Wirtschaft
anders denken.

Von der Fabrik in die Gesellschaft und umgekehrt: 1968, die Hörsäle und die Reihenhäuser

10.01.2018
Hennercrusius / CC BY 3.0Lehrlingsdemonstration in Hamburg, 1968

Waren »die 1968er« zu weit weg von »den Reihenhäusern und Fabriken«? Das behauptet nicht nur CSU-Mann Dobrindt, es klingt auch in der linken Debatte an. Über zwei Denkfehler und die Chance, aus »1968« etwas über »Einheit in Differenz« zu lernen.

Muss über Alexander Dobrindts Ruf nach einer »konservativen Revolution« noch geredet werden? Patrick Bahners hat den Bürger, gemeint als Mehrheit, als Citoyen, schon gegen die unangemessene Inanspruchnahme durch das rechte Manifest verteidigt. Georg Diez hat sich zum »Retorten-Reaktionär« aus der CSU geäußert und bereits die Forderung erhoben, nicht länger zuzulassen, dass »rechte Kräfte ›Freiheit‹ als Kampfbegriff gegen Fortschritt instrumentalisieren«.

Auch das zur Mobilisierung der angeblich Macht- und Stimmlosen gemalte Zerrbild »linker Eliten« und ihrer angeblichen einflussreichen »Bastionen« hat reich illustrierten Widerruf erfahren. Ulf Poschardt hat versucht, daraus einen Schlüssel für die Fluchttür aus der Debatte zu drehen: Die Reaktionen auf Dobrindts rechtskonservative Programmschrift werden zum Beweis für seine kruden Behauptungen erklärt: Die »Gesinnungslinke« sei auf breiter Front und im Gleichschritt auf die »experimentelle Provokation« eines listigen Politikers hereingefallen, der ihr den Spiegel vorhalten wollte. Die üblichen Likes auf dieser Seite, die bestätigenden Retweets auf der anderen. Ende der Debatte?

Dobrindts Manifest und das linke Eribon-Moment

Ein Nachtrag sei zumindest noch vorgeschlagen, und er hat etwas mit Dobrindts Behauptung zu tun, »die 68er« seien »immer eine Elitenbewegung« gewesen, »eine Bürger-, Arbeiter- oder Volksbewegung waren sie nie«. Was sich Dobrindt da als eine Art negatives historisches Subjekt vorstellt, ganz einheitlich, ohne Widersprüche, kommt für ihn ausschließlich »aus den Hörsälen und Redaktionsräumen«, aber, so schreibt es der sonst um die dort Wohnenden so umfassend besorgte CSU-Mann, »nicht aus den Reihenhäusern und Fabriken«.

Es klingt in diesen Formulierungen etwas an, das man auch aus der linken Debatte unserer Tage kennt, sozusagen das »Eribon-Moment«: Die Linken hätten sich mehr und mehr auf Fragen der Kultur und Identität beschränkt und dabei die Arbeiterklasse und die einfachen Leute aus dem Blick verloren. Was dabei unter der Fahne der Emanzipation in Marsch gesetzt wurde, habe das »kulturelle« gegen das »soziale« ausgespielt, sei zum Treibstoff einer auf Identitätsfragen versessenen »neoliberalen Linken« geworden: eine Elite sozusagen, die »aus den Hörsälen und Redaktionsräumen« kam und letzten Endes gegen die Interessen derer in »den Reihenhäusern und Fabriken« agierte. Auch diese Fehlrezeption einer an sich notwendig-kritischen Rückschau auf die Fehlschläge und Unzulänglichkeiten in der Verbindung von sozialen und kulturellen Kämpfen malt gern einmal das Bild von »den 68ern« an die Wand.

Zwei Denkfehler verbinden diese, ansonsten in ihrer Motivlage so unterschiedlichen Sichtweisen: Erstens wird »1968« darin stark auf bestimmte Aspekte reduziert, vereinheitlicht und vom Ende der Geschichte aus betrachtet. Auch ist beiden eine Sicht auf soziale Bewegung eigen, die diese als Resultat des Wollens, aber weniger als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse und Krisen sehen will. Zugespitzt hat das (aus konservativer Sicht) Alexander Grau mit dem Hinweis, dass die »gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse, die mit 68 assoziiert werden, schon sehr viel früher« einsetzten; was als Revolte ablief, war also »nicht der Auslöser einer gesellschaftlichen Revolution, sondern deren Ergebnis«.

»Plurale Einheit«: Hörsäle und Fabriken

Der zweite Fehler besteht darin, die Verschränktheit von sozialen und kulturellen Motiven auszublenden. Weil der »proletarische Mai«, die Unruhe in den Betrieben, die Lehrlingsbewegung, das übergreifende Bündnis gegen die Notstandsgesetze, an dem sich auch Teile der Kirchen beteiligten, das internationalistische Band der Anti-Vietnamkriegs-Haltung, die Kontroversen zwischen Gewerkschaften und Studenten und vieles mehr weggelassen wird, kommt erst gar nicht der Gedanke an eine mögliche »plurale Einheit« (Angelika Ebbinghaus) auf – von der aus man dann weiter danach spüren könnte, wie sehr das in den »Hörsälen und Redaktionsräumen« mit dem in den »Reihenhäusern und Fabriken« vielleicht doch zusammenhing. Und mit migrantischen Interessen sowie Kämpfen um Gleichberechtigung von Frauen.

Wenn nun immer wieder dafür plädiert wird, soziale und kulturelle Kämpfe dürften nicht gegeneinander in Stellung gebracht werden, dann kann man von »1968« lernen – über die Grenzen, die Schwierigkeiten, die Widersprüche. Dazu müssten aber auch die Klassenkämpfe, die sozialen Auseinandersetzungen und die ökonomische Ursachen dafür wieder mit »1968« in Zusammenhang gebracht werden, die meist im Schatten der kulturellen Modernisierungsleistung versteckt bleiben. Zwei Bücher, die um das letzte »runde Jubiläum« erschienen sind, können dabei interessante Anregungen bieten.

Bernd Gehrcke und Gerd-Rainer Horn haben in »1968 und die Arbeiter« einen sehr weiten Überblick über den »proletarischen Mai« in Europa zusammengestellt: mit Länderstudien und der Besonderheit, das »1968 des Ostens« mit dem im Westen zusammenzubringen. In einem anderen Sammelband, den Peter Birke, Bernd Hüttner und Gottfried Oy besorgten, geht es unter der Überschrift »Alte Linke – Neue Linke?« ebenfalls um die »sozialen Kämpfe der 1968er Jahre«. Auch hier beleuchten die Beiträge Länderbeispiele – oder sie gehen möglichen Zusammenhängen einer ungleichzeitigen, »globalen Revolution« nach, die eben nicht strikt getrennt in den »Hörsälen und Redaktionsräumen« hier und den »Reihenhäusern und Fabriken« gemacht, erlebt, gedacht wurde.

Wirtschaftswunder, Bildungsexpansion, Krise des Fordismus

Zwei verbindende strukturelle Ursachen dieser »pluralen Einheit« sind leicht ausgemacht: Man mag Anfang und Ende von »1968« unterschiedlich markieren, immer jedoch wird dahinter als Bezugspunkt das Ende der Wachstumsperiode des globalen Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg und die Krise des Fordismus wahrzunehmen sein. Ein zweiter Punkt ist die Bildungsexpansion, die Zahl der Jugendlichen, die eine mittlere und höhere Ausbildung durchlaufen hatten, war seit 1945 stark gewachsen.

Beiden Ursachen kann man widersprüchliche Momente zuordnen: Mit dem wachsenden Wohlstand, der auf der politisch gewollten Umverteilung eines vergleichsweise großen Mehrprodukts basierte, ließ einerseits andere Ansprüche wachsen – solche der persönlichen Autonomie, des Konsums, der individuellen Lebensführung -, andererseits geriet die Erfüllung dieser Bedürfnisse mit der Krise unter Druck, worauf mit wachsender Unruhe in den Betrieben reagiert wurde. Diese war stärker als je zuvor vom Wunsch nach Autonomie, mit Fragen der moralischen Ökonomie, auch mit Auseinandersetzungen um Gleichheit verbunden; etwas, das auch aus den Bewegungen der Studenten und Schüler zurückwirkte. Diese wiederum agierten nicht nur gegen den »Muff von 1000 Jahren«, gegen autoritäre Zurichtung der Subjekte und für einen kulturellen Aufbruch. Sondern ihre Kämpfe hatten natürlich ihre soziale Dimension, in dem es unter anderem darum ging, die durch das per Bildung befeuerte Aufstiegsversprechen auch zu realisieren, was an die Grenzen des Gegebenen stieß – sei es die Struktur von Universität, seien es die Fahrpreise im Öffentlichen Nahverkehr, sei es die Aussicht auf eine Arbeit, die man nun nicht mehr bloß als Schicksal verstand, sondern als politisch veränderbare gesellschaftliche Wirklichkeit.

Peter Birke hat den schönen Satz geprägt: »Die Revolution begann nicht in der Fabrik, aber sie stand fast überall in Relation zu diesem Ort.« Das mag in Frankreich und Italien weit stärker so gewesen sein als in der Bundesrepublik. In der DDR blickte man nach Prag und sah dort einen politischen Frühling, der sich auch in die Betriebe auswuchs, wo es um Demokratisierung, um neue Rollen, eben um Freiheit ging. Im Westen waren dabei die Verknüpfungen mit migrantischen und feministischen Kämpfen viel deutlicher. Junge Arbeiter fuhren in die Universitäten, sahen sich dort mit Sprechbarrieren konfrontiert – fühlten aber das kulturelle Band.

Alternativen zur Lohnarbeit – oder nur eine bessere Arbeit?

In der Bundesrepublik hatten schon in den früheren 1960er Jahren Arbeitskämpfe um die Höherwertung von »Frauenlohngruppen« oder für besser Behandlung von migrantischen Arbeitern stattgefunden. An den Protesten gegen Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr beteiligten sich zwischen 1967 und 1969 in vielen Städten auch die Beschäftigten, gerade die jüngeren. Es gab eine Lehrlingsbewegung, eine der Schüler, einen Heimkinder-Aufbruch und so fort. Menschen aus proletarischen Elternhäusern, aus kleinbürgerlichen Familien. Natürlich gab es schier unüberwindliche Widersprüche – die einen suchten nach Alternativen zur Lohnarbeit, die anderen wollten genau die nur unter besseren Bedingungen.

Aber die »Einheit« bestand mitunter darin, diese »Differenz« zu erkennen und sie zum Thema zu machen. Das könnte übrigens auch ein Schlüssel für heute sein. Mal waren die neuen Bewegungen, »die 68er«, mehr ein Scharnier zwischen Fabrik und Gesellschaft, mal waren es die Beschäftigten. Mal waren die Auseinandersetzungen »auf die Kondition der Proletarität« stärker bezogen, mal weniger. Doch es waren eben nicht nur die in den »Hörsälen und Redaktionsräumen«, die einen umfassenderen Ruf nach individueller und kollektiver Freiheit formulierten, sondern dies geschah auch in den »Reihenhäusern und Fabriken«. Gerd-Rainer Horn schreibt: »Die Arbeiter verloren ihre Angst gegenüber … den kleinen wie den großen Chefs. Sie ergriffen das Wort – und dieser Ausdruck ist wortwörtlich zu nehmen, im Sinne von prise de parole.«

Hierarchisiertes Sprechen über die eigene Geschichte

Vieles davon spielt im Rückblick nur eine Nebenrolle. Peter Birke lehnt zwar den Begriff »vergessene Proteste« für das ab, was in den »Reihenhäusern und Fabriken« rumorte. Allerdings werde »die Vielfalt der Proteste« heute »dadurch überformt, dass das Sprechen über sie hierarchisiert ist«. Das ist in der Tat ein Problem, aber ein lösbares. Indem man diesen Teil des langen Aufbruchs von »1968« wieder stärker in Betracht zieht, werden auch die Einseitigkeiten mancher damaliger Darstellungen überwindbar. Herbert Marcuses Diktum von der integrierten Arbeiterklasse, die nicht mehr zur »großen Weigerung« fähig sei, mag mit Blick auf die damalige Politik der Gewerkschaftsapparate noch nachvollziehbar sein. Als Gesamturteil taugt es so wenig wie die Idee, nur noch kritische Minderheiten und Randgruppen hätten das Zeig zum historischen Subjekt.

»Das Potential, das die Geschichte der Arbeitskämpfe« auch der 1960er Jahre in sich trägt, schreibt Birke, liegt darin, dass es sich hier um eine »Geschichte der Veröffentlichung der Unzufriedenheit mit der Lohnarbeit« und der ihr zugrunde liegenden Produktionsverhältnisse handelt. In denen ist das angeblich Trennende (hier die Hörsäle, dort die Fabriken; hier die Einheimischen, dort die Migranten; hier die Frauen, dort die Familienernährer) gesellschaftlich zusammengeschweißt. Das hat die progressive Linke nicht immer gut begriffen und politisch ist die Erfolgsliste vielleicht auch gar nicht so lang.

Aber man könnte ja daraus lernen. Der Konflikt beinhaltete um 1968 weitaus mehr »als die Verteilungsfrage bzw. die Forderung nach der Sicherheit der Normalarbeit«, schreibt Birke. »Immer wieder geht es auch um den Bruch mit den Grenzen der Fabrik und ihrer inneren Vergemeinschaftungsformen, um die Aneignung eines Lebens, das möglich wäre und schon ganz greifbar erscheint.« Nicht einfach, daraus für heute eine »Politik« zu machen. Und es geht auch nicht um ein neues historisches Vorbild, das unkritisch angeeignet werden soll. Aber 1968 ist wichtig, um zu begreifen, dass der Graben zwischen »den Hörsälen und Redaktionsräumen« und »den Reihenhäusern und Fabriken« nicht so tief sein muss. Und überwindbar.

Geschrieben von:

Tom Strohschneider

OXI-Redakteur