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Warum es neue Orte für ökonomische Bildung braucht

14.02.2018
fudowakira0 / pixabay

Wirtschaftswissenschaft muss sich nicht auf die Flucht in mathematische Scheinwelten festlegen lassen. Warum Wirtschaftswissenschaften zu sehr vom eigentlichen Problem abstrahieren und wie man eine Lehre näher am wirklichen Leben schaffen kann.

»Wirtschaft ist mir zu abstrakt«, hört man oft. Zugleich teilen viele Menschen die Einschätzung, dass Wirtschaft immer stärker unseren Alltag prägt, sie also sehr konkrete Folgen hat. Wie kommt es, dass Abstraktes Konkretes prägt? Wie können wir abstraktes und konkretes Denken verbinden lernen?

Das wirtschaftliche Leben ist bunt und voll. Täglich stehen wir mit zahlreichen Menschen in sozialen Interaktionen, reden, spielen, koordinieren, organisieren, handeln, täuschen, tauschen. Dabei bewegen wir uns immer in unterschiedlichen medialen Welten; Sprache, Symbole, Zahlen, Emotionen, Gewohnheiten und Gesetze sind Räume, in denen wir uns begegnen, durch die wir uns koordinieren und zwischen denen wir uns immer wieder auch missverstehen können.

Der gegenwärtig dominanten (Volks)Wirtschaftswissenschaft liegt es oftmals jedoch fern, in diese lebensweltliche Vielfalt einzutauchen oder gar Licht zu bringen. Vor allem für Studierende ist durch den weltweit standardisierten Lehrbuchkanon bereits vorentschieden, fast ausschließlich in mathematische Scheinwelten entführt zu werden, die als Ausgangspunkt einer Manipulation des Denkens genutzt werden können.

Zu abstrahieren bedeutet vor allem, von Phänomenen abzusehen, sie auszublenden. Abstraktes Denken funktioniert wie eine Leiter, auf der man emporkletternd immer weniger erkennen kann. Solche »Leitern« sind praktisch, um von »oben« zu erkennen. Man erhält eine gute Übersicht über Muster und Strukturen. Im Gegenzug muss dafür manches kognitiv ausgeblendet werden, ist dann zwar real noch vorhanden, schwindet aber aus unserem Aufmerksamkeitsfokus. Wenn wir aus dieser neuen Sichtweise handeln und dabei vergessen, dass wir auf einer Leiter stehen, kann ein Fehltritt fatale Folgen haben.

Auf das ökonomische Denken übertragen, können wir uns auf der ersten Stufe die eingangs angesprochene Mannigfaltigkeit unseres Zusammenlebens vorstellen, die sich mit »Alles Soziale« bezeichnen lässt. So weit und reichhaltig der Blick von dieser Stufe noch ist, abstrahiert er dennoch bereits etwa von unseren Beziehungen mit und Erfahrungen in der Umwelt und der Natur. Auf der nächsten Stufe schränken wir diesen Fokus noch weiter ein. Es wird nur noch »Wirtschaften« betrachtet: Staat, Zivilgesellschaft aber auch politische und kulturelle Aktivitäten, die mit »Alles Soziale« noch angesprochen waren, werden ausgeblendet, während Phänomene wie Arbeiten, Produzieren, Sorgen, Tauschen etc. in den Vordergrund treten. Betrachten wir nur noch »Märkte«, abstrahieren wir noch weiter.  Es scheint, als wäre allein der geldförmige Tausch zwischen Menschen von Erkenntnisinteresse.

Entlang unserer Abstraktionsleiter nimmt die Selektivität der Erkenntnis immer weiter zu. Immer weniger vermögen wir reflexiv zu erfassen. Zugleich aber lässt sich dadurch ein gewisser Teil der sozialen Wirklichkeit (eben der geldförmige Tausch) eingehend strukturell analysieren.

Märkte im sozialen Raum angelehnt an (Ötsch, 2009).

Auf diese Weise kann etwa in den Blick rücken, dass und wie Geld andere gesellschaftliche Kommunikationsformen tatsächlich verdrängen kann (überlegen Sie einmal kurz, wie selbstverständlich es uns ist, in den Supermärkten der Gegenwart weitgehend schweigend herumzulaufen und noch nicht einmal mit der Kassiererin in persönliche Beziehung zu treten). Auch kann das Geld dazu verführen, nur noch über Formeln und Algorithmen miteinander in Beziehung zu treten und etwa moralische oder politische Erwägungen praktisch nicht zu Wort kommen lassen. Wir begegnen uns dann »rein ökonomisch« als Käufer und Verkäufer, indem beide Parteien sozusagen auf der Leiter stehend handeln. Geld ist, kurz gesagt, eine Realabstraktion« (Alfred Sohn-Rethel), eine Abstraktion, auf deren selektiver Grundlage wir tatsächlich handeln.

Eine Wissenschaft, die auf der Ebene »des Marktes« operiert, könnte solchen Prozessen auf die Spur kommen. Sodann könnte sie lehren, die Abstraktionsleiter wieder sicher hinabzusteigen und die Einbettung und Interrelationen dieser Prozesse in Wirtschaft und Gesellschaft allmählich zu erfassen – und damit nicht zuletzt auch der Realabstraktion des Geldes sprachlich etwas entgegenzusetzen. Also etwa zu klären, wie und wo sich diese Abstraktion verantworten lässt.

Doch der Mainstream der Ökonomie, wie er an Schulen und Hochschulen weltweit gelehrt wird, schult nicht das bewusste Herauf- und Hinabsteigen auf der Abstraktionsleiter. Stattdessen verlängert er gleichsam die Leiter nach oben in die Unendlichkeit, bis unser Denken gleichsam durch ein Tor hin zu einer reinen Scheinwelt geführt wird, die – jenseits aller konkreten Erfahrung – nach eigenen Regeln funktioniert und jeden konkreten Blick auf Wirklichkeit konsequent verstellt.

Wie kann das sein? Auch der Mainstream nutzt das eben gewonnene abstrakte Bild von Märkten, jedoch nur als Assoziation und letzte Stufe, um sodann in eine Welt reiner mathematischer Modelle zu springen. Diese Modelle sind nicht durch Beobachtung von Märkten entstanden. Im Bestreben, dem Erfolg der Naturwissenschaften nachzueifern, begann eine kleine Gruppe, zumeist Ingenieure, im 19. Jahrhundert, Lehrbuchrechnungen aus der klassischen Mechanik auf ökonomische Fragen nicht nur zu beziehen, sondern schlicht anzuwenden (Edgeworth, Walras, Jevons; Mirowski, 1991). Entstanden sind so Modelle von Menschen, Wirtschaft und Gesellschaft, die nach den rein abstrakten Regeln der Mathematik funktionieren. So ist der homo oeconomicus nicht ein Mensch, der sich einem Maximierungskalkül anpasst; er ist nur noch dieses Kalkül. Als solcher ist er kein Wesen von dieser Welt, sondern ein Gedankenkonstrukt aus einer mathematischen Scheinwelt. Er ist als Realabstraktion nicht lebbar, sondern nur als mathematisch-funktionale Abstraktion berechenbar.

Nach diesem Sprung ist das Denkbare an das mathematisch Darstellbare gebunden und in seiner Beweglichkeit ausschließlich davon bestimmt (Morgan, 2001; Krämer, 2016). Doch damit nicht genug: Nicht nur der Gegenstand ökonomischen Denkens verliert seinen Bezug zur Realität, sondern ebenso der Wissenschaftler selbst: Auch er darf, wie Alfred Schütz es formuliert hat, kein »Hier« in der Sozialwelt mehr haben. Stattdessen ist er zu kühlem Gleichmut, zu Mitleidlosigkeit und Distanz gegenüber jeglicher weltlichen Erfahrung verpflichtet.

Man mag nun fragen: Na und? Eine solche Gedankenakrobatik mag seltsam und als Zeitverschwendung angesehen werden. Aber wie sollte sie Auswirkungen auf die reale Welt haben können? Wie soll der sprichwörtliche akademische Elfenbeinturm in dieser Welt wirken können, wo er sich doch jenseits von ihr befindet?

Eine Antwort kann darin liegen, dass vollkommen abstraktes Denken in Modellen in den Köpfen sehr vieler Menschen alltäglich wirksam werden kann, wenn es gemeinsam mit manipulativen Elementen im Zuge von Bildungsprozessen erlernt wird. Unserer Kenntnis nach kann dies in der heutigen ökonomischen Standardlehre der Fall sein: Nicht um die sorgfältige Argumentation in einem klar definierten Raum mathematischer Abstraktion geht es hier. Stattdessen passiert etwas gänzlich Anderes: Scheinbar mathematisch präzise Argumentation wird dazu genutzt, junge Menschen erstaunlich schnell die Abstraktionsleiter hinaufzuführen, so dass ihr Kopf zunächst praktisch von ihren alltäglichen Wirtschaftsverständnissen »geleert« wird. Sodann werden die weitgehend leeren Konzepte gleichsam wie Container mit neuen Inhalten gefüllt. So wandelt sich »Der Markt« – ursprünglich ein Ort sozialen Austausches mittels des Mediums Geld – in den Lehrbüchern zu einer »Maschine« oder gar in ein handelndes autoritäres Subjekt, etwa einen »Zuchtmeister«, der mit den Preisen als »Karotte« oder »Peitsche« die Unternehmen zu (vermeintlich) gutem Handeln zwingen kann. Und mehr noch: »Der Markt« wird durch sprachliche Manipulationen mit politischen oder gar ideologischen Konzeptionen assoziiert – so etwa mit »Freiheit«, »Kapitalismus«, denen beispielsweise »der Staat« oder ein »Zwangssystem« wie feindlich gegenübergestellt wird. Und auch mit emotionalen Aufladungen sparen moderne Lehrbücher nicht. So koppeln sie »den Markt« etwa durch gezielte Wortwahl an positive Gefühle, wie »Sicherheit« und »Freiwilligkeit« an.

Derart aufgeladen, verbleibt nun der Marktbegriff nicht einfach in einem abstrakten Elfenbeinturm. Stattdessen wird seine unkritische, ja weitgehend unreflektierte Übernahme in den alltäglichen Sprachgebrauch durch eine Vielzahl scheinbar alltäglicher »Beispiele« immer wieder und wieder antrainiert.

Abstrakte Rückwirkung auf Welt (Ötsch, 2009).

Derart in den Köpfen von Millionen Menschen unbewusst verankert, können diese abstrakten Denkwelten ein ungeheures transformatives Potenzial entfalten. Sie mögen etwa mit der Ökonomisierung von immer mehr Lebensbereichen in Zusammenhang stehen.

Doch trotz allem gilt: Die Gedanken sind frei! Wirtschaftswissenschaft muss sich nicht auf die Flucht in mathematische Scheinwelten festlegen lassen. Schon gar nicht muss sie diese Welten als Ausgangspunkt zu manipulativen Zwecken missbrauchen. Es ist Zeit, wissenschaftliche Formen und Möglichkeiten zu entdecken, die lebendige Mannigfaltigkeit wieder in den Blick zu nehmen und dabei immer wieder neu die richtige Balance zwischen abstraktem und konkretem Denken zu finden. Es braucht Freiräume, sich etwa mit der Bedeutung etwa von Sprache, Kultur, Tausch, Schenken und Verantwortung fundiert zu beschäftigen. Und es braucht Räume verstehen zu lernen, wie Abstraktionen im alltäglichen wie politischen Wirtschaftsleben wirken.

Sich darin von Anfang an zu üben, wollen wir an der Cusanus Hochschule in unserem Bachelor Studiengang ermöglichen. Deshalb werden Studierende etwa direkt im ersten Semester angeregt, mit verschiedenen Fragestellungen wöchentlich einen Supermarkt aufzusuchen, zu beobachten und in Tagebucheinträgen das Alltagsgeschehen und sich selbst als Beobachter und Teilnehmer immer tiefergehender zu reflektieren. Dies wird von Anfang an mit einer historischen und theoretischen Pluralität an Denkweisen flankiert. Selbstreflexivität zu fördern, zieht sich wie ein roter Faden durch das Studium. Durch die Rückbindung an eigene Praxiserfahrungen schwindet die Grenze zum bloß Theoretischen und befähigt, aus beiden Polen heraus klarer zu sehen und zu handeln.

Im Master Ökonomie geht es gerade bei Studierenden, die vorher Standardökonomie studiert haben, darum, die Wirkungen ökonomischen Denkens, insbesondere von wissenschaftlichen und realen Abstraktionen auf die eigene Biographie sowie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Ganzen zu erkennen. Hierfür schulen wir ein Geschichtsbewusstsein ebenso wie eine genaue Kenntnis heutiger Ökonomisierungsprozesse. Auf dieser Grundlage entwickeln wir sodann mit den Studierenden ein breites, interdisziplinär fundiertes Vorstellungsvermögen realer institutioneller und gesellschaftlicher Transformationsprozesse. So kann die wesentliche Grundfrage des Studiums, wie man selbst in Zukunft gemeinsam mit anderen für eine bessere Welt wirken und eintreten möchte, immer fundierter gestellt und können mögliche Antworten zunehmend im Handeln und Forschen erprobt werden.

Insgesamt wollen wir so Beispiel geben für neue Formen wirtschaftswissenschaftlicher Bildung, die auch an anderen Hochschulen eine Transformation ökonomischen Denkens in Theorie und Praxis inspirierend wirken können.

Literatur

Graupe, S., 2017. Beeinflussung und Manipulation in der ökonomischen Bildung Hintergründe und Beispiele. FGW-Studie Neues Ökonomisches Denken.

Krämer, S., 2016. Figuration, Anschauung, Erkenntnis: Grundlinien einer Diagrammatologie. Suhrkamp Verlag.

Mirowski, P., 1991. More Heat Than Light: Economics as Social Physics, Physics as Nature’s Economics. Cambridge University Press.

Morgan, M.S., 2001. Models, stories and the economic world. J. Econ. Methodol. 8, 361–384.

Ötsch, W.O., 2009. Mythos Markt. Metropolis.

Geschrieben von:

Silja Graupe

Professorin

Florian Rommel

Wissenschaftlicher Mitarbeiter