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Dostojewski, Marx, Liza Minelli – vom Geld und seinen Mythen

14.05.2016
Das Pyramidenauge auf dem Dollar-ScheinFoto: Carbon Arc / Flickr CC-BY-NC-SA 2.0 LizenzUm das Geld und seine Macht ranken sich Mythen und Verschwörungstheorien.

Die Bargeldbegrenzung wird derzeit heiß diskutiert. Eine gute Gelegenheit, ein paar grundlegende Fragen zum Zusammenhang von Geld und Kapitalismus zu beantworten – und mit Mythen und Missverständnissen aufzuräumen.

In Berlin finden im Durchschnitt über fünf Demonstrationen statt – pro Tag. In Frankfurt am Main sind es sicherlich weniger. Dafür steht dort die Europäische Zentralbank (EZB), was der Finanzmetropole schon mehrmals Proteste beschwert hat. Und deshalb wird dort heute unter dem Motto »Finger weg von unserem Bargeld« für eine neue Geldordnung demonstriert. Denn wer die Presse gut verfolgt hat, weiß: Es soll nicht nur der 500-Euro-Schein abgeschafft werden, sondern, so die Befürchtungen einiger ZeitgenossInnen, das Bargeld überhaupt. Im Aufruf für die heutige Kundgebung in Frankfurt am Main heißt es deshalb: »Wir rufen zur Verteidigung unseres Bargeldes und unserer Freiheit auf. Gegen Gängelung und Bevormundung von uns freien Bürgern!« Nicht ohne Grund wird in den letzten Wochen gerne der russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-1881) zitiert: »Geld ist geprägte Freiheit«.

Die Debatte ums Bargeld

Um es kurz zu machen: Ja, es ist sinnvoll, Bargeld abzuschaffen. Schon aus hygienischen Gründen. Eine Untersuchung der New York University identifizierte etwa 3.000 Bakterientypen allein auf einem US-Dollar-Schein – nur 20 Prozent der nichtmenschlichen DNA konnten genauer bestimmt werden. Und natürlich hat man auch Kokain gefunden.

Das haben die ÖkonomInnen aber wohl kaum im Kopf, die in den letzten Monaten die Debatte darüber angeheizt haben, ob das Bargeld abgeschafft gehört. Das fordern etwa der ehemalige Chef-Ökonom des IWF, Kenneth Rogoff, und der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger – was zu Empörung und öffentlichen Bekenntnissen zu Bargeld führte, etwa von Bundesbankchef Jens Weidmann. Besonders die Deutschen scheinen am Bargeld zu hängen. Laut Umfragen sind drei Viertel der BundesbürgerInnen dagegen, Scheine und Münzen aus dem Verkehr zu ziehen.

Ja, es ist sinnvoll, Bargeld abzuschaffen. Schon aus hygienischen Gründen.

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Andere Länder sind in der Frage weiter. Nicht nur in den USA, wo die bargeldlose Bezahlung viel verbreiteter ist. Man erinnere sich an den Film »The Big Lebowski«, in dessen Zentrum »der Dude« steht, jener Lebowski, der in der Anfangszene im Supermarkt die Milch für den von ihm so geliebten Cocktail »White Russian« mit einem 69-US-Cent-Scheck bezahlt. Schweden führte als erstes europäisches Land Mitte des 17. Jahrhunderts das Papiergeld ein und gilt heute als Vorreiter bei der Wiederabschaffung – selbst in der Kirche wird heute statt eines Klingelbeutels ein Kartenlesegerät rumgereicht. Die dänische Notenbank hat angekündigt, keine neuen Banknoten mehr zu drucken und kleine Geschäfte sollen kein Bargeld mehr annehmen müssen. In Italien und Frankreich und weiteren Euro-Ländern herrschen seit Jahren Obergrenzen für Bargeldzahlung, nichts über 1.000 Euro kann dort mehr mit Scheinen bezahlt werden.

Die Argumente der Bargeld-abschaffen-Fraktion

Was sind die Argumente derjenigen, die das Bargeld abschaffen wollen? Ohne Bargeld könnte man die Geschäfte der sogenannten organisierten Kriminalität austrocknen, so lautet ein Argument. Die Rolle des Bargeldes für »dunkle Geschäfte« lässt sich anhand des 500-Euro-Scheins zeigen. Kaum jemand hat ihn je in der Hand gehabt, und trotzdem machen die hellvioletten Scheine laut EZB rund ein Drittel des Bargeldes in der Euro-Zone aus. Etwa 600 Millionen 500-Euro-Scheine sind im Umlauf. Die Banknote wird auch als Matratzen-Geld bezeichnet, schließlich bietet sich der hohe Wert des Scheins an, wenn man sein Vermögen nicht bei einer Bank hinterlegen will. Zudem, so ein weiteres Argument, brächte die Abschaffung des Bargeldes Zeit- und Kostenersparnisse mit sich. Scheine und Münzen müssten nicht mehr teuer gedruckt oder geprägt und an der Kasse nicht mehr mühselig im Portemonnaie gesucht werden.

Ein 500-Euro-Schein.

Dünn und saugfähig – es schlief sich gut auf dem 500er.

Solche Argumente überzeugen kaum. Dass kriminelle Geschäfte mit Milliardengewinnen auch mit Bankkonto möglich sind, zeigen die Verurteilungen von zig Großbanken und Strafzahlungen in Milliardenhöhe. Auch gibt es Geldsubstitute wie die Kryptowährung Bitcoin oder andere Formen der Bezahlung. Der Euro ist in diesen Bereichen der informellen Ökonomie eh nicht besonders gefragt. So akzeptieren etwa die Piraten vor der somalischen Küste US-Dollar, keine Euros.

Selbst der Kampf gegen Steuerflucht scheitert derzeit nicht daran, dass das Geld in großem Stil als Bargeld vor dem Fiskus in Sicherheit gebracht wird. Und »Matratzen-Geld« sind inzwischen viel eher teure Kunstgemälde oder Immobilien, die als Wertaufbewahrungsmittel dienen. Und wer ab und an im Supermarkt ist, weiß, wie langwierig es sein kann, mit EC-Karte zu bezahlen.

Bargeldbegrenzung soll die Negativzinspolitik flankieren

Vor diesem Hintergrund bekommt ein letztes Argument besonderes Gewicht, das etwa Rogoff und Bofinger anführen: Ohne Bargeld könne die Geldpolitik der Zentralbanken besser greifen, namentlich die Zinspolitik. Warum? Die Niedrigzinspolitik der EZB soll Kredite billiger machen und so die Wirtschaft ankurbeln. Das passiert jedoch kaum. Unternehmen, die dringend Kredit bräuchten, bekommen trotzdem kein Geld – Banken ist das zu riskant. Niemand kann ihnen versprechen, dass sie das Geld wiedersehen. Andere Unternehmen wollen keinen Kredit. Zwar machen sie Profit, aber ihre Produktion kreditfinanziert auszuweiten, schätzen sie als zu riskant ein – so rosig sind die Gewinnaussichten nun auch wieder nicht. Das Geld bleibt deshalb bei den Banken oder fließt an Finanzmärkte. Soll weiter geldpolitisch versucht werden, die Wirtschaft anzukurbeln (und nicht etwa durch Investitionen durch den Staat), muss der Zins negativ werden; Geld auf der Bank zu parken, würde bestraft. Das könnte dazu führen, dass Geld abgehoben wird. Lieber ein paar 500-Euro-Scheine unter der Matratze als eine Entwertung des Ersparten hinnehmen. Gibt es kein Matratzen-Geld oder sogar gar kein Bargeld mehr, wäre das nicht möglich.

Ähnliches praktizierte die Politik angesichts der Krise von 1929, zumindest in den USA: Während der deutsche Reichskanzler Heinrich Brüning die Krise mit Spardiktaten zu bekämpfen versuchte und verschärfte, verbot der US-Präsident Franklin D. Roosevelt den Besitz von mehr als fünf Unzen Gold, dem damaligen Matratzen-Geld und setzte so einen Teil der für den New Deal notwendige Liquidität frei. Auch damals wurden heftige Debatten geführt. So formulierte der Ökonom Charles Rist 1938: »Es ist bemerkenswert, dass das Vertrauen des Volkes zum Golde sich durch keine philosophischen Kritiken erschüttern lässt. Manche Volkswirtschaftler machen ihm deswegen Vorwürfe.«

Bargeldloser Zahlungsverkehr erhöht den Informationsbedarf

Es gibt jedoch auch Gegenstimmen aus einer anderen Ecke: Während bei Bargeld egal ist, wer den Schein ausgibt oder annimmt, das Verhältnis der Akteure mit dem Händewechsel des Geldscheines beendet ist, ist es bei Kreditgeld nicht nur existenziell zu wissen, wer SenderIn, wer EmpfängerIn von Zahlungen ist (und sei es ein Nummernkonto), sondern als Kreditbeziehung bleibt es existent – und die Kreditwürdigkeit spielt eine große Rolle, was zusätzliche Informationen über die KreditnehmerInnen nötig macht (Kreditratings, Schufa-Auskunft etc. pp.). Der Ökonom Martin Shubik formuliert es so: Bargeld hinterlässt keine Papierspur.

Die Verpflichtung zu einem Konto bietet also ein Einfallstor für staatliche Überwachung, was (Neo-)Liberale bis Piraten auf den Plan ruft. Geld beginnt so plötzlich wieder zu stinken – Buchgeld ist schließlich auch eine Frage der Glaubwürdigkeit und der Ansicht der Person, des »Standes«.

Für die einen ist der Vorschlag, Bargeld abzuschaffen, daher die Speerspitze des Neoliberalismus, für die anderen ein Angriff auf die liberalen Grundsätze der Marktwirtschaft. Schon dieser Widerspruch deutet an, dass das Problem etwas grundsätzlicher ist, nämlich zur Frage führt, was das eigentlich ist, das Geld. Mehr noch: Was Bargeld eigentlich von Buchgeld, dem Geld auf der Bank unterscheidet – letzteres ist streng genommen kein Geld.

Was ist das eigentlich, Bargeld und Buchgeld?

Die Grundlage dafür, das Bargeld abgeschafft werden kann, ist, dass Geld etwa bei Banken liegt, Buchgeld entsteht. Das Geld ist jetzt in den Büchern der Bank, womit gegenüber der Bank eine Forderung entsteht. Das Geld hat sich scheinbar verdoppelt. Die Bank ist Schuldner und hat eine Verpflichtung gegenüber dem Kontoinhaber, dem Gläubiger. Zwar stellt sich beim Blick auf den Bildschirm, beim Onlinebanking, die Vorstellung ein, dass ich so und so viel Geld habe, de facto hat es aber die Bank. Das Geld auf den Konten ist somit eine bestimmte Form von Geld: Kredit- oder Buchgeld. Ich habe eine Forderung gegenüber der Bank, mehr nicht.

Buchgeld ist also kein Geld. Das zeigt sich schon daran, dass alle Forderungen und Verpflichtungen einander gegenüberstehen und einen Saldo von Null ergeben. Ein Zahlungsversprechen wird mit Geld beglichen, ist aber kein Geld, kann nur Geldfunktionen vollziehen, etwa in Form von Kreditgeld, früher etwa des gängigen Handelskredits, des Wechsels. Heute ist das Buchgeld vorherrschend. Wechsel kennt man aus Geschichtsbüchern oder Schwarz-Weiß-Filmen.

Wenn also Person A an Person B eine Überweisung tätigt, dann wandert das Zahlungsversprechen der Bank X gegenüber Person A an die Bank Y, die jetzt eine Verpflichtung gegenüber Person B hat. Dieses Verhältnis ändert sich nicht grundlegend, wenn per EC-Karte gezahlt wird oder Bezahldienste genutzt werden.

Buchgeld ist eine risikoreiche Angelegenheit, wie die letzten Jahre gezeigt haben – trotz Einlagensicherung. Dass Angela Merkel 2008 mit dem Wortlaut vor die Kameras treten mussten, »die Spareinlagen sind sicher«, sagt viel. Und in Griechenland, von Berlin mit dem Grexit bedroht, ziehen viele Menschen ihr Geld von den Konten ab, und das Banksystem hängt an der EZB-Notfallversorgung.

Zum Zusammenhang von Geld und Kapitalismus

Trotz der vielen Tinte, die in der Krise auf Fragen nach Geld und Kapitalismus verwendet wurde, bleiben für den Alltagsverstand selbst einfache Sachverhalte, die Unterscheidung von Geld und Buchgeld, im Dunkeln. Bei der Debatte um das Bargeld sind mehrere Punkte ungeklärt.

Erstens geht es nicht um Geld, sondern darum, wie aus Geld mehr Geld werden kann. Seit der Krise stottert der Wachstumsmotor in Europa, und selbst niedrige Zinsen helfen nicht. Das Geld wird nicht zu Kapital, denn auch Kapital ist nicht einfach eine große Summe Geld, sondern sich verwertendes Geld. Die Krise der Verwertung soll geldpolitisch gelöst werden. Und hier liegt der Hase im Pfeffer: Die Geldpolitik kommt an ihre Grenzen.

Bargelddebatte und Kapitalfetisch

In der Bargelddebatte kommt zweitens zum Ausdruck, was Marx den Kapitalfetisch nannte: die Vorstellung nämlich, dass einer bestimmten Summe Geld scheinbar die natürliche Eigenschaft zukommt, mehr zu werden, nur weil es Geld ist. Mehr werden kann Geld aber eben nur, wenn es als Kapital fungiert, akkumulieren kann, Ausbeutung von Arbeitskräften stattfindet. Ausbeutung lohnt sich für das Kapital jedoch nur, wenn Profit winkt, wenn die Kosten für das Einzelkapital niedrig sind. Dazu gehören, neben den Löhnen, die dank Rot-Grün (Deutschland) und der Troika (Euro-Peripherie) bereits massiv geschliffen wurden, auch die Zinsen.

Damit wären wir beim dritten Punkt, es wird nämlich unterstellt, dass Münzen oder Papier im Gegensatz zu Buchgeld sicher seien, quasi von Natur aus. Dieses Misstrauen rührt aus einem tief sitzenden Ressentiment gegenüber Banken, Finanzalchemie und Kreditgeldschöpfung, wo schon so manche daran gescheitert sind, zu erklären, was sie da eigentlich machen.

Wie bereits angemerkt, war das Vertrauen in Papiergeld aber nicht immer groß. Nach der Französischen Revolution stand die Todesstrafe auf diskreditierende Äußerungen über die von der Revolutionsregierung ausgegebene Papierwährung. Ähnlich ging es Ende des 17. Jahrhunderts in England zu, also kurz nach Gründung der Bank of England – und viele bekannte Köpfe der Aufklärung (etwa John Locke) ließen es sich nicht nehmen, die repressiven Praktiken intellektuell zu verteidigen. Das Vertrauen wurde also erzwungen und war alles andere als spontan.

Das Vertrauen in Papiergeld war nicht immer schon groß. Nach der Französischen Revolution stand die Todesstrafe auf diskreditierende Äußerungen über die von der Revolutionsregierung ausgegebene Papierwährung.

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Bargeld, Münzen und Scheine, Buchgeld – das alles sind Formen von Geld. Meist wird einfach alles als Geld bezeichnet, wobei der Unterschied zwischen Kredit, einem Zahlungsversprechen, und Geld verschwimmt.

Wozu überhaupt Geld? Was Marx sagt

Marx versuchte Ordnung in die Verwirrung zu bringen, fragte, warum es überhaupt die Form Geld braucht. In einer Gesellschaft, in der die kapitalistische Produktionsweise herrscht, so Marx, werde einerseits arbeitsteilig für den Markt produziert, als Privatproduktion, gleichzeitige herrsche allseitige Abhängigkeit. Die Privatarbeiten bekommen deshalb erst im Nachhinein, auf dem Markt, die gesellschaftliche Rückmeldung, ob und unter welchen Bedingungen sie gebraucht werden. Diese »Feedback« organisiert das Geld.

Geld ist Marx zufolge die versachlichte Vergesellschaftungsinstanz. Geld gilt unmittelbar als Wert, ist die unmittelbare Existenzform des Werts, während die als Waren produzierten Produkte erst als Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit beweisen müssen, als Wertprodukt. Erst mit Geld können die Waren unabhängig von ihrem Gebrauchswert ihren Wertcharakter geltend machen und mit einem Preisschild vor sich hertragen. Im Geld materialisiert sich demnach ein spezifisch gesellschaftliches Verhältnis (kapitalistische Warenproduktion), es ist eine soziale Tatsache. »Das Individuum trägt (mit dem Geld) seine gesellschaftliche Macht, wie seinen Zusammenhang mit der Gesellschaft, in der Tasche mit sich.« (Marx)

Gold, Papier, Zigaretten, Bits – das Material des Geldes

Das heißt nicht, dass Geld immer Papier sein muss – auch das Papiergeld war eine kapitalistische Innovation, die sich erst gegen Gold und geprägte Münzen durchsetzen musste. Inzwischen erwägen auch die Zentralbanken der Welt, Geld digital auszugeben, in Form eines Staatsbitcoins. Was es aber braucht, ist ein Wertzeichen, eine unmittelbare Existenzweise des Werts, etwas, worauf sich alle als Geld beziehen, beziehen müssen, um ihre Waren überhaupt als Werte aufeinander beziehen zu können.

Ein junger Mann mit nacktem Oberkörper, der raucht, liegend im Halbschatten
Foto: Baltasar Vischi / Flickr CC-BY 2.0 Lizenz

Auch Zigaretten können als Geld fungieren. Es löst sich dann schnell in Rauch auf.

Schafft es der Staat nicht mehr, Geld als das »einzige unbeschränkte gesetzliche Zahlungsmittel« allgemein verbindlich durchzusetzen, findet ein Rückzug in andere »Gelder« statt. Kein Geld vereint dann mehr alle Funktionen. Die einen flüchten ins Gold, um ihr Vermögen in Sicherheit zu bringen; es erstarrt zum Schatz und kann weder als Geld noch als Kapital fungieren. Es müssen neue Wertstandards für Kreditverträge gefunden werden – und ein Geld, das als Zirkulationsmittel fungieren kann, weil niemand mehr Zahlungsversprechen akzeptiert. Der wirtschaftliche Zusammenhang der Gesellschaft zerfällt. Weil sich bei einer Inflation auch Schulden entwerten, wurden beispielsweise 1923 in Deutschland Kredite auf Basis von Roggen und Kilowattstunden abgeschlossen. Nach 1945 waren Lucky Strikes für kurze Zeit Tauschmittel.

Mythen und Missverständnisse über Geld und Finanzkapital

Die Geschichte des Geldes ist geprägt von Missverständnissen und Auseinandersetzungen darüber, was Geld überhaupt ist – und mit allerlei Mythen und Verschwörungstheorien befrachtet. So vermutet Norbert Häring, Wirtschaftsjournalist beim Handelsblatt und Autor von »Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen«, hinter den Forderungen nach Abschaffung des Bargelds ein »Netzwerk, dessen Zentrum an der Ostküste der USA liegt«. Er leistet damit (antisemitischen) Ressentiments Vorschub: nicht nur mit der Formulierung (»Ostküste«), sondern indem Häring die Vorstellung bedient, dass, wer von der Entscheidung profitiert (Banken, Finanzdienstleister), deshalb auch die dahinterstehende Kraft sein muss. Aber auch die Unterstellung, dass die großen Industrieländer in der Frage an einem Strang ziehen und sich somit der Standortkonkurrenz entziehen würden, unterschlägt den »Zwang der ökonomischen Verhältnisse« (Marx), der den Kapitalismus gerade auszeichnet.

Während andere WirtschaftsjournalistInnen über einen »Währungskrieg« fabulieren, geht Häring davon aus, dass sich die politische Elite und die Notenbanker über die Währungskonkurrenz hinwegsetzen und darauf verständigen könnten, das Bargeld gleichzeitig abzuschaffen. Denn sonst bliebe ja die Möglichkeit, in eine andere Währung zu »flüchten«, was dieser einen Vorteil verschaffen würde. Siehe die Attraktivität des US-Dollars – obwohl in den USA Bargeld weit weniger wichtig ist. Auch das zeigt: Es ist vor allem eine deutsche Debatte, die geprägt ist von Verlustängsten und einer Menge Ressentiments. Das bedeutet nicht, dass die Debatte nicht geführt werden sollte. Aber sie ist nur dann sinnvoll, wenn sie im Rahmen einer Diskussion über Geld und Kapitalismus geführt wird.

Geld ist Freiheit? Was Liza Minelli sagt

»Money makes the world go round« sang einst Liza Minnelli. Sie hatte Recht. Geld ist alles andere als eine zu vernachlässigende Größe kapitalistischer Wirtschaft. Und wie der Soziologe Heiner Ganßmann immer wieder zurecht herausstellt, fördert jede Diskussion über Geld auch das Kapitalismusverständnis – und befähigt zu besserer Kritik an den Verhältnissen.

Dostojewski Satz vom Geld als geprägter Freiheit entstammt übrigens seinem Buch »Aufzeichnungen aus einem Totenhaus«, in dem er das Leben in einem sibirischen Gefangenenlager porträtiert, wo Geld einerseits sehr kostbar, aber eigentlich verboten ist. Aufgrund der Gefahr, dass es konfisziert wird, muss es schnell ausgegeben werden. Von wegen »geprägte Freiheit«. Da war Marx schon näher dran: »Die Individuen sind unter die gesellschaftliche Produktion subsumiert, die als ein Verhängnis außer ihnen existiert« – im Geld und Kapital.

Geschrieben von:

Ingo Stützle

Redakteur prokla