Wirtschaft
anders denken.

Kapitalismus ist, wenn 2 + 2 = 3. Oder 0

18.12.2020
Ludek, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Arbeitswert, Arbeitszeit und gesellschaftliche Gesamtarbeit bei Marx. Ein Beitrag aus OXI 12/2020

Wenn der Begriff »Arbeitswertlehre« fällt, denken in der Ökonomie bewanderte Menschen meist an Karl Marx. Dass der Wert einer Ware sich daran bemisst, wie viel Zeit für ihre Herstellung gebraucht wurde, wird gemeinhin als Kern seiner Kritik der Politischen Ökonomie verstanden, quasi als eine Marx’sche Besonderheit. Und dies, obwohl zu Marx‘ Zeiten die Arbeitswertlehre von niemandem in Frage gestellt wurde. Sie war einfach der Stand der »Wirtschaftswissenschaften« – und Marx kein schräger Vogel.

Andererseits sagt schon der Untertitel seines Hauptwerkes – »Kritik der politischen Ökonomie« –, dass hier der Stand der Wirtschaftswissenschaften nicht einfach hingenommen, sondern einer Kritik unterzogen wird. Und: In der Marx’schen Kritik der damaligen politischen Ökonomie steckt auch schon die Antwort auf die Kritik, die die heute dominierende politische Ökonomie – die »Neoklassik« – an Marx und an seiner Arbeitswertlehre artikuliert. Was das für die Ökonomie der Arbeitszeit bedeutet, soll hier gezeigt werden.

Laut der zeitgenössischen Volkswirtschaftslehre (VWL) liegt dem Wert einer Ware nicht die Arbeit zugrunde, sondern ihr Nutzen. Und wie viel sie wert ist, bestimmt sich nicht nach der Arbeitszeit, sondern nach Angebot und Nachfrage. Viele Studierende der VWL werden in diesem Zusammenhang das Beispiel von dem »Glas Wasser in der Wüste« gehört haben, das um ein Vielfaches wertvoller ist als das Glas Wasser, das ich mir zu Hause am Waschbecken gezapft habe. Nach diesem Ansatz regulieren Angebot und Nachfrage den Wert der Waren: Ist das Angebot eines nützlichen Gutes knapp und die Nachfrage groß, steigt sein Wert. Verhält es sich umgekehrt, sinkt sein Wert. Arbeit und Produktionszeit spielen hier keine Rolle. Allein der persönlich zugeschriebene Nutzen macht eine Sache wertvoll oder wertlos.

Dem lässt sich entgegenhalten: Bevor die Dinge für Subjekte nützlich oder unnütz sein können, müssen sie zuerst einmal hergestellt werden, und zwar durch Arbeit. Und allein diese Eigenschaft – Arbeitsprodukt zu sein – macht sie überhaupt vergleichbar im quantitativen Sinne und deswegen dann auf dem Markt austauschbar. Nur weil die Waren Produkte geleisteter Arbeit sind, können sie zueinander in Beziehung gesetzt werden, und wir können sagen: Ein Tisch ist so viel wert wie fünf Stühle. Abgesehen von der Arbeitszeit haben aber Tische und Stühle nichts Gemeinsames, was einen Maßstab für den Tausch hergeben würde.

Die Kritik der Neoklassik an diesem Ansatz kann man darstellen anhand eines pseudokritischen Scherzes, der unter ihren Anhängern kursiert: Würde man die Arbeitswertlehre akzeptieren, wäre ein mit viel Aufwand, aber schlecht fabrizierter Schuh mehr wert als ein gut und schnell fabrizierter. Die Erwiderung auf diesen Einwand findet sich bereits in der Kritik, die Marx an der klassischen politischen Ökonomie übte: Zeit ist nicht gleich Zeit. Die Zeit, die wir mit der Uhr messen, ist nicht identisch mit der Zeit, die eine gesellschaftliche Dimension hat. Oder, in Marx‘ Worten: Es ist nicht die individuelle Arbeitszeit der Arbeiterin, die sich in dem Arbeitsprodukt vergegenständlicht, sondern die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Und die beiden sind alles andere als identisch. Als hätte Marx den Scherz der Neoklassiker vor Augen gehabt, schrieb er im ersten Band des »Kapitals«: »Es könnte scheinen, daß, wenn der Wert einer Ware durch das während ihrer Produktion verausgabte Arbeitsquantum bestimmt ist, je fauler oder ungeschickter ein Mann, desto wertvoller seine Ware, weil er desto mehr Zeit zu ihrer Verfertigung braucht.«

So ist es aber nicht. Entscheidend für den Wert einer Ware ist nicht die konkrete und individuell verausgabte Arbeit für die Produktion einer Ware, sondern allein die durchschnittlich aufgewandte gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Marx geht es also um die sogenannte gesellschaftliche Gesamtarbeit, die er »abstrakte Arbeit« nennt. »Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist Arbeitszeit, erheischt, um irgendeinen Gebrauchswert mit den vorhandenen gesellschaftlich-normalen Produktionsbedingungen und dem gesellschaftlichen Durchschnittsgrad von Geschick und Intensität der Arbeit darzustellen.«

Die konkreten Arbeiten der Individuen werden unter dem Kapitalverhältnis nur als Teil dieser durchschnittlich verausgabten abstrakten Arbeit aufeinander bezogen und ausgetauscht. Dieser gesellschaftliche Durchschnitt wird wiederum bestimmt durch die gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit, also den Stand der technologischen Bedingungen, zu denen die Produkte hergestellt werden können. Benötige ich zehn Arbeitsstunden, um einen Tisch herzustellen, der gesellschaftliche Durchschnitt liegt aber bei acht, so habe ich drei Stunden umsonst gearbeitet. Diese drei Stunden werden praktisch von der Gesellschaft nicht anerkannt. Sie sind nicht Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit. Sie waren nutzlos. Individuell wurden die Arbeitsstunden tatsächlich geleistet. Gesellschaftlich sind sie inexistent.

Der gesellschaftliche Durchschnitt lässt sich immer nur im Nachhinein ermitteln. Da es im Kapitalismus keine gesamtgesellschaftliche Planung, sondern nur Konkurrenz auf dem Markt gibt, werden die Akteure immer erst nach der Produktion wissen, ob das, was sie konkret und individuell gearbeitet haben, auch anerkannt wird bzw. wie viel davon. Verkauft sich eine Ware nicht oder nur unter ihrem Wert, ist die individuelle Zeit, die zu ihrer Produktion verausgabt wurde, in Gänze oder zum Teil nutzlos. Die Warenpreise drücken daher auch nicht unmittelbar die geleisteten Arbeitsstunden aus, sondern nur den über die Konkurrenz ermittelten Durchschnitt.

Diese Nicht-Entsprechung der individuellen und der gesellschaftlichen Ebene findet sich auch beim Mehrwert, dem Dreh- und Angelpunkt der Marx’schen Untersuchungen. Auch der Mehrwert bezieht sich auf die gesellschaftliche Gesamtarbeit, deren Eigenschaft es ist, mehr produzieren zu können, als für die unmittelbare Lebenserhaltung notwendig ist.

Das Kapital eignet sich im Ganzen die Mehrarbeit der Arbeiterinnenklasse an, indem es ihr im Lohn jeweils nur die Summe auszahlt, die sie zur Erhaltung ihrer Arbeitskraft benötigt, wobei mit »Erhaltung« nicht das pure Überleben gemeint ist, sondern ein gesellschaftlich überaus variabler Lebensstandard. Die darüber hinaus geleistete Arbeit ist die Mehrarbeit. Was sich das Kapital in Form von Mehrprodukt und Mehrwert aneignet, ist also in letzter Instanz die Arbeitszeit, die über das hinausgeht, was die Arbeiterinnen für ihre eigene Reproduktion leisten müssen. Der Klassenkampf ist damit immer auch ein Kampf um die Verfügung über Zeit, denn: »Die Zeit, während deren der Arbeiter arbeitet, ist die Zeit, während deren der Kapitalist die von ihm gekaufte Arbeitskraft konsumiert. Konsumiert der Arbeiter seine disponible Zeit für sich selbst, so bestiehlt er den Kapitalisten.«

Nun ist aber »das Kapital« kein globales Riesenunternehmen, für das alle Menschen arbeiten, sondern in viele Einzelkapitale (Unternehmen) zersplittert. Diese konkurrieren um ihren jeweiligen Anteil am gesamtgesellschaftlichen Mehrwert. Wie geht das vonstatten? Jedes Unternehmen hat das Ziel, einen möglichst großen Profit aus seinen Kapitalanlagen (worunter die Lohn-, Sach- und Betriebskosten fallen) zu schlagen. Dies kann es nur, indem es beständig seine Produktionskosten optimiert und mit höherer Effizienz und größerem Output produziert als die Konkurrenten. Der Schlüssel hierfür ist die Steigerung der Produktivkraft der Arbeit. Durch technisch effizientere Maschinerie kann ein Einzelkapital nicht nur langfristig Lohnkosten (und vielleicht auch Betriebskosten) einsparen, sondern auch mit größerem Output produzieren, das heißt, in derselben Zeit mehr und billigere Produkte herstellen als der unproduktivere Konkurrent. Dadurch verteilt sich die gleiche Arbeitszeit auf eine größere Anzahl von Produkten, wodurch das einzelne Produkt billiger wird. Selbst wenn der Gewinn pro Stück sinkt, kann der Gesamtgewinn steigen, weil der Kapitalist viel mehr Produkte als der Konkurrent verkauft. Mein Gewinn ist größer, wenn ich fünf Tische zu 100 Euro verkaufe als nur zwei zu 200 Euro. Das zwingt den weniger produktiven Konkurrenten dazu, ebenfalls seine Produktivkraft zu steigern oder aber seine Waren zum gleichen – niedrigeren – Preis anzubieten. Abgesehen davon, dass das in the long run seinen Profit schmälert oder gar auslöscht, hat das unproduktivere Einzelkapital Arbeit in Bewegung gesetzt, die nun – beim Verkauf der Ware – nicht als gesellschaftlich notwendige Arbeit anerkannt wird: Es verkauft die Produkte sozusagen unter ihrem »tatsächlichen« Wert. Ein Teil der Arbeitszeit der Beschäftigten war umsonst. Indem der produktivere Konkurrent das Niveau der durchschnittlichen Produktivität erhöht, zwingt er alle anderen dazu, sich diesem Niveau durch Produktivkraftsteigerung und Preissenkung auf Gedeih und Verderb anzupassen.

Das bedeutet auch: Kein Einzelkapital realisiert genau den Mehrwert der Arbeitskräfte, die es in seinem Betrieb angewandt hat! Sondern es realisiert – wie es dann im dritten Band des »Kapitals« heißt – einen Durchschnittsprofit, der in dem Produktionspreis des Endproduktes enthalten ist. Dieser Preis des Einzelprodukts aber ist nicht mit seinem Wert identisch oder anders formuliert: Es gibt keine individuelle Wertübertragung, und die individuell konkrete Arbeitszeit steckt auch nicht in den Waren drin, wie die Marmelade im Pfannkuchen! Vielmehr konkurrieren die Unternehmen in ihrem Profit um ihren Anteil an der gesellschaftlich produzierten Mehrwertmasse, und zwar insofern diese Unternehmen darum konkurrieren, ihre bereits produzierte Produktenmasse tatsächlich abzusetzen. Denn nur durch den Absatz, das heißt den tatsächlichen Verkauf der Ware, verwandelt sich die Mehrarbeit in Mehrwert, also in Geld bzw. Kapital.

Wie viele Waren letztlich abgesetzt werden, wird durch Angebot (Preishöhe) und Nachfrage (Kaufkraft) ermittelt. Bei Marx finden die Bewegungen von Angebot und Nachfrage also durchaus ihre Berücksichtigung, wobei er eine durchschnittliche Marktsituation analysiert und keine extreme Notsituation (Wasser in der Wüste), weil diese nichts über die Normalität aussagen würde. Doch regulieren bei Marx Angebot und Nachfrage nicht das Marktgeschehen, sondern sie unterliegen selbst einer Regulation, nämlich der gesellschaftlich durchschnittlichen Produktivkraft der Arbeit, in der sich die »gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit« geltend macht. Auf der Angebotsseite drückt sich das dahingehend aus, dass die Massenprodukte tendenziell billiger werden, je schneller und effizienter sie produziert werden können. Aber auch die Nachfrageseite ist indirekt davon betroffen. Denn je mehr Maschinerie in der Produktion angewandt wird, umso weniger Arbeitskräfte werden für diese Produktion benötigt. Der Rest wird tendenziell »überflüssig«, es entsteht, in Marx‘ Worten, eine »industrielle Reservearmee«; heutzutage spricht man von »Prekären« und »Sockelarbeitslosigkeit«.

Man sieht, wie die Möglichkeit der Zeitersparnis unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen für alle Beteiligten zum Fluch wird: Für die Kapitalisten, weil sie immer schneller mit reißendem Absatz produzieren und zwanghaft neue Märkte erschließen müssen; und für die Lohnabhängigen, weil sie entweder aus dem Produktionsprozess heraus- und der sozialen Fürsorge oder dem Elend anheimfallen; oder aber sie verbleiben in der Produktion, müssen aber immer mehr, immer schneller und intensiver arbeiten. Aus einer Entwicklung, die mithilfe von Maschinen und neuen Techniken die Produktion von Gütern besser und schneller macht, resultiert im Kapitalismus eine Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen vieler Menschen.

Nur eine sozialistische Produktionsweise vermag die gesellschaftliche Gesamtarbeit im Sinne einer Ökonomie der Zeit gleichmäßig zu verteilen, sodass mit wenig Aufwand viel für alle, die bedürfen, produziert werden kann. Neben der notwendigen Arbeit, also der Zeit, die verausgabt werden muss, um den gesamtgesellschaftlichen Bedarf zu decken, würde dann eine Unmenge von überschüssiger Zeit freigesetzt werden, die allen Gesellschaftsmitgliedern zur freien Verfügung stünde. Von diesem Standpunkt aus erfolgte bei Marx die Kritik der politischen Ökonomie der kapitalistischen Verhältnisse, die, von dort betrachtet, geradezu fremdbestimmend und beschränkt erscheinen.

Geschrieben von:

André Kistner

Politische Bildung