Wirtschaft
anders denken.

Vergesst die Menschen nicht! Über den »marxistischen Solitär« Leo Kofler

18.09.2018
Leo Kofler GesellschaftLeo Kofler

Leo Kofler war Vordenker eines sozialistischen Humanismus, kritisierte die neokapitalistische Welt des modernen Sozialstaats und warnte die Linke, selbst von Entliberalisierung und Nihilismus heruntergezogen zu werden. Ein Text aus der gedruckten Septemberausgabe von OXI.

Wolfgang Fritz Haug nannte ihn einen »marxistischen Solitär«, Oskar Negt einen »unverstümmelten, lebendigen Marxisten«, und Ernest Mandel betrachtete seine auch von Ernst Bloch hoch gelobte Darstellungsweise der Dialektik im historischen Materialismus als »die einzig richtige«. Und doch blieb der linke Grenzgänger Leo Kofler (1907–1995) ein allzu oft vergessener Vordenker.

Es wirkte nicht nur als Provokation, es war auch als eine solche gedacht, als der siebzigjährige Leo Kofler zu seinen jungen Genossen gekommen war und sein Statement mit den Worten eröffnete: »Ich bin der Meinung, dass man beim Studium des ›Kapital‹ nichts auslassen kann. Aber umfassende Akribie ist noch lange nicht systematisches Verständnis, Verständnis der Methodologie, der erkenntnistheoretischen und auch der anthropologischen Grundlagen. Die Missverständlichkeit des Ökonomismus kommt überwiegend daher, dass die Kategorie Mensch als zentrale Kategorie auch des ›Kapital‹ nicht zureichend definiert ist, obgleich nicht nur im gesamten Schrifttum von Marx, sondern gerade auch im ›Kapital‹ ausdrückliche Verweise vorhanden sind, um eben diese Perspektiven zureichend bewältigen zu können.«

Zusammengekommen war man an diesem Januartag des Jahres 1977 zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion des Fachbereichs Philosophie und Sozialwissenschaften, um Druck zu machen, an der Freien Universität Berlin einen jungen Marxisten namens Wolfgang Fritz Haug zum ordentlichen Professor zu machen. »Wozu ›Kapital‹-Studium? Zum Verhältnis von allgemeiner Theorie und Einzelwissenschaften« hieß der plakative Veranstaltungstitel (die Beiträge wurden 1978 als »Argument-Studienhefte 1« im Argument-Verlag veröffentlicht) und auf dem Podium saßen, neben Kofler und Haug selbst, auch Sebastian Herkommer, Klaus Holzkamp, Heinz Wagner und Elmar Altvater – ein nicht unwesentlicher Teil der jungen Garde des westdeutschen 68er-Marxismus also. Und weil sich eine junge Garde bei ihrem Kampf um Anerkennung üblicherweise der Unterstützung auch der alten Garde versichern möchte, hatte man den an der Bochumer Universität lehrenden Altmarxisten Kofler nach Berlin geladen, um mitzutrommeln dafür, mehr »Marx an die Uni« zu bringen.

Provozierte Provokationselite

Der wiederum wollte sich mit seinem unmittelbar nach Herkommers Eröffnungsbeitrag gehaltenen Beitrag ein kleines Stück Subversivität nicht nehmen lassen. Und so fuhr er nach seinem oben zitierten Einstieg unmittelbar fort, dass sich der Mensch durch wesentlich eine Eigenschaft vom Tier unterscheide, »nämlich durch das Bewusstsein«.

Doch prompt fühlte sich ein Teil der im Publikum sitzenden ehemaligen Provokationselite nicht zu Unrecht selbst provoziert: »Und Arbeit!«, warf einer sofort laut hinein. Kofler, aus langjährigen Debatten darauf vorbereitet, replizierte, dass sich der Mensch zwar durch Arbeit definiere, dass sich aber diese menschliche Arbeit selbst wesentlich durch Bewusstsein definiere, »durch die Fähigkeit, ›vorher‹ im Kopfe einen Plan zu fassen«. Das beweise doch bereits der berühmte Baumeister gleich zu Beginn des »Kapitals« – »und wenn Sie schon nicht weiter gekommen sind, so müssten Sie doch wenigstens diese Zeile rezipiert haben«.

Kofler schrieb den Berliner »Kapital«-Lesenden ins Stammbuch, dass es in dem Buch um mehr als den Fetischismus gehe, dass es auch dort um den Begriff des Spiels und das sich selbst verwirklichende Gattungswesen Mensch gehe, dass sich dies aber erst voll erschließe, wenn man den sozusagen »ganzen Marx« in den Blick nehme, das heißt auch den der Frühschriften, und dass schließlich, wer dies vergesse, zu dogmatischen Phrasen neige, »die den Marxismus zersetzen«.

Ein kategorischer Imperativ

So wie von Chemie nichts verstehe, wer nur etwas von Chemie verstehe, verstehe auch vom »Kapital« nichts, wer nur etwas vom »Kapital« verstehe – dies wurde Kofler zeitlebens nicht müde, seiner linken Zuhörerschaft wörtlich mit auf den Weg zu geben. »Vergesst mir die Menschen nicht!« Dieser kategorische Imperativ könnte aber auch als Motto über seinem umfangreichen theoretischen Werk stehen.

Es begann in den 1940er Jahren, als er mit seinen methodologischen Grundsatzwerken über die »Wissenschaft von der Gesellschaft« und das Verhältnis von »Geschichte und Dialektik« eine marxistische Praxisphilosophie mitbegründete, die im Kontext des »westlichen Marxismus« für eine Erneuerung des marxistischen Denkens – jenseits des vulgärmaterialistischen Marxismusverständnisses eines Karl Kautsky oder Josef Stalin – plädierte, und, parallel dazu, in seiner monumentalen »Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft« einen radikalen Demokratismus gegen den (schon damals aufkommenden) Neoliberalismus setzte.

Es setzte sich fort zu Beginn der 1950er Jahre, als er die im deutschsprachigen Raum erste systematische Ideologiekritik der stalinistischen Theorie und Praxis vorlegte und diesem »Marxismus-Leninismus« nachwies, dass er aus strukturellen Gründen zu einem undialektischen – ja geradezu antidialektischen – und vulgärmaterialistischen Marxismusverständnis neige, das zutiefst antihumanistisch sei, weil es die konkreten, zu emanzipierenden Menschen zu bloßen Anhängseln einer neuen, bürokratischen Herrschaftsschicht degradiere. Ökonomie und Politik sind, wie Kofler – in Wort und Schrift – immer wieder betonen sollte, kein Selbstzweck, haben vielmehr ein demokratisches und sogar anthropologisches Fundament, denn nicht nur sind sie für die Menschen da, sondern können auch nur durch die Menschen verändert werden.

Herbert Marcuse vorweggenommen

So zum Vordenker des in den 1950er Jahren aufkommenden sozialistischen Humanismus geworden, unterzog Kofler schließlich auch die neokapitalistische Welt des modernen Sozialstaats – damals gerne, in praktischer Absicht, als »spätbürgerliche« oder »spätkapitalistische« Gesellschaft tituliert – einer scharfen Kritik (niedergelegt unter anderem in seinen Schriften »Staat, Gesellschaft und Elite zwischen Nihilismus und Humanismus«, 1960, »Der proletarische Bürger«, 1964, und »Der asketische Eros«, 1966), die vieles von dem vorwegnahm, was Herbert Marcuse publikumswirksam theoretisieren sollte.

Kofler sah diese neobürgerliche Gesellschaft in eine Epoche der Entliberalisierung und der geistigen Demoralisation (der »Dekadenz«) übergegangen, in der sie von ihren frühbürgerlichen Emanzipationsversprechen nichts mehr wissen wolle, ja geradezu »nihilistisch« geworden sei. Die Welt, schrieb er bereits Ende der 1950er Jahre, »ist für das Bürgertum nur noch ›nützlich‹, profiterträglich, sonst ist sie leer und sinnlos geworden. Die übriggebliebene ›Freiheit‹ ist nicht mehr die Freiheit, Ideale zu verwirklichen und den Menschen zu erhöhen – wer dies noch will, wird verdächtig! –, sondern die Freiheit der Konkurrenz, des Urwalds. Im Grunde ist alles erreicht, es hat Geschichte gegeben, aber es gibt in Zukunft keine mehr«.

Schlimmer noch: Dieser sich zu einer Art nihilistischem Weltschmerz verdichtende und ein pessimistisches Menschenbild zum Vorschein bringende gesellschaftliche Stillstand treibe selbst seine linken und humanistischen Widersacher Stück für Stück in einen theoretischen Anti-Humanismus, der sie selbst isoliere, nicht nur von ihrem eigentlichen Publikum, sondern, schlimmer noch, von den Einzigen, die eine wirkliche Umwälzung der Gesellschaft vollführen können – die breite Mehrheit der arbeitenden und denkenden Menschen.

Weitgehende Tabuisierung unter jungen Rebellen

Kein Zufall deswegen, dass es Kofler sich Anfang der 1960er Jahre nicht nehmen lassen wollte, gerade jene linken Philosophen anzugreifen und vorzuführen, die von einer hoffnungslos verwalteten Welt fabulierten und sich in ihrer Rolle als intellektueller Zuckerguss des herrschenden Elitismus und Pessimismus sonnten. Die Konsequenz dieser Kofler’schen Adorno-Kritik war allerdings seine weitgehende Tabuisierung unter gerade jenen jungen Rebellen, auf die es ihm eigentlich ankam.

Ja, einfach hat es dieser Gesellschaftstheoretiker und Sozialphilosoph seiner linken Zuhörerschaft nicht gemacht: Seine programmatische Rede von einem sozialistischen Humanismus, seine Entfaltung einer marxistischen Anthropologie, seine Kritik der linken Hauptströmungen wie der Frankfurter Schule waren Zumutungen, die viele nicht einzuordnen wussten. »Dass einmal Personen«, schrieb der linke Sozialpsychologe Peter Brückner 1976 – also kurz bevor Kofler zum Podiumsgespräch an die FU Berlin kam –, »schlicht ihre Auffassung haben und äußern könnten, well informed and independent, gut informiert und unabhängig, ist im Reservoir der deutschen Politik offensichtlich nicht vorgesehen, oder vielleicht ganz besonders verwerflich. Auch die deutsche Linke ist darin noch ›deutsch‹.«

P. S.: Okay, ganz so schlimm war es dann doch nicht. Einige »68er« – vor allem jene aus dem eher proletarischen Milieu – holten den bereits 65-jährigen Kofler 1972 aus seinem Wanderprediger-Dasein an die noch junge Bochumer Universität, wo er zwei Jahrzehnte lang zum Aushängeschild einer marxistisch inspirierten Gesellschaftswissenschaft (und damit auch zu einem wissenschaftspolitischen Standortfaktor!) wurde.

Kurzbiografie von Leo Kofler

Geboren wird Leo Kofler am 29. April 1907 in Chocimierz, im österreichisch-ungarischen Ostgalizien. Im Ersten Weltkrieg flieht die jüdische Familie nach Wien, wo sich der junge Kofler – im »roten Wien« der Zwischenkriegszeit – zum linkssozialistischen Sozialdemokraten und zum Schüler des einflussreichen Austromarxisten Max Adler mausert. 1938, nach dem österreichischen Anschluss an das faschistische Deutschland, flieht er in die neutrale Schweiz (ein Großteil seiner Verwandtschaft kommt im Holocaust um) und verfasst hier seine ersten marxistischen Schriften. 1947 wird er an die Universität in Halle/Saale berufen, wo er schnell zum einflussreichen marxistischen Professor wird, bevor er 1949/50 in die Mühlen der sich stalinisierenden SED gerät und, Ende 1950, nach Westdeutschland flieht.

Hier wird er – ohne feste Anstellung – zu einem wichtigen Vermittler zwischen alter Arbeiterbewegung und Neuer Linker, nicht nur mittels seiner insgesamt fast 40 Bücher und Broschüren, sondern mehr noch durch seine jahrzehntelange Seminar- und Vortragstätigkeit in nordrhein-westfälischen Volkshochschulen und gewerkschaftlichen Bildungskreisen. Erst 1972 bekommt er erneut eine Professur (eine Vertretungs- und Honorarprofessur) an der Bochumer Universität, wo er bis 1991 Vorlesungen und Seminare abhält. Nach langjähriger, schwerer Krankheit stirbt er am 29. Juli 1995 in seiner Wahlheimat Köln. Hinterlassen hat er ein umfangreiches, zumeist vergriffenes Schrifttum und eine kleine, gemeinnützige Gesellschaft, die seit 1996 versucht, sein Leben und Werk in Erinnerung zu halten: www.leo-kofler.de.

Christoph Jünke ist Historiker und Vorsitzender der Leo-Kofler-Gesellschaft. Von ihm erschienen unter anderem: »Sozialistisches Strandgut. Leo Kofler: Leben und Werk (1907–1995)« (bei VSA Hamburg) und »Leo Koflers Philosophie der Praxis. Eine Einführung« (im Laika Verlag).

Geschrieben von:

Christoph Jünke