Wirtschaft
anders denken.

Weder neu noch normal

19.11.2020

Sehnsucht nach ausgetretenen Pfaden, Drohungen am Märchenbrunnen und Flirtversuche mit Mund-Nase-Bedeckung. Notizen aus dem Alltag einer Pandemie im Mai. Teil 3 des Corona-Tagebuchs. Kathrin Gerlof und Sigrun Matthiesen haben unter dem Eindruck der ersten Phase des Corona-Ausbruchs ein Tagebuch begonnen, das wir jetzt als Serie auf oxiblog veröffentlichen. Aktuelle Einträge werden folgen.

1.5. 2020

Auf dem Brocken im Harz, den ich als Kind nur von der Ferne bewundern, aber nie betreten konnte, sind die Bäume tot. Borkenkäfer und Klimawandel – wobei der Käfer sozusagen die Plage im Tross des Klimawandels ist – haben die Bestände fast vollständig vernichtet.

Die Unternehmensberater von McKinsey sagen, Deutschland werde erst 2028 wieder den alten Wachstumspfad erreichen. Das mag erst auf den zweiten Blick in irgendeinem Zusammenhang stehen, aber der Zustand der Wälder hierzulande und anderswo hat eine ganze Menge mit den alten Wachstumspfaden zu tun. Nein, hier schreibt keine, die sagt, Wachstum an sich ist eine Geißel. Aber sehr wohl ein wenig hellhörig ist, wenn davon die Rede ist, dass irgendwann doch bitteschön alles wieder so sein sollte, wie es lange war. Alte Pfade. Ausgetretene sozusagen, die dem Wirtschaftswachstum an sich huldigen. Abwrackprämien für Autos. Das ist so ein Ding. Logisch, dass solche Ideen weitaus schneller im Raum stehen, als andere. Mit dem neuen Auto in den Harz fahren, bis an den Fuß des Brockens. Die Wanderschuhe an, hochlaufen und sich anschauen, wie tot etwas aussehen kann, das viel zu lange viel zu wenig in den Blick einer Gesamtbetrachtung genommen wurde. Haben unsere tollen Autos was mit dem Totholz auf dem Brocken zu tun? Darauf ließe sich eine Wette mit beträchtlicher Gewinnchance abschließen.

Niko Paech, ein Postwachstums-Ökonom, wenn sich das so sagen lässt, sagt in einem Radio-Interview, unsere Gesellschaft sei komplett von Plünderung abhängig. Das sind dann aber auch immer Sätze, die den Eindruck vermitteln, es gäbe eigentlich keinen Spielraum mehr. Wie will man eine Komplett-Abhängigkeit wegkriegen? Durch Entzug. Klar. Und in gewisser Weise, so ein bisschen, sind wir gerade auf Entzug. Eingekauft wird trotzdem, aber doch von allem und jedem weniger. Selbst Klopapier hat den Hype nicht ewig halten können.

Der US-amerikanische Schriftsteller Douglas Coupland (»Generation X«), geboren auf einem NATO-Stützpunkt in Deutschland, schreibt in seinem anekdotischen, philosophischen Buch:

»Ein Freund von mir gestaltet Schaufenster für Cartier in Nordamerika und hat mir von folgender interessanter Tatsache berichtet: Wenn man zwei oder mehr Objekte in einem Schaukasten arrangiert, halten die Leute automatisch das Stück links für das wertvollste. Ich hätte gedacht, sie würden auf das Stück in der Mitte tippen, aber dem ist offensichtlich nicht so.« Was bei Cartier hinhaut, klappt in der Wahrnehmung von Politik nicht. Die Mitte ist auf jeden Fall das Verheißungsvollste, weil auf eine langweilige Art vermeintlich sicherste, und von da irrt der Blick manchmal nach rechts, eher selten nach links.

Die Mitte ist gegenwärtig sehr groß. Sie sagt uns jeden Tag, wie der Stand der Dinge ist, ob wir immer noch am Anfang der Pandemie stehen, was wir zu tun und vor allem gerade zu lassen haben. Sie sagt: Wir wissen ziemlich genau, was jetzt das Richtige ist, und dafür braucht sie gefühlt gerade mal zwei Experten, Wehler und Drosten. Ich mag Drosten, ich höre seine Podcasts, ich finde, er tut nicht so, als sei er Gott – was ja schon mal viel ist. Trotzdem beschleicht mich Unruhe angesichts der immer gleichen Männer (keine Frauen, klar), die jeden Tag ihre Ansagen machen. Was, wenn es mehr bedürfte, um sich der Wahrheit zu nähern?

Die Mitte, die uns also jeden Tag an die Hand nimmt, zeigt keinerlei Bestrebungen, irgendwas grundsätzlich infrage zu stellen. Zum Beispiel das Ding mit den alten Wachstumspfaden. Stellte sie sowas infrage, wäre es wahrscheinlich nicht die Mitte, deren Ruf sich wesentlich daraus speist, nicht radikal zu sein. Daraus entsteht dann viel politisches Totholz, wenn man nicht an die Wurzeln der Übel geht (mehr ist Radikalität vom Wort her ja erst einmal nicht). Gerade stelle ich mir die Mitte mal kurz wie den Brocken vor. Der Vergleich hinkt fürchterlich. Vielleicht habe ich mich verrannt.

Denn sowieso ist gerade die Zeit der Zahlen angebrochen. Zahlen können nicht lügen – das ist mal eine steile These, die nur stimmen kann, wenn man vergisst, dass mit Zahlen ziemlich viel Schindluder getrieben werden kann.

In seinem Essay »Die Vereindeutigung der Welt« schreibt Thomas Bauer über den Verlust, den wir erleiden, wenn Ambiguitätstoleranz schwindet. »Als Erstes wird alles, was nicht eindeutig erscheint, alles Ambiguitätsgesättigte, alles, dessen Grenzen schwer zu umreißen sind, alles, was sich nicht in Zahlen übersetzen lässt, abgewertet. Ambiges scheint weniger wichtig zu sein. Dagegen erfährt alles, was klare, eindeutige Wahrheiten oder wenigstens exakte Zahlen hervorbringt oder hervorzubringen scheint, eine Steigerung des Ansehens.«

Gerade ist unsere Toleranz gegenüber Vieldeutigkeit oder gar Widersprüchlichkeit extrem gering. Wir wollen täglich hören, wo die Reproduktionszahl liegt, wie viele Neuinfizierte, Geheilte und Tote es gibt. Wir wollen Zahlen. Und daraus wollen wir uns ein eindeutiges Bild machen. Dahinter steckt, jenseits der Angst, der Wunsch, bald wieder die alten Pfade betreten zu können. Über neue Pfade nachzudenken und zu diskutieren, scheint ein zu großer Brocken. kg

3.5. 2020
Die größte Stärke des Krisenmodus scheinen Eile und Aktionismus zu sein. Selbst Angela Merkel kann der kleinen Trump-Versuchung nicht mehr widerstehen und fordert, das müsse jetzt aber mal bisschen schneller gehen mit dem Impfstoff. VW befleißigt sich der offenen Drohung: Es muss, so Herbert Diess, Staatsknete geben, damit wir auch weiter Autos kaufen, egal welche. Stellen wir uns mal kurz vor, ein Opium produzierendes Land wie sagen wir mal Afghanistan erhöbe eine ähnliche Forderung zum Schutz seiner wichtigsten Export-Industrie…
Das der Krisen-Exekutiv-Modus vor allem für Machthaber gut ist, mussten auch die Grünen in den vergangenen Wochen an ihren Umfragewerten schmerzhaft spüren. Weswegen sie es auf ihrem Video-Konferenz-Parteitag mit einem Trick versucht haben: Einfach die staatstragende Pose übernehmen und subversiv andere Dinge fordern. Also Habeck an die Industrie: »Wenn ihr die ausgestreckte Hand ergreift, haben wir einen Pakt für Nachhaltigkeit«.

Ich fürchte, das Krisenkabinett, das demnächst wieder tagt, wird das Manöver durchschauen und ignorieren, in dem beruhigenden Wissen, dass die Grünen eben nicht in der Regierung sind. Münteferings »Opposition ist Mist« war noch nie so wahr wie heute. In der London Review of Books schreibt der politisch ziemlich linksstehende Journalist James Butler über die Pandemie-Pläne Großbritanniens. Der Regierung sei bereits 2016 bekannt gewesen, dass die NHS selbst für eine Grippewelle, die  regierungsseitig als höchstes anzunehmendes Risiko eingestuft wurde, nicht ausreichend ausgestattet sei. Man hat das der Bevölkerung damals verschwiegen, um sie nicht unnötig zu verängstigen. »Hinterher ist man immer schlauer«, nimmt Butler den wahrscheinlichsten Einwand seiner Kritiker vorweg, und ergänzt: «Aber: ‚Hinterher ist man immer schlauer‘, ist auch die beste Ausrede«. sim

4.5. 2020

Ein sonntäglicher Ausflug zum Märchenbrunnen – die Stadt lässt alle Springbrunnen springen, vielleicht auch, um uns wohlgesonnen zu halten – mischt die Märchen mit der Gegenwart gehörig durcheinander. Rotkäppchen scheint den Wolf zu durchschauen, es wendet sich, in Stein gehauen, angewidert ab und sieht dabei zum Fressen schön aus.

Dutzende Zeitungen flattern durchs Gelände. »Demokratischer Widerstand« heißt das Produkt, herausgegeben von Anselm Lenz, Batseba N’diaye und Hendrik Sodenkamp mit Prof. Giorgio Agamben. Nein mit Punkt am Ende brüllt es mich auf der Titelseite an. »Nicht alle akzeptieren den Griff zur Macht durch das Horror-Regime. Uns Angst machen? Die Verfassung wird verteidigt, hier, jetzt und am 1. Mai. Der Widerstand erzielt erste Erfolge für die Republik.«

Die Leute machen mir Angst in 100.000facher Auflage. Nicht, weil ich nicht das eine und andere diskutierenswert finde, sondern des Tons wegen. Der mich durchweg anschreit, als sei ich schwachsinnig. Und einer Aggressivität huldigt, bei der diskutieren ausgeschlossen scheint.

Die gleichgeschalteten Medien kommen genauso vor, wie die weltweite Hysterie. Drohung wird an Drohung gereiht. »Gegen das, was uns in denen kommenden Wochen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs bevorsteht, werden die letzten Wochen wie Urlaub erscheinen.«

Die Superlative versuchen, sich gegenseitig vom Platz zu fegen: »Eine beispiellose Übergriffigkeit in unsere intimsten Lebensbereiche. So etwas hat es seit der Abschaffung der Leibeigenschaft nicht mehr gegeben. Eine vorsätzliche Körperverletzung zudem.«

Diese Mischung aus schwarzer Pädagogik, aggressiver Tonalität und undifferenzierter Welt-Anschauung, wie sie da so am Märchenbrunnen rumflattert, ignoriert von all den Leuten, die auf Bänken sitzen und mit oder ohne Abstand über was auch immer plaudern, ist beunruhigend. Beides irgendwie, aber ich sah ja auch aus, als wäre Müßiggang für mich der Wunschpunkt, den ich mir an diesem Sonntag vom Sams geholt hatte.

Dann doch Nachrichten. Der Abgeordnete Otte von der CDU überrascht mich mit zwei Sprachgebilden, die mir die Sprache für einen kurzen Moment verschlagen: Die »nukleare Teilhabe« sagt er, sei »ein wichtiger Baustein der Sicherheitsarchitektur«. Und er sagt, die USA seien ein verlässlicher Partner, trotz ihres sprunghaften Präsidenten. Während ich Aussage zwei einfach nur gewagt finde, fällt mir bei eins doch das Wort perfide ein. Den Begriff Teilhabe koppeln wir hierzulande ja gern mit sozial, gerecht, kulturell, gesellschaftlich. Nuklear ist mir noch gar nicht untergekommen. Aber es klingt hübsch, beruhigend, verniedlichend und überhaupt nett. Ich lese noch mal nach, was kognitive Verzerrung meinte. Unter anderem könnte man sich das sehr vulgär mit Tunnelblick übersetzen. Hab ich dich, Ott?

Noch eine Nachricht des Tages: Immer mehr Kinder in Westafrika arbeiten auf Kakaoplantagen, um uns unser Leben zu versüßen. Und das obwohl sich große Unternehmen verpflichtet hatten, ihre Produkte nicht mehr durch die Aneignung mehrwertschaffender Kinderarbeit billig in unsere Supermarktregale zu bringen. Nun, freiwillige Verpflichtungen bringen es so mit sich, dass wenig oder nichts passiert.

2,26 Millionen Kinder arbeiten in Ghana und Elfenbeinküste auf den Kakaoplantagen, 2018/19 stieg deren Anteil an allen dort Schuftenden von 30 auf 41 Prozent. Verfünffacht hat sich in den vergangenen zehn Jahren der Anteil jener Kinder, die schädlichen Chemikalien ausgesetzt sind bei dieser Arbeit. So schaut es also mit Freiwilligen Verpflichtungen von Unternehmen aus. An der Stelle wäre nochmal an die Diskussion zu erinnern, dass ein sogenanntes Lieferkettengesetz das Elend nicht beseitigen würde, aber doch hilfreich wäre, weil ein Gesetz halt schon was anderes ist, als eine freiwillige Verpflichtung. Und dann wäre da noch die Sache mit den existenzsichernden Kakaopreisen. Die uns allerdings, die wir so gern für 99 Cent eine Tafel Schokolade erwerben, dann irgendwie auch beträfe. Hat alles nichts mit Corona zu tun, ich weiß. Aber ein Virus ist klein, die Welt sehr groß. Und da passieren Dinge. kg

5.5. 2020
Gestern bei Rossmann wollte ich die Verkäuferin fragen, wo die Einmalhandschuhe liegen könnten, die der zur Risikogruppe zählende Nachbar gerne mitgebracht hätte. (Wegen der dank Maskenpflicht ständig beschlagenden Brille bin ich beim Einkaufen jetzt in einem Maß auf Hilfe angewiesen, das ich eigentlich erst in zehn Jahren erwartet hatte) Die Verkäuferin bat um Geduld: »Ick kann nur eene Sache gleichzeitig«, sie müsse erst die andere Kundin anhören. Die allerdings hatte größere Fragen: Ob sie, die Verkäuferin, denn eigentlich wisse, dass hinter all dem Bill Gates stecke. »Wir werden hier alle vergiftet!!! Sie müssen sich informieren!!!!!«
Der Ton wird schriller, mit jedem Tag mehr, an dem die Stammtische, Trinkgelage, Tanzexzesse, Drogenorgien, One-Night-Stands und was auch immer wir sonst getan haben zur Psychohygiene in diesem irren System, illegal sind.
Bisher hat der Krisenmodus politisch stets vor allem das aktiviert, was ein Artikel in der US-Zeitschrift Foreign Policy als das »vierköpfige Monster« aus Militarismus, Fremdenfeindlichkeit, Überwachung und anti-demokratischer Intransparenz bezeichnet. Wenn das jetzt wieder so ist, lassen sich die Grenzen immer noch ein bisschen enger ziehen und aus Regionalisierung kann schnell das Pestkreuz an der Haustür werden. Entsprechend enger, und lauter und schriller werden auch die medialen Echokammern. Und all das, während wir immer mehr digital arbeiten, zur Belohnung und Triebabfuhr aber nur noch shoppen können, alles andere bleibt bis auf Weiteres zur Seucheneindämmung verboten beziehungsweise auf die Kern- und Kleinfamilie begrenzt. Calvinismus 4.0 als virenfreies System – das wäre meine persönliche Dystopie. sim

6.5. 2020

Gestern in der kurzen, aber auch meist kurzweiligen Sendung kinokino einen Beitrag über eine Startup-Firma in Hollywood gesehen, die einen Algorithmus entwickelt hat, um die Erfolgsaussichten eines Films, einer Serie, vorab zu berechnen. Erfolg meint vor allem finanziellen Erfolg, generiert über Zuschauerzahlen. Man könne, so der Gründer, nicht nur berechnen, wie viel der Film einbringe, sondern auch vorhersagen, wie er am besten vermarktet werden kann. Mit Datensätzen von über 550.000 Filmschaffenden würden Marktchancen – ein economic score – errechnet, wofür man 90.000 Filme bis ins letzte Detail analysiert habe. Filmproduzenten seien ganz wild darauf, das zu nutzen, heißt es.

Was dies für ein Kunstgenre bedeutet, kann man sich zumindest versuchen, vorzustellen: Aussortiert wird, was keinen Gewinn verspricht. Die Freiheit der Kunst scheitert am Großrechner. Davon in der – wie gesagt, ganz netten – Sendung, allerdings kein Wort. Stattdessen ein bisschen Jubel, schließlich erspart uns das künftig, möglicherweise in einem Film zu landen, der uns überrascht, weil er anders ist, vielleicht sogar langweilt, nicht gefällt, anderen aber doch, sich nicht in Mainstream-Kategorien einordnen lässt. Vielleicht können die Festivals, die kleinen vor allem, noch ein wenig dagegenhalten, aber Filme müssen ja irgendwie produziert werden und dafür braucht man Geld. Und wenn der Algorithmus sagt: Hej, dieses Ding wird die Kasse nicht klingeln lassen! Dann bedarf es schon einer gehörige Portion Leidenschaft, Offenheit, Kunstliebe, um das Ding trotzdem zu finanzieren.

Die Frage könnte lauten: Verließe man sich künftig auf diese geniale Idee, könnten dann Leute wie Angelopoulus, Aronofsky, Altman, Ackerman, Bunuel, Chytilova, Dresen, Fassbinder, Grisebach, Greeneway, Godard, Haneke, Leigh, Loach, Jarmusch, Kieslowski, Kaurismäki, Kubrick, Petzold, Seidl, Tarkowski, noch ihre Filme machen? Zweifel sind angebracht. Diese Liste könnte jetzt unendlich erweitert werden, aber nein, das macht dann doch zu nervös und traurig. kg

8.5. 2020
Heute mal ein kleines Rätsel: Heparin, Gerichtsmedizin, Landratsamt. Was haben die drei gemeinsam? Genau, alles total unsexy. Nichts, womit irgendein aufstiegsorientierter Selbstoptimierer sich freiwillig beschäftigen möchte. Kein Karriere-Algorithmus für Mediziner oder Politiker würde eines der dreien als Betätigungsfeld empfehlen. Da landen nur Leute, die sich wie beispielsweise der Hamburger Gerichtsmediziner Prof. Püschel, eben 25 Jahre zuvor auch mit den Todesursachen von Obdachlosen beschäftigt haben. Menschen, die irgendwas genau wissen wollen, oder zumindest anständig machen. Dabei lassen sie sich dann eher ungern reinreden von irgendwelchen Wichtigtuern, die ihnen zum Beispiel das Obduzieren verbieten möchten. Stellen sie sich mal ganz stur, tragen ihre übliche Schutzkleidung, arbeiten so sorgfältig unter der Ablufthaube, wie sich das eben gehört, in ihrer Zunft.
Ein paar Wochen später wissen sie dann, dass bei denen, die an und mit Corona sterben, Embolien und Thrombosen auffällig häufig sind. Dagegen kann man seit 1916 den Gerinnungsverhinderer Heparin einsetzen. Den hat der Medizinstudent Jay McLean zufällig entdeckt, genauer gesagt, ungewollt aus einer Hundeleber isoliert. Hätte ein Algorithmus sicher verhindert, wenn es die damals schon gegeben hätte. Deshalb empfiehlt der Leiter der Intensivmedizin am Universitätskrankenhaus Eppendorf jetzt also prophylaktische Heparin-Gaben für alle Chorona-Infizierten. Klingt nicht sonderlich dramatisch, kostet vermutlich auch nicht viel, haben Menschen mit Thromboserisiko auch bisher bei jedem Langstreckenflug vom Hausarzt bekommen.
Ja, und die Landräte werden nun von heute an diejenigen sein, die entscheiden, wie sie das Leben mit Corona in ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich so organisieren wollen. Vielleicht lernen wir diese obersten Kommunalbeamten in den insgesamt 294 Landkreisen der BRD jetzt auch mal kennen. Die bei Wikipedia zu findende Karte zeigt, dass es unter ihnen mehr CDU als SPD Mitglieder gibt, ziemlich viele parteilose und freie Wähler, kaum Grüne und so gut wie keine FDPler. Unabhängig davon kann angenommen werden, dass ihr Talent so unterschiedlich ist wie ihre Motivation – Hoffnung auf Vielfalt. sim

10.5. 2020

Dieses Wochenende hat so manche Unsicherheit verstärkt und einiges Unbehagen genährt. Welche Menschen und Interessengruppen gehen gegenwärtig auf die Straßen und Plätze, um zu demonstrieren? Gegen was sind die und wofür stehen sie? Die Gemengelage ist derartig unübersichtlich, dass man eigentlich – wie schlimm ist das denn? – nur entscheiden kann, nirgendwo hingehen zu wollen. Wer möchte plötzlich auf einem Foto zu sehen sein neben kruden Anhängerinnen und Anhängern von Verschwörungstheorien, Querfront-Leuten, Menschen, die sich »Widerstand 2020« nennen und bei denen gerätselt wird, ob die nun schon Partei (angeblich mit 100.000 Mitgliedern) sind oder noch Bewegung? Die Rolle der Beobachterin ist gerade nicht ausgeschrieben. Entweder man steht dabei, mittendrin oder gar nicht. Gar nicht aber heißt dann auch, kein Gegenwort.

Wir sind in einer Situation, da wir uns Menschen, bevor wir versuchen, uns eine eigene Meinung zu bilden, erst einmal zusammengoogeln in der Hoffnung, dass uns jemand sagt, ob die einen Knall haben oder nicht. Wir müssen herausbekommen, ob wir es mit jemandem zu tun haben, der oder die behauptet, die Welt sei eine Scheibe. Weil vor der Behauptung, die Welt sei eine Scheibe, eine Menge Argumente kommen, die wir vielleicht gar nicht so blöd finden. Und nein, es ist nicht! immer einfach und sofort erkennbar.

Noch gar nicht lange her, da erzählten wir uns in Freundeskreisen, wer wann wie abgedriftet sei in AfD-Sprech und rechte Gefilde, und wie oft ist da der Satz gefallen: Das hätte ich von dem nie gedacht. Diese vermeintlich schnellen Wandlungen, die Suche nach möglichen Anzeichen, die es schon früher gegeben hat (die fast gleichen Fragen, die man sich stellt, wenn jemand den Freitod gewählt hat). Und es scheint ja auch eine Art Sterben und Wiedergeburt zu sein. Dann auf einem Platz mit anderen Leuten zusammen, irgendwelche Plakate und Transparente schwenkend. Wort und Widerwort kaum zu hören, weil da so viel gebrüllt wird. Wut, bei der sich nicht so einfach unterscheiden lässt, ob sich hier Verzweiflung und Angst Bahn brechen oder das ewige »Diedaoben-ichhierunten« plötzlich eine Wohlfühlgemeinschaft findet, in der es dann auch möglich scheint, welche zu finden, die noch weiter unten stehen, auf die also herabgeblickt werden kann.

Heute den Nachbarn über mir auf einem Spielplatz getroffen. Drei Jungs, zwei homeworkende Erwachsene, nach Wochen sieht man dem Mann die Spuren dieser – ja doch – Tortour an. Der lehnt müde an einem Baum, während der eine Sohn schaukelt und redet und redet, und der Mann sagt, es sei ihnen unendlich schwergefallen, die Kids, wenn beide Elternteile zur gleichen Zeit Telefon- oder Videokonferenzen haben, vor den Fernseher zu setzen. Aber ihnen fiele auch gerade nichts anderes ein. Der Mann sah aus, als könnte er stehend am Baum einschlafen, wäre da nicht der Sohn auf seiner Schaukel, der sich anschickte, eine Vollumdrehung zu machen, was die Schaukeln auf unseren Spielplätzen aus Sicherheitsgründen nicht hergeben. Zum Glück. kg

12.5. 2020
Zugegeben, es ist eine etwas steile These, aber sie bleibt ja unter uns: Diese wirren wütenden Demonstrationen, über die sich die Kollegin am Wochenende Gedanken gemacht hat und zum Wochenbeginn so ziemlich alle andern auch, sind die möglicherweise auch nur die hässliche Fratze des Individualismus? Haben wir vielleicht einfach verlernt was Politik ist? Ortsgruppe, Kreisverband, Bürgerinitiative, Betriebsgruppe, und, ich traue es mich kaum zu schreiben, Partei – vielleicht waren die eben auch Klärstufen, in denen so manches hängenblieb, was sich nach kürzerer oder längerer Debatte eben doch nur als individuelles Einzelanliegen entpuppte. Was ja nicht bedeuten muss, dass es unwichtig ist, für den oder die jeweils einzelne. Aber eben doch nicht automatisch: politisch. Weil es beim politischen eben per se um etwas Gemeinsames geht. Ich würde den Unterschied gerne wieder benannt wissen. Auch wenn der Ärger erfahrungsgemäß schon da anfängt, wo geklärt werden soll, wer alles zur Gemeinschaft gehört und wer nicht. Außerdem natürlich die ewigen Fragen nach Mehrheit, Minderheit, Konsens und Dissens. Trotzdem: Yoga soll wieder Yoga sein und Politik Politik. Auch wenn beides anstrengend ist. Oder, mit den Worten der von mir sehr verehrten Musikerin und Aktivistin Bernadette la Hengst:
Und wir… argumentier’n,
Und wir… analysier’n,
Und wir… werden verlier’n,
Wenn wir uns nicht organisier’n! sim

14.5. 2020

Das Politische weicht der Romantik. Vielleicht. Sehnsucht nach vergangenen Zeiten. Als alles noch so schön war und so natürlich. Als die Tiere uns noch nicht Zoonosen bescherten, weil wir in Eintracht mit allem Kreatürlichen… Schwachsinn das. Im Einverständnis mit allem hat der Mensch noch nie gelebt. Stattdessen sich Untertan gemacht, was ja lange gut gegangen ist und auch heute seine Vorteile hat. Und doch gibt es nun jene, die davon reden, dass die geplagte Natur zurückschlage. Was jedoch auch einer Romantisierung des »Natürlichen« gleichkäme, sagt der Religionswissenschaftler Alan Levinovitz in einem Text von Kenan Malik (Guardian). Diese Romantisierung sei im Privileg verwurzelt, denn die Lizenz dafür hätten nur jene, die einen Lebensstil genössen, der sie vor den Verwüstungen der Natur schützt. Die Verwüstungen der Natur allerdings, dies gehört zur Fortsetzung der Geschichte, sind zum allergrößten Teil menschengemacht. Sie sind sozusagen die Nährlösung der Privilegierten, die sich die lebendige Arbeit, die zur Verwüstung notwendig ist, angeeignet haben. Zurück zur Natur geht nicht mehr. Natur ist kaum noch. Alles in irgendeiner Art und Weise gestaltet, geformt, überformt, neu geordnet, durch Eingriffe verändert, zu unseren Gunsten gebraucht, im Übermaß verbraucht und als Farce in Tropical Islands wiederauferstanden. Kein Wunder, dass Viren zu Übersprunghandlungen neigen, die uns nun teuer zu stehen kommen.

Die WHO sagt: Corona wird voraussichtlich bleiben. Fühlt sich wohl bei uns höchstentwickelten Säugetieren. Und wenn es einen Impfstoff gibt, sagt die WHO, hinge alles davon ab, ob auch ausreichend Menschen weltweit Zugang dazu haben werden. Das zu erreichen bräuchte es eine Menge Einsicht, unglaublich viel Vernunft und viele internationales Übereinkommen.

Möglichst wenig soziale Distanz. Im übertragenen Sinn. Stattdessen so was wie Schwarmintelligenz. Das klingt nach Konjunktiv II, also fast unmöglich. Stattdessen schlagen wir uns mit dem Indikativ rum und versuchen, weil die Demokratie das so braucht, den Imperativ zu vermeiden. Geht nicht ganz – Maskenpflicht ist und bleibt nun mal Imperativ. Wäre die Welt besser, gelänge es uns, jetzt das Richtige zu tun. Nur mal so konjunktivisch gesprochen. Also die Zukunft mitzudenken, anstatt uns zu wünschen, es möge alles wieder so werden, wie es mal war. Vor Corona. Vor Corona, falls wir es vergessen haben sollten, schien die Welt nicht in Ordnung (frei nach Adorno). kg

15.5. 2020
Exponenzielle Vermehrung der mindestens »to go« oder auch schon fast »to sit in distance« geöffneten Cafés, Restaurants, Geschäfte. Je kleiner sie sind, umso mehr kommunizieren sie auf den ja immer in Mädchenschrift gehaltenen Zetteln und Kreidetafeln, wie sehr sie sich freuen, dass sie nun wieder für mich da sein dürfen. Bloß freue ich mich nicht zurück. Jeder mehr der mich als Konsumentin ansprechen will ist mir einer zu viel. All diese vermeintlichen Entscheidungen, mit denen wir angeblich dazu beitragen Plastik zu vermeiden, glückliche Tierhaltung und gesunde T-Shirt Näherinnen zu unterstützen, ich will sie nicht mehr treffen müssen. Soll ich jetzt den kleinen elend umständlichen Laden mit dem unverpackten Kram unterstützen, oder die permanent kündigungsbedrohten Karstadt-Verkäuferinnen in der fensterlosen Kellerwelt am Hermannplatz? Diese zugestandene Pseudo-Entscheidungsfreiheit, die noch nicht mal zum sprichwörtlichen Tropfen auf dem heißen Stein taugt, aber dennoch so unendlich viel Zeit in Anspruch nimmt. Geschenkt.
In einer Diskussion (gestreamt, was sonst) mit dem Titel »Corona im Kapitalismus: Krise des Neoliberalismus« sagt der Sozialwissenschaftler Alex Demirović sinngemäß: Wir hätten als Gesellschaft ja auch ein Moratorium beschließen können. Also wirklichen Stillstand, wo dann eben niemand gearbeitet hätte und auch keiner Miete gezahlt. Haben wir aber natürlich nicht, weil der Kapitalismus zwar Kurzarbeitergeld kennt, aber kein Kurz-Kapitalisten Geld. Stattdessen dürfen wir jetzt endlich wieder konsumieren müssen und guter Hoffnung sein, dass wir uns dabei nicht Corona holen. Denn auch das, so scheint es, lässt sich prima externalisieren. Genau wie alle möglichen anderen Risiken und Nebenwirkungen von Captain Kapital.
Ein Radiobericht aus London weist darauf hin, dass sich unter den erschreckend vielen Covid-19-Toten dort auffallend viele Menschen aus Pakistan und Bangladesh befinden. Während ich noch überlege, ob es möglicherweise genetische Dispositionen gibt, klärt der in dem Bericht interviewte Mediziner darüber auf, dass diese Einwanderer-Communities in London unter besonders beengten hygienisch unzulänglichen Bedingungen hausen. In genau jenem Teil der Stadt, in dem in der nicht in Ordnung erscheinenden Zeit vor Corona auch schon ein ganzer Wohnblock abbrannte und 72 Menschen ums Leben kamen, weil sich niemand für sie interessiert hat und die Feuerwehr entsprechen spät ausrückte.
Schlachthöfe, Sammelunterkünfte, Altenheime, Armeleuteviertel – dort wird die zweite Welle des Virus zuschlagen. Dank der genialen regionalen Regelungen wird man dort dann wochenlange Lockdowns und Quarantäne-Regelungen verhängen können, ohne dass es das Konsumgeschehen der anderen im Geringsten beeinträchtigen würde. Für die dann wieder Eingeschlossenen wird niemand Klavierkonzerte streamen, applaudieren oder sich auch nur darüber empören, dass sie eingeschlossen sind. Alles Gerede von Solidarität, selbst innerhalb der eigenen Stadt, von anderen Ländern gar nicht erst zu reden, wird dann längst wieder vergessen sein. Bei symptomfreien Virenträgern ebenso wie bei virenfreien Systemträgern und erst recht bei hirnfreien Funktionsträgern wie dem quarantänebrechenden Fußballtrainer Heiko Herrlich.
Wenn ich meine Zeit als Konsumentin streng begrenze, auf sagen wir mal vier Stunden pro Woche, vielleicht bleibt mir dann genug Zeit für politische Haltung, und sei es vorerst auch nur in Form von Gewerkschaftsarbeit. sim

17.5. 2020

Die Cafés und Kneipen haben wieder auf. Unsere schlichte Form von Solidarität besteht gerade darin, das nicht allzu sehr auszunutzen. Oder doch, weil die Betreiberinnen und Betreiber warten darauf, dass wir bei ihnen konsumieren. Bei der solidarischen Landwirtschaft, über die ich hin und wieder geschrieben habe, besteht das Prinzip darin, dass man Geld gibt, bevor die eigentliche Arbeit beginnt. Eine Abnahmegarantie, die auch dann nicht zurückgefordert wird, wenn die Ernte ausfallen sollte. Alle Beteiligten wissen, worauf sie sich einlassen. Zwar halte ich es für etwas übertrieben, daraus schon abzuleiten, dass Produzentinnen und Konsumentinnen dadurch zu einem – nicht allzu schönen – Wort verschmelzen, das Prosumentin heißt, aber es ist ein Anfang.

Gerade wird darüber diskutiert, ob die Fleischproduktion hierzulande und anderswo einer grundlegenden Reform bedarf. Das tut sie nicht erst seit Corona, aber offensichtlich – siehe Energiewende, egal, wie unzulänglich sie ausfallen mag – braucht es eine Katastrophe, die sich gewaschen hat, um darauf zu kommen. Was dann doch daran zweifeln lässt, ob Politik wirklich in der Lage ist, vorausschauend zu handeln. Rund 745 Millionen Tiere werden hierzulande jährlich geschlachtet (Fische nicht inbegriffen). Jedes fünfte, in der Massentierhaltung aufwachsende Schwein erreiche nicht einmal den Schlachthof, wie der Spiegel schrieb, weil es bereits vorher zugrunde geht. Zum Beispiel durch Haltung von Schweinen im sogenannten Kastenstand, das ist so ein kleines Verließ, in dem sich die Tiere weder hinlegen, schon gar nicht ausstrecken können. Die Landwirtschaftsministerin hat eine Beendigung dieser Sauerei auf die ganz lange Bank geschoben. Sollte eigentlich dieser Tage im Bundesrat entschieden werden. Aber nun haben wir ja die Massentierhaltung im Blick und bestimmt wird sich grundlegend etwas ändern. Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es. Aber sie stirbt.

Das ließe sich jetzt seitenweise fortführen. Mit Corona, ploppen nicht nur diese Zustände wieder auf – als wären sie vorher nicht immer und wieder als unhaltbar angemahnt worden – es geht um Arbeitsbedingungen, die auch ohne Pandemie krank machen und entwürdigend sind. Aber die Grillzeit fängt erst an. Und mal schauen, wie wir in der uns zugewiesenen Hauptrolle als Konsumentinnen und Konsumenten verhalten werden, wenn die eingelegten Schweinenackensteaks für 5,99 das Kilo bei Netto zu haben sind.

An einer Uni in Hongkong hat man mit Hilfe von Hamstern herausgefunden, dass die Maskenpflicht ganz sinnvoll ist. Die Übertragungsrate konnte um 60 Prozent verringert werden. Kann aber auch an den Hamsterbäckchen liegen, auf denen die Masken möglicherweise viel besser Halt finden und geschmeidiger anliegen. kg

21.5. 2020

Die Umfragen sagen, dass die Mittelschicht vom Glauben abfällt. Ausgerechnet jetzt. Himmelfahrt, die Rückkehr Jesu zum Vater, der ihn ausgeschickt hatte, uns zu retten. Ein guter Tag eigentlich, am Glauben zu wachsen, wenn er denn überhaupt da ist. Aber, die Mittelschicht fällt vom Glauben ab. Zumindest, was die Globalisierung anbelangt. An den sogenannten Rändern war es schon immer so. Wobei als Rand hierzulande ja auch alles gilt, was sich links nennt, während der Randvergleich bei Rechten etwas mehr Spielraum kennt. Corona aber hat dazu geführt, dass die Globalisierung nun auch in der Mitte nicht mehr als Allheilmittel gilt, stattdessen Furcht hervorruft und Ängste verstärkt.

Das lässt sich – und wird so sicher, wie das Amen in der Kirche – in jede Richtung ausnutzen. Die Globalisierungsgegner werden sagen: Siehste, siehste! Die Globalisierungsbefürworter rufen: Siehste, siehste! Die Globalisierungskritiker mit vernünftigen Argumenten und Abwägung des Für und des Wider werden nicht durchkommen, weil Für und Wider meist niedergebrüllt wird.

Im ipg-Journal (Internationale Politik und Gesellschaft) schrieb Pinelopi Koujianou Goldberg – das ist ein wunderbarer Name – ein Hohelied auf den Welthandel. Globale Lieferketten seien gerade jetzt in Zeiten der Pandemie viel robuster als nationaler Lösungen. Natürlich seien diese Ketten auch verwundbarer, aber es bleibe der Vorteil, dass Spezialisierung es globalen Lieferketten ermögliche, Kosten zu minimieren und Effizienz zu maximieren, auch wenn es Komplikationen geben könne, wenn die Produktion schnell wieder hochgefahren werden müsse.

Goldberg wägt sehr wohl das eine und das andere ab, kommt aber zu dem Schluss, rein inländische Lieferketten seien nur in jenem unwahrscheinlichen Fall im Vorteil, wenn alle anderen Länder gleichzeitig von einem negativen Schock betroffen sind. Nun, eine Pandemie, ließe sich sagen, nähert sich diesem unwahrscheinlichen Fall doch schon stark an. Obwohl wir es mit zeitversetzten Zuständen zu tun haben, aber recht eng getaktet.

Und letztlich – ehrlich mal – reden wir gerade besonders von jenem Teil der Globalisierung, der es ermöglicht, dass in Schlachtfabriken mit Hilfe von Subsubsubverträgen archaische Zustände für die Arbeitenden herrschen, gedeckt offensichtlich durch alle bestehenden Gesetze, sonst müsste es ja nicht extra ein neues Gesetz geben, um die Sauerei abzustellen. Und wir reden von dem Bereich der Globalisierung, der mangels ausreichend guter internationaler Abkommen die Kostenminimiererei und Effizienzhascherei zum alleinigen Maß der Dinge macht.

Wenn die Mittelschicht nun aber abfällt vom Glauben, wird das Auswirkungen auf die politische Landschaft haben. Gut möglich, dass sich die momentane Abneigung nur aus dem Trotz nährt: Wenn ich nicht in Urlaub fliegen darf, will ich auch keine Globalisierung mehr. Das wäre aber sehr schnell, sehr kurz und ziemlich dumm geschlossen. So einfach tickt die ominöse Mitte denn doch nicht.

Scheint eher, als hätte sie ein Gespenst gesehen. Ganz gewiss keines, das mit K anfängt. kg

23.5. 2020
Bei einer zweistündigen Zugfahrt bestätigt sich, dass die Mund-Nasen-Schutz-Verpflichtung (die Kollegin hatte hier vor einiger Zeit schon das Kürzel MNS eingeführt) ästhetisch sehr ungerecht ist. Brillenträgerinnen, Schlupflieder und Schweinsäuglein sind beim Distzanzflirt nun eindeutig benachteiligt, ohne dass sie mit Brigit Bardot oder Mick Jagger-Schnute dagegenhalten könnten.
Als letzte Rettung bietet sich wie immer die Wirtschaft, in diesem Fall die Textilwirtschaft: MNS ist schon jetzt ein differenzierter Markt: Vom Tuareg-Turban über Zorro-Tuch, Outdoor-Schlauchschal bis zum »Hassi« – hätte ich auch nicht gedacht, dass ich das Wort nochmal benutzen würde. Pailletten-Mäskchen, seriöse Anzug-Stoff-Modelle, Firmenlogos, Durchhalte-Parolen, Soli-Sprüche und Fotoprints der eigenen Lippen. Und daneben, mit großen dunklen Augen fein lächelnd, Damen die einfach mal lässig den Hijab etwas höher ziehen, wenn der Schaffner kommt. Was auch immer die mit- oder nach-Corona-Normalität werden sollte, der Kopftuchstreit gehört hoffentlich nicht mehr dazu. Aber leider doch immer noch und schon wieder der Unmut über die Bahn.
Das Staatsunternehmen nämlich droht einerseits per Lautsprecher an, alle die der MNS-Pflicht nicht nachkommen bei einem außerplanmäßigen Halt zwischen Berlin und Hamburg aussteigen zu lassen, kurz abnehmen zum Essen und Trinken sei aber erlaubt. O-Ton: »Wir haben nämlich auch keine Lust, hier ständig durch die Wagen zu laufen und sie an die Einhaltung der Maskenpflicht zu erinnern.« Gleichzeitig aber ist das marktwirtschaftliche Unternehmen Bahn AG so frei, auch jetzt noch auf Reservierungspflicht zu verzichten, so dass niemand genau weiß oder auch nur ahnen kann, wie viele Menschen in einem beliebigen Zug unterwegs sein werden. Die aber dennoch gefälligst das Abstandsgebot einhalten sollen. Wie, das können sich dann die Schaffner überleben, oder sie überlassen es gleich ganz den maskierten Fahrgästen. Wahrscheinlich nur eine Frage der Urlaubszeit, bis es zu ersten Handgreiflichkeiten kommt, weil Zorro darauf besteht neben Zebramaske zu sitzen, die das aber vielleicht nicht will.
Ach ja, und in Hamburg haben sich Taschendiebe jetzt vom ÖPNV auf die Fahrradwege verlegt. Spezialdisziplin: Wertsachen aus der Gesäßtasche ziehen, im Vorbeifahren oder an der roten Ampel. Jede Anzeige ist jetzt so sinnvoll wie früher nur in Köln zum Karneval: »Herr Wachtmeister, es war der Tiger«. Soll sich aber bitte niemand beschweren, so ist sie halt, die Wirtschaft: flexibel, findig, blitzschnell. sim

26.5. 2020

Robert Habeck hat einen vernünftigen Vorschlag gemacht. Der Mann macht dauernd vernünftige Vorschläge, aber das mit der Herabsetzung des Wahlalters von 18 auf 16 Jahre ist nicht nur vernünftig, sondern längst überfällig. Womit das kleine, mit dem Vorschlag einhergehende Problem beschrieben ist. Habeck sagt, es solle jetzt getan werden, weil sich die jungen Menschen in diesen Coronazeiten so großartig solidarisch und »absolut vorbildlich« verhalten hätten. Diese politische Reife müsse anerkannt werden. Er möchte das Wahlalter also für Wohlverhalten senken. So geht das nicht. Das aktive Wahlrecht ist keine Gabe für Fleiß, Vernunft, solidarisches oder einfach nur anständiges Verhalten. Selbst das größte Arschloch darf von diesem Recht Gebrauch machen, und das ist gut so. Wir können nur darüber spekulieren, wie viele Menschen, die wählen gehen, nicht über allzu viel politische Reife verfügen (obwohl wählen gehen schon Ausdruck eines vorhandenen Mindestmaßes davon ist). So toll es also ist, dass endlich mal wieder über eine Herabsetzung des Wahlalters gesprochen wird (wäre übrigens noch toller, wenn dazu noch gleich der Vorschlag käme, auch allen Menschen, die seit mehr als fünf Jahren ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben die Wahl zu geben), so falsch klingt es, dies sozusagen im Ergebnis einer Verhaltensbewertung zu tun.

Es gibt überhaupt keinen Grund für ein Wahlalter 18. Ließe sich einwenden, für 16 auch nicht. Stimmt, deshalb gab es mal den radikalen Vorschlag Wahlalter Null. Unter anderem eingebracht und diskutiert vom damaligen FDP-Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages Herbert Otto Solms. Die Diskussion war deshalb spannend, weil sie sozusagen das ganze große Problem verdeutlicht hat. Ab welchem Alter trauen wir den Menschen politische Willensbekundung und Vertretung der eigenen Interessen zu? Und aus welchem Grund schließen wir wen davon aus?

Corona hat eine ganze Reihe vernünftige und ebenso viele vernünftige und längst überfällige Vorschläge initiiert. Bei den längst überfälligen (siehe Debatte über die Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen) ist die Frage gerechtfertigt, warum die Vernunft nicht schon früher zum Tragen gekommen ist. So auch bei der Sache mit dem Wahlalter.

Um das Leben nicht allzu ernst zu nehmen (vor allem Montage, Mondays. Braucht keiner zu wissen, warum.), lerne ich jeden Tag ein paar von Douglas Adams (»Per Anhalter durch die Galaxis«) erfundene Neologismen, versammelt in dem Buch »Der tiefere Sinn des Labenz. Das Wörterbuch der bisher unbenannten Gegenstände und Gefühle«. Heute: Chemnitz (der) – Ein stiller, kleiner, unauffälliger Mann mit dicker Brille, der in seinem Geräteschuppen an einer neuen Atombombe bastelt.

Und Schöffelding (das) – Ein merkwürdig geformtes Metallutensil, das man in der hintersten Ecke des Topfschrankes findet. Viele Fachleute sind der Ansicht, Schöffeldinger seien der schlüssige Beweis für die Existenz eines mittlerweile ausgerotteten Schalengemüses, das in der viktorianischen Zeit gnadenlos niedergesotten wurde.

Im Radio beklagt sich die FDP in Gestalt eines ihrer Bundestags-Fraktionsvize über Verstaatlichungsorgien. Wegen der Lufthansa und der geplanten staatlichen Beteiligung am Unternehmen. Das Wort Orgie fällt in dem Interview so oft, dass mir die Ohren glühen und ich an längst vergangene Zeiten denke. kg

27.5. 2020
Irgendwann einigte sich die Gesellschaft auf eine Mischung aus Eigenverantwortung, Vorsichtsmaßnahmen und Gesundheitsfürsorge. Damals bedeutete das: Safer Sex und HIV-Tests. Für die wurde geradezu flächendeckend geworben, jede und jeder konnte, ja sollte sich, bitte sehr, testen lassen wann immer er oder sie fand, dass der Sex möglicherweise nicht safe genug gewesen war. Natürlich erregte sich die Boulevardpresse, und sicher auch diverse Stammtische, mit den ihnen jeweils eigenen Ressentiments über die Ausschweifungen der anderen. Aber niemandem wäre es eingefallen, ernsthaft zu glauben, man könne Menschen vorschreiben, mit wem sie wie Sex haben oder ob überhaupt. Genauso wenig erinnere ich mich an Diskussionen darüber, ob und für wen gesetzliche Krankenkassen die Tests bezahlen, und wenn ja wie oft. Und heute reden wird ja nicht mal über den Luxus, mehr als einen Sexualpartner zu haben, sondern über den gemeinsamen Aufenthalt in Klassenzimmern und anderen Räumen.
Es geht mir dabei nicht darum, dass das neue Virus möglicherweise heimtückischer ist als das alte und der Test deshalb komplizierter, teurer oder was auch immer. Es geht um eine Haltung – eine die damals maßgeblich von einer durch den niederrheinischen Katholizismus geprägten CDU Ministerin vertreten wurde. Warum eigentlich hat noch niemand Rita Süssmuth interviewt zu der Frage, wie ein solidarisches, rücksichtsvolles Leben mit Covid 19 aussehen könnte? Oder, ich glaube ich habe das schon mal geschrieben, einen der Aktivisten von damals, ohne die Rita Süssmuth möglicherweise auch ganz anders gekonnt hätte. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht verband die Katholikin und die schwulen Aktivisten eben doch eine tiefe Einsicht in die Schwäche des Fleisches. Von der ausgehend sind Rücksicht und Nachsicht immer der sicherere Weg als die irrige Annahme, der Mensch könnte sich dauerhaft als Einzelfestung schützen – aber damals gab es natürlich auch noch kein Internet, das zu diesem körperlosen Menschenbild hätte beitragen können. Sollte jedenfalls mal jemand fragen, was der Unterschied zwischen dem Kapitalismus war, der auch damals schon herrschte in der BRD, und jenem von heute, liebe Kinder, dann ist das meine Veranschaulichungsgeschichte.
sim

31.5. 2020

Zum Wochenende gehören die IWD-Heftchen (Informationen aus dem Institut der deutschen Wirtschaft). Ein Institut der Wirtschaft ist was anderes, als eines für Wirtschaft. Insofern ist es müßig, sich über die neoliberale Bugwelle aufzuregen, die jedes dieser Heftchen vor sich herschiebt. Trotzdem gelingt es denen immer noch, meinen Puls zu beschleunigen. Nun gerade die Sache mit dem Mindestlohn. Entgegen all dessen, was dieses Institut 2015 behauptete (daran erinnert heute aber niemand von denen gern) hat die deutsche Wirtschaft die Einführung des Mindestlohns ohne steigende Arbeitslosigkeit überstanden. Nun schreibt das IWD: »Das könnte sich bald ändern, wollen die Gewerkschaften doch ungeachtet der Corona-Krise eine kräftige Anhebung der unteren Lohngrenze anheben. Ihr Argument, ein höherer Mindestlohn würde das Armutsrisiko senken, ist allerdings wenig stichhaltig.« Neue Runde also, altes Zeug in leicht geänderter Verpackung. Und keine Entschuldigung für den 2015 veröffentlichten Schwachsinn, demzufolge die Einführung des Mindestlohns, mindestens wenn nicht noch mehr standortschädigend sein würde. Die Gewerkschaften sollten sich überlegen, eine einstweilige Verfügung zu erlassen, weil die Behauptung, sie forderten eine Steigerung des Mindestlohns ungeachtet der Coronakrise eine wirklich gequirlte Blödheit ist. Trotz oder wegen oder ungeachtet? Ungeachtet klingt nach fahrlässig und standortgefährdend. Aber möglicherweise sehen die Gewerkschaften, dass diese Krise noch mal zugespitzt hat, was wir eh schon wissen: Wer prekär arbeitet, hat überhaupt keine Reserven und wem dann von dem Prekären auch noch ein paar Prozent abgezogen werden, weil Kurzarbeit ist, oder wer dann gleich beim Jobcenter landet, hat ob der nicht vorhandenen Reserven auch Null Spielraum.

Laut IWD ist das Glas jedoch gerade halbleer, wer käme da auf die Idee, denen, die in solchen Krisen die Verlierer*innen überhaupt sind – weil sie schon vor Kurzarbeit oder Jobverlust verdammt wenig Geld verdient haben – mehr Geld zu geben?

Es mag eine kindisch unzulässige Frage sein, aber wie muss eigentlich eine Arbeit beschaffen sein, für die man 9,35 Euro die Stunde verdient? Zweieinhalb Latte Macchiato im Szeneviertel, die Bruttokaltmiete für einen Quadratmeter Wohnung pro Monat, eine Eintrittskarte fürs Kino. Und wie kommt es, dass in Schlachthöfen der Stundenlohn teilweise bei fünf Euro liegt? Das IWD schreibt, der Mindestlohn in Deutschland erfülle bereits jetzt weitestgehend das Kriterium, Armut zu vermeiden. Das ist auch nicht geschummelt, Armut obliegt definitorisch dem, was eine Gesellschaft, ein Staat dazu festlegt. Und Deutschland liegt mit seinem Mindestlohn auch gar nicht so schlecht im Rennen. Es ist großartig, dass es ihn überhaupt gibt. Es sollte trotzdem nicht erlaubt sein, immer wieder die gleiche Leier anzustimmen, wenn jetzt noch Lohnerhöhungen kämen, würde die Arbeitslosigkeit steigen, der Standort in Gefahr sein, die Welt untergehen.

Heute ein langes Telefonat mit einem Freund geführt, der immer mal wieder als verschollen gilt, in Rostock lebt und aufgrund einer langen Alkoholsucht mit nachhaltigen Folgen in Midijobs arbeitet, die er als erfüllend beschreibt. Er fährt mit einem kleinen motorisierten Ding durch die Grünanlagen der Stadt und macht sie sauber und schön. Midijob sei die neue ABM sagt er und man komme mit dem Geld schon irgendwie durch. In Rostock jedenfalls, in einer unsanierten Platte lebend, die er liebevoll die Assi-Platte nennt, und mit noch etwas Wohngeld dazu. Kein Alkohol sei dann doch eine Lösung sagt er und ihm gefalle vor allem das Team, in dem er arbeite. Er sei nämlich allein bei dem Job. Hund allerdings hätte er abwählen müssen, weil Futter und so kosteten zu viel Geld. Was er nicht so mag seien die ständigen Wiedereingliederungspläne, die das Jobcenter für ihn schreibe. Er halte sich im Rahmen seiner Möglichkeiten (»man is ja auch beschädigt, wenn man so viel gesoffen hat«) für wiedereingegliedert. Seit Jahren trocken, Grünflächen pflegend und keine Nervbacke eben. Auf meinen Freund bezogen, hat das IWD Recht. Die Armutsgefährdungsschwelle liegt im Auge des Betrachters. Und wenn das Jobcenter irgendwann aufhört, meinen Freund immer mal wieder zu fragen, ob er nicht Bürokaufmann werden will, beschriebe er sich wahrscheinlich als leidlich glücklich. Halbvolles Glas also. kg

Geschrieben von:

Sigrun Matthiesen

Journalistin

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin