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Untote leben länger

14.09.2017
Foto: .marqs / photocase.deDie Neoklassik kann Krisen weder vorhersagen noch erklären.

In den Hörsälen der VWL ist die Neoklassik auch nach der Krise die dominante Theorie. Untote leben länger von Philip Mirowski zeigt auf, warum diese Denkschule trotz vielbeschworenen Enden noch immer die führende ist und was genau der Zusammenhang zwischen Neoklassik und Neoliberalismus ist. Gelesen und rezensiert von der Studierendengruppe Was ist Ökonomie?.

Seit der globalen Wirtschaftskrise zu Beginn des neuen Jahrtausends wird immer wieder das Ende des Neoliberalismus beschworen. So auch jetzt, nach der Präsidentschaftswahl in den USA. Warum dies eine voreilige Schlussfolgerung sein könnte, ist das Thema von Philip Mirowskis Buch Untote leben länger. Untot sind für den Autor die ÖkonomInnen an den Universitäten. Mirowski zeigt, wie hartnäckig sich die neoklassische Denkschule in der universitären VWL auch nach der Krise von 2008 gehalten hat – ja geradezu im Umkehreffekt gestärkt wurde – und in welchem Verhältnis ebenjene Neoklassik zum vieldiskutierten Neoliberalismus steht.

Krise – welche Krise?

Als ich mit dem Studium der Volkswirtschaftslehre anfing, war mir noch nicht klar, dass Krisen und ihre Ursachen trotz ihrer Aktualität nicht Teil des Studiums sein würden. Dies ließ viele Studierende, so auch mich, verwundert und enttäuscht zurück. Mirowski behandelt genau jenes scheinbare Paradoxon: Die VWL-Theorie konnte die Krise weder vorhersagen noch erklären, trotzdem wird weitergemacht wie bisher. Das Thema »Krisen« wird weiterhin ignoriert und gemieden – als gäbe es keine.

Mirowskis historische Perspektive –das Buch zeichnet sich durch einen detaillierten und fundierten Fokus auf politische und wirtschaftswissenschaftliche Akteure und Zusammenhänge aus – regt dazu an, über den Werdegang der Disziplin VWL in den letzten Jahrzehnten nachzudenken. Der Autor zeigt auf, wie politisch und umkämpft die Wirtschaftswissenschaft und die Profession sind. Das steht in krassem Widerspruch zum neoklassischen Ansatz der Trennung von Wissenschaft und Politik, der gerade an deutschen Universitäten verbreitet ist. Nach der Lektüre versteht man besser, warum das VWL-Studium hierzulande ist, wie es ist: verstaubt, verkrampft, unhistorisch und sehr beschränkt in seinem Fokus.

Aufstieg des Neoliberalismus

Auch über diesen Exkurs hinaus bietet das Buch spannenden Lesestoff: Mirowski gelingt eine Annäherung an den omnipräsenten Begriff Neoliberalismus. Dabei bricht er den großen Begriff auf Handlungen und politische Grundideen einzelner Akteure herunter und beschreibt den Aufstieg des Neoliberalismus als politisches Projekt.

Neoliberalismus ist nicht gleichzusetzen mit Neoklassik. Jedoch zeigt das Buch anhand konkreter Beispiele die Verflechtungen von ÖkonomInnen an den Universitäten, lobbyähnlichen Wirtschaftsforschungsinstituten und wirtschaftspolitischen Institutionen, wie der Weltbank, FED und IWF, mit politischen Thinktanks, insbesondere der neoliberalen Mont Pelerin Society. Indem der Autor die Verbindungen zwischen Wissenschaft und Politik aufzeigt, erweitert und politisiert er das Spektrum der Akteure in der Volkswirtschaftslehre. So ist das Buch trotz der wirtschaftshistorischen Thematik mit seinen vielen Beispielen und Anekdoten zu wirtschaftspolitischen Verflechtungen auch für LeserInnen, die nicht VWL studieren, eine interessante Lektüre. Es erinnert teilweise an den Film Inside Job, den Mirowski selbst als gute Darstellung der Krise empfiehlt.

Dem Buch gelingt es, den politischen Gehalt der Volkswirtschaftslehre zu demonstrieren. Der Autor attackiert präzise und teils polemisch, aber immer unterhaltsam, einzelne Personen und Institutionen der Wirtschaftswissenschaft und -politik. Wer schon immer den Unterschied zwischen Neoliberalismus, dem klassischen Liberalismus sowie der Neoklassik verstehen wollte, wird hier mit einem der vielleicht besten und aktuellsten Erklärungsversuche fündig. Untote leben länger ist eine fordernde, teils voraussetzungsreiche Lektüre, die sich aber fraglos zu lesen lohnt.

Mirowski, Philip: Untote leben länger. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2015.

Dieser Beitrag wurde verfasst von Maralena Klenk von »Was ist Ökonomie«.

Geschrieben von:

Was ist Ökonomie

studentische Initiative