Wirtschaft
anders denken.

Welche Lösung wünsche ich mir? Und wie weit bin ich bereit, den anderen entgegenzukommen?

03.07.2018

Lassen sich Entscheidungsprozesse machtfrei organisieren? Die Frage interessiert Erich Visotschnig seit langem. Die Antwort des Mathematikers und Physikers heißt: Systemisches Konsensieren. Eine Rezension. 

Erich Visotschnig ist Mathematiker und Physiker. Er hat Software entwickelt und IT-Projekte gemanagt. Komplexe Probleme sind so einem nicht fremd. Scheinbar schwer zu überschauende Organisationsstrukturen auch nicht. Gute Systemanalytiker können etwas, was vielen Menschen schwerfällt, weil die Verhältnisse opak sind: Sie können Probleme analysieren und Lösungen entwickeln. Die der kapitalistischen Warenwelt immanente schreckliche Vereinfachung bei der Analyse der Verhältnisse ist nicht ihre Sache. »Probleme kann man niemals mit der gleichen Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.« Dieser Satz stammt von Albert Einstein. Er klingt gut und richtig und wird gern missachtet.

Visotschnig forscht seit 1979 über machtfreie Strukturen und Abläufe. Die Ausgangsfrage war: Lassen sich Entscheidungsprozesse machtfrei organisieren? Aus vielen Jahren Forschung ist das Prinzip »Systemisches Konsensieren« entstanden. Ein erst einmal sperriger Begriff, der in dem Buch »Nicht über unsere Köpfe« erklärt wird. »Beim Systemischen Konsensieren ermittelt eine Gruppe aus einer Reihe selbst entwickelter Lösungsvorschläge jenen Vorschlag, der die geringste Ablehnung erfährt. Diese Form der Entscheidungsfindung – von den Beteiligten nicht die Zustimmung zu einem Vorschlag zu erfragen, sondern das Ausmaß des Widerstands – ermöglicht ein Ergebnis, das einem Konsens am nächsten kommt, da für jede Lösung das Ausmaß des gesamten Widerstands der Gruppe ermittelt wird.«

Im Buch heißt es: »Wenn wir eine friedliche Gesellschaft wollen, brauchen wir geeignete Entscheidungsverfahren. Ihre Spielregeln sollten so gestaltet sein, dass sie zu konfliktfreien Entscheidungen führen, die möglichst alle mittragen können.« Nun ließe sich bereits an der Stelle entgegenhalten, dass weder das politische, noch das ökonomische System dafür gemacht und darauf aus sind, dass Entscheidungen von möglichst allen getragen werden. In der Politik reicht in den meisten Fällen die einfache Mehrheit, in der Ökonomie genügt es, über ausreichend Produktionsmittel und Finanzkraft zu verfügen, um etwas durchzusetzen, was keine Mehrheit fände, ließe man darüber abstimmen.

Visotschnig ist kein Träumer, oder vielleicht doch, aber er ist nicht realitätsfern. Gerade weil das eine so ist und das andere sich scheinbar nicht ändern lässt, solange wir im Kapitalismus leben, überlegt er, wie und vor allem in welchen Bereichen es anders gehen könnte. Er weiß, dass sein Prinzip des Systemischen Konsensierens auf makroökonomischer oder globalpolitischer Ebene wohl nicht anwendbar ist. Es setzt in der Politik einfach zu viel Entgegenkommen voraus und widerspricht im ökonomischen System sämtlichen Gesetzmäßigkeiten, unter denen Mehrwert entsteht und Gewinn erwirtschaftet wird. Solange es kein höheres Gut als Mehrwert und Gewinn gibt, besteht auch kein Grund, bestimmte Konflikte zur Zufriedenheit aller oder möglichst vieler zu lösen.

Das traditionelle Mehrheitsprinzip, so ein Ausgangspunkt der Überlegungen zum Systemischen Konsensieren, arbeite nur dann befriedigend, wenn höchstens zwei Vorschläge vorliegen. Dann sei jede relative zugleich eine absolute Mehrheit. Nicht umsonst werden viele Entscheidungen – vor allem im politischen Raum – von denen, die entscheiden sollen, als die Wahl zwischen Pest und Cholera dargestellt. »Dies ist eine der großen Schwächen des traditionellen Mehrheitsprinzips«, heißt es im Buch. »Es erzeugt ein falsches Bild der Wirklichkeit. Wir sind es nämlich gewohnt, das Resultat der Mehrheitsabstimmung als ›Willen der Mehrheit’ zu interpretieren.«

Bei Umfragen, schreibt Visotschnig, in denen die Befragten erklären sollten, warum sie bei einer Wahl diese und nicht jene Partei, diese und nicht jene Kandidatin angekreuzt haben, erklärten zwischen 50 und 70 Prozent, sie hätten damit das geringste Übel gewählt. Das heißt, sie halten die gewählte Partei für ein Übel. Der Anteil jener Menschen, bei denen der Wunsch, dass die gewählte Partei ihre Interessen vertritt, ausschlaggebend war, lag bei 10 bis 30 Prozent, bei kritischen Wähler*innen sogar unter fünf Prozent.

Wer sich die Reden im Anschluss an einen Wahltag vergegenwärtigt, in denen sich Politiker*innen darüber freuen und dafür bedanken, dass eine Mehrheit der Wähler*innen ihnen ihr Vertrauen ausgesprochen hat, kann angesichts dessen von Realitätsferne sprechen. Aber das trifft den Kern nicht. Der Kern ist, dass die Wahlsysteme nichts anderes zulassen, als sich im Zweifelsfall für das kleinere Übel zu entscheiden. Und dass daraus Machtverhältnisse und Deutungshoheit abgeleitet werden.

 

»Nicht über unsere Köpfe« ist ein Buch, das mit überzeugenden Beispielen und umfangreichen praktischen Erfahrungen aufwartet, aber auch den notwendigen theoretischen Exkurs nicht zu kurz kommen lässt. Vor allem bei Konflikten auf kommunaler Ebene ist Systemisches Konsensieren eine bereits viel erprobte und erfolgreiche Methode. Weil – was zuerst einmal paradox klingt – für eine gute Gruppenentscheidung nicht die Zustimmung ausschlaggeben ist, sondern das Ausmaß der Unzufriedenheit, das diese Entscheidung auslöst.

In Österreich – Erich Visotschnig lebt in Graz und ist Österreicher – haben Kommunen und Gemeinden bereits gute Erfahrungen mit dem Systemischen Konsensieren gemacht. Das schöne Wort »Entgegenkommen« spielt in der Praxis eine große Rolle. Denn am Anfang jedes Konsensierens steht die Frage: Welche Lösung wünsche ich mir? Und die Frage: Bin ich bereit, an meinem Vorschlag, von dem ich mir erhoffe, dass er am Ende den Konsens abbildet, zu arbeiten, also den anderen entgegenzukommen, indem ich das, was sie vorschlagen oder an meinem Vorschlag monieren, bedenke und einarbeite.

Das ist zugleich auch ein schwieriger Prozess: »Wir sind doch eher Folgendes gewohnt: Ich will etwas und alles, was von dem abweicht, was ich will, will ich nicht.« Erich Visotschnig hat die, wie er selbst sagt, faszinierende Erfahrung gemacht, dass Systemisches Konsensieren bereits bei Vorschulkindern funktioniert. Er erzählt von einem Kindergarten in Berlin, in dem 3- bis 4-Jährige gelernt haben, mit einfachen Bildern ihren Widerstand gegen vorgeschlagene Alternativen zu beschreiben, so dass am Ende auch hier jene Lösung gewählt werden konnte, die in der Gruppe der Kinder auf den geringsten Widerstand traf.

Systemisches Konsensieren, das wird in dem Buch ausführlich theoretisch beschrieben und praktisch unterlegt, funktioniert bei der Suche nach tragbaren Entscheidungen. Da, wo Politik bereit ist, sich über Sprechblasen hinaus auf die Beteiligung und Einbeziehung von Bürger*innen einzulassen, Beteiligungsverfahren zu nutzen und Lösungen, die in diesen Verfahren gefunden wurden, anzuerkennen und umzusetzen, wäre Systemisches Konsensieren ganz sicher ein Qualitätssprung.

Nun kommt der schwierigere Teil. Der Untertitel des Buches lautet: »Wie ein neues Wahlsystem die Demokratie retten kann.« Und das klingt ein wenig, als griffe da jemand nach den Sternen. Die Demokratie erscheint gegenwärtig allzu angeschlagen, der Wille zur Veränderung viel zu klein, als dass die Vorstellung, ein geändertes Wahlsystem allein könnte den entscheidenden Schalter umlegen, glaubhaft klingt.

Nichtsdestotrotz unterbreitet Visotschnig ausführlich einen Vorschlag, wie das geltende traditionelle Mehrheitsverfahren – das ja auch bei Volksabstimmungen, Bürger*innenentscheiden gilt –  ersetzt werden kann durch andere Verfahren. Wie sähen echte Bürger*innenbegehren aus, bei denen nicht »zwischen Pest und Cholera« entschieden werden muss? Wie geht Online-Konsensieren? Wäre ein staatsweites Konsensierungssystem möglich?

Eindeutig wird in diesem Teil des Buches eine Utopie beschrieben. Das war und ist seit jeher angreifbar oder ist im schlechtesten Fall mit dem Satz vom Tisch zu wischen, das funktioniere doch sowieso nicht. Wer Diskussionen gern mit einer solchen Ansage beendet, braucht das Buch nicht zu lesen. Allen anderen sei es empfohlen.

Erich Visotschnig: Nicht über unsere Köpfe. Wie ein neues Wahlsystem die Demokratie retten kann, 196 Seiten, oekom verlag München, 2018, ISBN-13: 978-3-96238-021-2

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin