Wirtschaft
anders denken.

Von besetzten Fabriken

15.03.2019
Besetzte Betriebe

Es gibt ein großes Spektrum alternativer Wirtschaftsformen, die alle eint, dass sie menschliche Bedürfnisse ins Zentrum ihres Handelns stellen. Sie leisten einen Beitrag zum Lebensunterhalt, sind selbstverwaltet und verfügen über kollektives Eigentum, bauen auf Kooperation und solidarische Beziehung zur Gesellschaft. Manche sind eingebettet in den kapitalistischen Markt, andere grenzen sich von ihm ab und suchen eigene Wege, Produktion, Distribution und Verbrauch zu gestalten. Anderswo hat diese Art zu wirtschaften eine längere Tradition, als hierzulande, in Brasilien zum Beispiel gibt es seit 2003 ein Staatssekretariat, in Griechenland, aus der Krise geboren, ein Gesetz für Solidarische Ökonomie. oxiblog widmet eine ganze Serie einem wichtigen Bereich der solidarischen Wirtschaftsformen: dem solidarischen Handel.

Ein beliebtes Geschenk zwischen solidarisch Handelnden und ihren Freund_innen ist die Seife von Vio.Me aus dem griechischen Thessaloniki. Es gibt sie mittlerweile in den Duftnoten Kräuter oder Lavendel, jedes Stück ist liebevoll verpackt und mit einem Aufkleber versehen: »Die Seife, die du gerade in der Hand hast, wird von uns, den Vio.Me Arbeitern hergestellt, die gegen Arbeitslosigkeit und Depression Widerstand leisten.« Die Seife kann unter anderem im Shop der sozialistischen Tageszeitung nd erworben werden.

Bevor die Fabrik 2011 wegen Insolvenz geschlossen wurde, arbeiteten bei Vio.Me 70 Menschen. Einige von ihnen besetzten die Fabrik. Die verbliebenen 20 Arbeiter_innen kämpfen seitdem um ihr Recht auf ihren Arbeitsplatz. Immer wieder finden Gerichtstermine statt, bei denen die Gebäude samt Maschinen aus der Insolvenzmasse versteigert werden sollen. Bisher konnte dies mit Protesten abgewendet werden, die auch von Freund_innen aus anderen Ländern unterstützt werden.

Vio.Me in Thessaloniki

Früher wurden hier chemische Baukleber hergestellt, die Besetzer_innen haben die Produktion auf ökologische Reinigungsmittel umgestellt. Im Herbst 2016 luden sie zu einer Konferenz selbstverwalteter Betriebe im europäischen Mittelmeerraum nach Thessaloniki ein. Ein Thema war die gegenseitige Unterstützung und verstärkte Zusammenarbeit, unter anderem durch den gemeinsamen Vertrieb von Produkten. Aus Berlin waren zwei Vertreter von Union-Coop dabei, einem Zusammenschluss selbstverwalteter Betriebe, die sich im Verbund mit der anarchosyndikalistischen Basisgewerkschaft FAU (Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union) nicht nur für die Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder, sondern auch für gesellschaftliche Veränderungen einsetzen.

Gewerkschaftliche Solidarität: Union Coop

Im Herbst 2017 ging der Union-Coop-Shop online, in dem Produkte selbstverwalteter Betriebe verkauft werden – von Vio.Me neben der Seife ein ganzes Reinigungsmittelsortiment, sowie T-Shirts mit dem Slogan »Occupy Resist Produce«. Von der selbstverwalteten Teefabrik Scop Ti aus Gémenos bei Marseille gibt es im Shop mehrere Sorten schwarzen, grünen und Kräutertee. Der Kontakt war auf der Konferenz in Thessaloniki zustande gekommen. Scop Ti hieß früher Fralib und gehörte zum Unilever-Konzern, für den das Unternehmen Lipton- und Elephant-Tee herstellte. Als die Eigentümer den Betrieb schlossen und versuchten, ihn nach Polen zu verlegen, besetzten die Arbeiter_innen die Fabrik. Nach über drei Jahren gelang ihnen 2014, für ausstehende Löhne und den Verlust der Arbeitsplätze eine Abfindung von insgesamt 20 Millionen Euro zu erkämpfen, darin enthalten auch die Maschinen. Heute produzieren über 40 Arbeiter_innen in ihrem eigenen Unternehmen Teebeutel unter dem Markennamen 1336, denn so viele Tage dauerte die Besetzung.

Scop Ti bei Marseille

Scop Ti bemüht sich darum, die Rohstoffe zu fairen Bedingungen direkt bei den Hersteller_innen einzukaufen. Das ist nicht einfach, weil für die industrielle Teeproduktion große Mengen nötig sind, die meist nur über den Großhandel zu beschaffen sind. Schon während der Besetzung begann die Zusammenarbeit mit Landwirt_innen, die in Buis-les-Baronnies Lindenblüten anbauen. Dieser Direkteinkauf soll perspektivisch auch auf andere Kräuter wie Kamille und Eisenkraut/Verbene aus der Provence ausgeweitet werden. Von einer Kooperative in Nord-Vietnam würde ScopTI gerne grünen Tee beziehen, was sich jedoch aufgrund unterschiedlicher Qualitätsstandards und bürokratischer Hürden mühsam gestaltet. Die größten Kunden von Scop Ti sind Supermarktketten, aber etwa ein Fünftel ihres Umsatzes machen sie im solidarischen Direkthandel, der ihnen auch politisch sehr wichtig ist, und langsam zunimmt.

Neben den Produkten von Vio.Me und Scop Ti gibt es im Union-Coop-Shop auch noch Bio-Rotwein, der in der westspanischen Extremadura von einem kleinen Familienbetrieb für die Genossenschaft Actyva und für den Union Coop-Verbund produziert wird. Actyva wurde von der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT gegründet, um die lokale Ökonomie zu unterstützen und selbstbestimmte Arbeitsplätze zu ermöglichen.
Die Union Coop möchte ihre Produktpalette ausweiten, um weitere kämpferische Betriebe zu unterstützen. Geplant war der Verkauf von Likören aus der besetzten Fabrik RiMaflow in Mailand und von Olivenöl aus der ebenfalls besetzten Finca Cerro Libertad in der Nähe von Jaen in Andalusien. Beides gestaltet sich jedoch schwierig.

RiMaflow ist ein ehemaliger BMW-Zulieferbetrieb, der 2009 wegen betrügerischer Insolvenz geschlossen wurde. Als drei Jahre später die Maschinen abtransportiert wurden, besetzten Aktivist_innen das Gelände. Sie reparieren elektrische und elektronische Geräte, stellen Getränke her und bieten als „Offene Fabrik“ Kultur und politische Veranstaltungen an. Um Liköre nach Deutschland zu exportieren, wären umfangreiche bürokratische Auflagen zu erfüllen, was die Kollektivist_innen im Moment überfordert.

Eigentümerin der Finca Cerro Libertad, und vieler weiterer brachliegender Landwirtschaftsflächen, ist die global tätige Großbank BBVA. Unterstützt wurde die Besetzung von der andalusischen Landarbeiter_innengewerkschaft SAT (Sindicato Andaluz de Trabajadores/as). Im Frühjahr 2018 hatte die Gruppe Interbrigadas aus Berlin noch einen Solidaritätsbesuch bei Cerro Libertad gemacht, mittlerweile wurde das Grundstück – nicht zum ersten Mal – geräumt.

Solidarität und Filme

Wenn es besetzten Betrieben gelingt zu produzieren, dann haben sie es am kapitalistischen Markt nicht leicht, auch wenn sie – wie Scop Ti – bereits legalisiert sind. Darum hat die Unterstützung durch solidarischen Einkauf eine große Bedeutung. Die Union Coop vertreibt deren Produkte neben dem Online-Shop auch über Verkaufspunkte in verschiedenen Städten.

Die Kollektive möchten auch ihre Ideen und Erfahrungen von selbstbestimmter, würdiger Arbeit in die Welt bringen. Mehr über diese Arbeitswelt und ihre emanzipatorischen Potenziale, aber auch ihre besonderen Herausforderungen, lässt sich aus etlichen Filmen erfahren, beispielsweise Next Stop Utopia von Apostolos Karakasis über Vio.Me oder Occupy, Resist, Produce – RiMaflow von Dario Azzellini und Oliver Ressler. Über Scop Ti hat Claude Hirsch mehrere Filme gedreht, unter anderem »Pot de thé – Pot de Fer«. Aktuell produziert Laura Coppens ebenfalls über Scop Ti den Film Taste of Hope, der 2019 in die Kinos kommen soll.

Auf www.solihandel.solioeko.de ist ein Rückblick der Autorin erschienen.

Geschrieben von:

Elisabeth Voss

Publizistin