der Schonraum Schule muss wiederhergestellt werden. Das Land der Dichter und Denker darf nicht allein zum Land der Stifter und Schenker werden. Die Schulen so auszustatten, dass der Regelunterricht ohne private Mittel auskommt, sollte eigentlich im gesamten politischen Spektrum Konsens sein – jedenfalls dann, wenn wir uns ernsthaft als »Bildungsrepublik« begreifen.

Das Interview führte:

Wolfgang Storz

Kommunikationsberater