Wirtschaft
anders denken.

Wegfallende Jobs, sinkende Löhne: Neues über Roboter und die Folgen

05.10.2017
ICAPlants / CC BY-SA 3.0

Immer mehr Roboter kommen zum Einsatz. Welche Folgen gibt es für die Beschäftigten? Neue Studien zeigen, dass die Zahl wegfallender Jobs zwar geringer sein könnte. Die Automatisierung wirkt aber als Umverteilungsmaschine nach oben: Löhne sinken, Profite steigen.

Wer über den Aufstieg der AfD reden will, sollte die Umwälzungen in der Arbeitswelt nicht übersehen, die üblicherweise unter dem Begriff »Digitalisierung« gefasst werden. Technologischer Wandel und Automatisierung bringen nicht nur hübsche Konsumgüter und futuristische Roboter hervor, sondern wirken sich auf regionale Arbeitsmärkte, auf Anforderungsprofile, auf die Rollenselbstverständnisse von Beschäftigten in ihren Berufskulturen und auf anderes mehr aus. Eine zugespitzte Sichtweise ist dabei auch ziemlich populär: Die »Digitalisierung« führe zu technologischer Erwerbslosigkeit ungeahnten Ausmaßes.

Als Kronzeugen dafür stehen Carl Frey und Michael Osborne im Rampenlicht, die vor einigen Jahren die Wahrscheinlichkeit errechneten, welche Berufe bei weiterem technischen Fortschritt durch Roboter, Automaten oder Computerprogramme ersetzt werden könnten – sie kamen auf die horrende Zahl von 47 Prozent aller Stellen in den USA. Laut der Studie, die viele Schlagzeilen machte, werde ein großer Teil der klassischen Produktionsarbeit, viele Tätigkeiten in Transport und Logistik, im Verkauf und auch in Dienstleistungen wie Banken, Versicherungen wegrationalisiert werden.

USA: Ein Roboter verdrängt netto drei bis sechs Arbeitsplätze

Darin ein Moment zukünftiger Befreiung zu sehen, wollten nur wenige – was einerseits mit der Totalität der Lohnarbeit zu tun hat, die weithin akzeptiert ist und nur selten wenigstens auf gedanklicher Ebene überwunden wird: Sollen die Roboter doch die Arbeit machen, dann bliebe Zeit für Anderes, Sinnvolleres! Wenn da nicht die Frage wäre, wovon man leben soll, solange das davon abhängt, in welcher Position man zur Lohnarbeit steht. Die Studie wurde aber auch deshalb kritisiert, weil man den Zahlen von Frey und Osborne nicht glauben wollte. Das galt sowohl methodisch als auch bei der Übertragung auf andere Länder.

Inzwischen ist wieder in den Medien vom »Race between Machine and Man« die Rede – so der Titel einer Studie von Daron Acemoglu (MIT) und Pascual Restrepo (Boston University) aus dem Jahr 2015. Beide haben in diesem Frühjahr eine neue Untersuchung veröffentlicht, die auf einem eigenen, neu entwickelten Gleichgewichtsmodell beruht und aggregierte Effekte durch die Automatisierung auf Beschäftigung und Löhne in den USA schätzt, wobei auch detaillierte Zahlen der International Federation of Robotics seit den 1990er Jahren genutzt werden. Die Untersuchung ist regional ziemlich hoch aufgelöst, sie nimmt Beschäftigungs- und Lohnentwicklungen in über 720 Gebieten der USA in den Blick.

Das Ergebnis: Ein neu installierter Industrieroboter verdrängt netto drei bis sechs Arbeitsplätze. Acemoglu und Restrepo blicken dabei nicht in die Zukunft und also in eine Glaskugel, sondern sie berechnen die Effekte tatsächlich geschehener Automatisierung, und hier zeige sich, »dass Roboter Beschäftigung und Löhne verringern können«. Nach den Schätzungen der beiden Forscher »senkt ein weiterer Roboter pro tausend Beschäftigte die Beschäftigungsquote um etwa 0,18 bis 0,34 Prozentpunkte und die Löhne um 0,25 bis 0,5 Prozent.«

BRD: Keine Verdrängungseffekte – aber geringere Löhne

Nun ist aber zu berücksichtigen, dass in den USA vergleichsweise noch wenig Industrieroboter im Einsatz sind. Weltweit wird die Zahl mit etwa 1,5 bis 1,75 Millionen angegeben, sie sind vor allem in der Autobranche im Einsatz und die USA gelten als im Vergleich noch wenig automatisiert. Acemoglu und Restrepo schätzen, dass von 1990 bis 2007 zwischen 360.000 bis 670.000 menschliche Stellen durch neue Roboter verschwunden sind, was auf einem 150 Millionen Beschäftigte umfassenden Arbeitsmarkt nicht sehr viel ist. Aber es wird auch angenommen, dass die Zahl der Roboter künftig noch und erst richtig steigt – und zwar könnte sich die Zahl weltweit in den kommenden Jahren verdreifachen.

Der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum hat das Modell von Acemoglu und Restrepo auf die Bundesrepublik angewandt. Insgesamt wurden über 130.000 Industrieroboter hierzulande seit den 1990ern Jahren zum Einsatz gebracht. Aus den Daten für Deutschland lasse sich nach dem Modell durch den Einsatz von Industrierobotern kein negativer Effekt auf die Beschäftigung errechnen – jedenfalls nicht in der Gesamtbetrachtung. Auf zwei wegfallende Stellen durch den Einsatz eines Roboters würden anderswo zwei neue Stellen vor allem im Dienstleistungsgewerbe entstehen.

Was sich aber verändert: Der Strukturwandel beschleunigt sich, und das ist mehr als nur eine Frage des nackten Verhältnisses von Zahlen aus verschiedenen Sektoren. »Wir können zeigen, dass die Menschen nicht rausgeworfen werden. Teilweise finden sie in ihren Firmen andere Aufgaben. Wir sehen aber, dass über die Jahre weniger junge Leute in der Industrie eingestellt wurden«, sagte Südekum unlängst der »Zeit«, und vermutete, dass die gewerkschaftliche Interessenvertretung mit dafür sorgen könnte, dass negative Beschäftigungseffekte ausbleiben – allerdings gegen Lohnverzicht.

»Ein Großteil der Beschäftigten verdient weniger Geld durch die Robotisierung von Arbeit«, so Südekum. Mehr noch ließe sich von einem Umverteilungseffekt nach oben sprechen – die Zahl der Stellen bleibt stabil, auch die Durchschnittslöhne hätten sich nicht durch diese Form der Automatisierung verändert. Aber, sagt Südekum: Weniger gut qualifizierten Menschen verdienen weniger, die Hochqualifizierten mehr – und die Gewinne der Unternehmen steigen.

Neue Studie: »Nur« zehn Prozent automatisierbare Arbeitsplätze

Eine weitere neue Studie über die möglichen Auswirkungen der Robotisierung auf den Arbeitsmarkt der USA haben Forscher des Zentrums für Europäische Wirtschaftswissenschaften ZEW vorgelegt. »Revisiting the Risk of Automation« kommt zu dem Ergebnis, dass man »angesichts der rasanten Fortschritte in den Bereichen Künstliche Intelligenz und Robotik« den Anteil automatisierbarer Arbeitsplätze nicht überschätzen dürfe. Würden, heißt es mit Blick auf Studien wie jene von Frey und Osborne, »die erhebliche Heterogenität der Aufgaben in den Berufen sowie die Anpassungsfähigkeit von Arbeitsplätzen im digitalen Wandel« nicht vernachlässigt, zeige sich, »dass das Automatisierungsrisiko von US-Arbeitsplätzen, ceteris paribus, bei der Berücksichtigung des Aufgabenspektrums innerhalb von Berufen von 38 Prozent auf 9 Prozent sinkt«.

Nun sind zehn Prozent aber immer noch ziemlich viel. Die Frage dürfte vor allem sein, auf welche Beschäftigtengruppen sich die Automatisierung vor allem auswirkt. Anders gesprochen: Es steckt eine soziale, vor allem über die Bildung verkoppelte Frage in der nach den Folgen der Digitalisierung. Die »Frankfurter Allgemeine« zitierte dieser Tage den Frankfurter Ökonom Bertram Schefold mit den Worten, »anders als früher entstehen heute Technologien, die keine neuen Produkte schaffen, sondern alte ersetzen«. Damit komme es auch nicht mehr zu den enormen Sekundäreffekten wie bei früheren technologischen Revolutionen.

Gefährdet seien bei diesem Prozess vor allem gering Qualifizierte, so Schefold – der ebenfalls auf den wachsenden Druck auf die Löhne aufmerksam macht. Aber auch das kompensiere nicht negative Beschäftigungseffekte. »Anders als früher führten geringere Arbeitskosten trotzdem nicht dazu, dass die Firmen neue Jobs schaffen«, fasst die FAS zusammen: »Wer seine Fabrik einmal automatisiert hat, wird die Maschinen nicht einfach ausmustern, bloß weil menschliche Arbeitskraft zwischenzeitlich billiger geworden ist.«

Roboter: Wer streicht die Rationalisierungsgewinne ein?

Die Frage nach den gesellschaftlichen Folgen von Automatisierung und Digitalisierung ist ohnehin nicht bloß als eine der Stellenzahl oder der sektoralen Verteilung anzusehen, sondern (auch) eine der Verteilung. Schon vor einiger Zeit wies Ralf Krämer von der wirtschaftspolitischen Abteilung der Gewerkschaft ver.di darauf hin, dass »in der kapitalistischen Produktionsweise … neue Techniken von Unternehmen eingesetzt (werden), um höhere Profite zu erzielen beziehungsweise die Profite in der Konkurrenz zu sichern. ›Freisetzung‹ von Arbeitskräften, Massenerwerbslosigkeit und Krisen sind dabei normale, immer wieder auftretende Erscheinungen. Allerdings wirken auch unter kapitalistischen Verhältnissen Mechanismen, die eine Umsetzung von technologischen Fortschritten und Rationalisierungsgewinnen in wachsende Produktion und steigende Realeinkommen ermöglichen.«

Die eigentlich relevante Frage sei also, so Krämer, »ob und wie die Umsetzung von Produktivitätszuwächsen in höhere Masseneinkommen – und/ oder sozial gesteuerte Arbeitszeitverkürzung – auch unter Bedingungen eines globalisierten neoliberalen Finanzkapitalismus erreicht beziehungsweise wie dieser eingeschränkt und zurückgedrängt werden kann«.

Wie die oben angeführten Studien zeigen, wird der Schub an Digitalisierung und Automatisierung derzeit vor allem »zur Schwächung von Beschäftigten und Gewerkschaften und zur Stärkung der Macht und der Verteilungsposition des Kapitals« genutzt, die »eine einseitige Aneignung der Rationalisierungsgewinne beziehungsweise ›Digitalisierungsdividende‹ in Form höherer Gewinne und Vermögenseinkommen« erreichen wollen.

Zum Weiterlesen:

IAB (2015): Folgen der Digitalisierung für die Arbeitswelt. Substituierbarkeitspotenziale von Berufen in Deutschland

Pfeiffer, Sabine; Suphan, Anne (2015): Der AV-Index. Lebendiges Arbeitsvermögen und Erfahrung als Ressourcen auf dem Weg zu Industrie 4.0

Tobias Maier, Bundesinstitut für Berufsbildung (2017): Wirkungen von Digitalisierung und Wirtschaft 4.0 auf die Arbeitsmarkt und Berufsentwicklung

Geschrieben von:

Tom Strohschneider

OXI-Redakteur