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Ungleicher Kampf: Wachstum vs. Denkvermögen

Bunte Kaffeekapseln vor einer Nespresso-Maschine.Foto: Nick Harris / flickr CC BY-ND 2.0 LizenzSechs Gramm Kaffee, drei Gramm Müll. Kapseln vom Mitbewerber Nespresso.

Wachstumsmarkt. Dieses Wort reicht in den meisten Wirtschaftsredaktionen aus, um jede weitere Gehirnaktivität zu stoppen. Jüngst zu beobachten bei der Eröffnung eines Shops für Kaffeekapseln der Marke Qbo in Berlin.

Christian Ulmen, der eigentlich Herr Lehmann heißt, und der einstige Umweltminister Klaus Töpfer haben Tchibo einen großen Dienst erwiesen. In den Berliner Hackeschen Höfen eröffneten sie Anfang März den ersten Shop der neuen Kapselmarke Qbo, mit der die Tchibo GmbH Nespresso den Kampf ansagt.

Die online-Ausgabe der FAZ berichtete am 9. März über die Innovation am Markt, anerkennend und wohlwollend. Ulmen ist nicht Clooney, die Frauen werden nicht tot umfallen, wenn er neben ihnen an der Kaffeemaschine steht, aber einen Schauspieler wie ihn und einen einstigen Umweltminister dafür einzukaufen, eine der größeren Umweltschweinereien der Gegenwart als etwas ganz Tolles zu verkaufen, ist durchaus eine Leistung.

»Der Absatz von Kaffee ist im vergangen Jahr gestiegen«, sagt Kaffee-Experte Michael Griess von der Marktforschungsfirma Nielsen. »Vor allem Kaffeekapseln konnten mit einem Absatzwachstum von zwölf Prozent punkten.« Der Jubel über das stetige Wachstum des »Kapselmarktes« bleibt bei der FAZ unwidersprochen. Inzwischen stünde in jedem fünften deutschen Haushalt eine Maschine für Kapselkaffee.

Die FAZ fragt nicht, wie ein einstiger Umweltminister dazu kommt, so einen Mist als Werbebotschafter zu präsentieren. Auf sechs Gramm Kaffee kommen drei Gramm Müll. Wenn man das hochrechnet, wird einem schlecht. Nicht der Online-Redaktion der FAZ: »Allein im vergangenen Jahr wurden rund zwei Milliarden Kaffeekapseln verkauft – dreimal so viele wie fünf Jahre davor. Der Umsatz mit Kapseln betrug rund 620 Millionen Euro über alle Vertriebswege, das ist mehr als das Vierfache wie vor fünf Jahren.«

Wie oder als, halten wir uns daran nicht auf, die FAZ preist das Wachstumssegment Kaffeekapseln als »Mega-Trend mit großem Potential« (alte Rechtschreibung im Original; das großbürgerliche Blatt verweigert sich bis heute konsequent der vereinfachten neuen Schreibweisen). Packe man ihn in kleine Kapseln, koste ein Kilogramm Kaffee 60 Euro, lesen wir weiter – VerbraucherInnen sind bereit, das zu zahlen. Wenn es nur bunt ist und es eine App dazu gibt. Die gibt es: »Der eigentliche Clou des neuen Systems soll aber die Anbindung an eine Smartphone-App sein. Dort kann der Kunde das gewünschte Verhältnis von Kaffee, Milch und Schaum einstellen, verschiedene Lieblingsvarianten speichern, teilen und auf unterschiedlichen Qbo-Maschinen einsetzen.«

Na, wenn da mal nicht jemand aus dem Werbeprospekt abgeschrieben hat. Bei Tchibo liest sich das so: »In der Qbo-App können Sie individuell einstellen, mit wie viel Kaffee, heißer oder kalter Milch und Schaum Sie Ihren Lieblingskaffee trinken möchten.«

Wachstum lautet das Mantra, und wenn zwei Milliarden verkaufte Kapseln 4.000 Tonnen Müll produziert haben, ist das für die FAZ zwar erwähnenswert, aber nicht kritikwürdig. Kritikwürdig wäre es wohl, ließe sich Tchibo nicht auf die »Chance dieses Marktes« ein. Wachstumsschwäche, Stagnation, schwindende Marktanteile. Allein der Gedanke an derlei Ungeheuerlichkeiten beschert noch allen ausreichend Grusel, um gar nicht zu fragen, ob wir eigentlich von allen guten Geistern verlassen sind, unsere Hirne in einer weiteren bunten Kapselwelt abzugeben. Und das noch via App mit anderen zu teilen.

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

Kathrin Gerlof hat Journalistik in Leipzig studiert, viele Jahre als Redakteurin bei Tageszeitungen gearbeitet...