Wirtschaft
anders denken.

Friedman grüßt: Wenn der Helikopter Geld verteilt

20.04.2016
Ein Aufkleber auf dem Milton Friedman abgebildet ist und der Spruch: ""proud father of global misery"Foto: Daniel Lobo / flickr CC BY 2.0Friedman prägte in den 1960er Jahren das Bild vom Helikopter-Geld.

Als Mittel gegen die Inflation entwickelt, von EZB-Chef Draghi als interessante Idee bezeichnet, von vielen ÖkonomInnen als Humbug abgetan: Was ist eigentlich Helikopter-Geld und wie soll es wirken?

Die Europäische Union (EU) steckt in der Rezession. Was tut Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank dagegen? Er senkt die Zinsen auf Null, um Preisstabilität herzustellen, was zu den Hauptaufgaben der EZB gehört. Er hebt die negativen Einlagezinsen für geparktes Geld und weitet Staatsanleihenankäufe aus, um – so das Versprechen – die Wirtschaft und damit die Inflation wieder anzukurbeln. Eine Deflation, in der sich die EU derzeit befindet, bremst durch ein sinkendes Preisniveau die Konjunktur. In der EU soll die Preissteigerung maximal zwei Prozent betragen, davon ist sie derzeit weit entfernt. Da konventionelle Maßnahmen ebenso wenig greifen wie unkonventionelle – etwa die Negativzinsen -, hat Draghi das Helikopter-Geld in einer Pressekonferenz als »sehr interessante Idee« bezeichnet. Seither läuft eine rege Diskussion über Sinn und Unsinn einer solchen geldpolitischen Maßnahme unter ÖkonomInnen, JournalistInnen und EU-KritikerInnen und PolitikerInnen.

Was ist Helikopter-Geld?

Wenn die Zentralbank eines Landes oder eben die Zentralbank der Europäischen Union direkt (als Barauszahlung oder Überweisung) oder indirekt (als Steuergutschrift oder Investition in Infrastruktur) an alle BürgerInnen, unabhängig von Einkommen, Ersparten oder Aktienpaket, frisch gedrucktes Geld verteilt, spricht man von Helikopter-Geld. Es handelt sich um eine geldpolitische Maßnahme, die den Konsum und darüber dann auch die Inflation anregen soll: Wenn die BürgerInnen das an sie verteilte Geld in die Geschäfte tragen, wird nicht nur die Konjunktur angekurbelt, sondern es steigen wegen der wachsenden Nachfrage nach Gütern laut neoklassischer Wirtschaftstheorie auch die Preise. Dies zieht einen Anstieg der Inflation nach sich – theoretisch.

Woher kommt der Name?

Vor vier Jahrzehnten schuf Milton Friedman das Bild vom Helikopter-Geld. Der Ökonom gehörte zu den so genannten Chicago Boys und sah sich selbst als klassischen Liberalen, der den Einfluss des Staates auf den Markt begrenzen wollte – um so angeblich politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Freiheit zu fördern. Friedmans Idee: Ein Helikopter solle einmalig 1.000 Dollar-Scheine über einer Stadt verteilen die Geldmenge wächst, so seine Hoffnung, der Konsum steigt, damit die Preise und also die Inflation. Das ausgerechnet ein neoliberaler Denker ein keynesianisches Konzept entwickelt, selbst wenn er damit die Neutralität des Geldes beweisen wollte, ist verwunderlich.

Was wäre der Vorteil?

Im Gegensatz zu konventionellen geldpolitischen Maßnahmen kommt das Geld direkt bei den BürgerInnen an. Während die Ausweitung der Geldmenge im Normalfall als Kredit an Geschäftsbanken gewährt wird oder den Finanzinstituten Vermögenstitel abgekauft werden, wobei die Weitergabe des zusätzlichen Geldes nur begrenzt funktioniert, bringt die Helikopter-Idee einen direkten Vermögensgewinn für den Einzelnen. Die damit verbundene Einsicht ist simpel: Auch auf die private Konsumnachfrage kommt es an. Fakt ist aber, je höher das Einkommen/Vermögen des Einzelnen, desto geringer ist der Effekt eines Helikopter-Einsatzes. Je mehr die Menschen bereits besitzen, desto weniger Geld aus dem Helikopter werden sie für Konsum verausgaben. Es gilt: Je höher der Anteil der Konsumausgaben am Einkommen/Vermögen eines Haushalts, desto effektiver die Maßnahme.

Was spricht dagegen?

Der »Abwurf von Geld«, also eine direkte Verteilung an BürgerInnen, wäre Fiskalpolitik und damit nicht mit den derzeitigen Grundsätzen der EZB vereinbar. Zudem wurde die Idee bisher nur als Gedankenexperiment auf dem Papier getestet. Ein per Helikopter-Geld ausgelöster Konjunkturschwung wäre mit großer Wahrscheinlichkeit auch nur von kurzfristiger Natur. Und: Muss überhaupt immer mehr konsumiert werden? Müssen wir in einer Wegwerfgesellschaft leben? Im Kapitalismus gibt es nur eine Antwort: Ja! Doch wer sich mit Alternativen zum jetzigen Wirtschaften beschäftigt, hat möglicherweise Zweifel, ob Mehrkonsum, Gewinnmaximierung und noch mehr Wachstum die richtigen Antworten auf wirtschaftliche Krisen sind.

Was sind die Alternativen?

Helikopter-Geld kann zwei psychologische Effekte haben: Mehr Geld zur Verfügung zu haben, kann dazu anregen, sich einen neuen Fernseher, ein neues Fahrrad oder ein neues Smartphone zu kaufen. Andererseits würden viele Menschen aus Angst vor zukünftigen Steuererhöhungen – die Zentralbank muss das »Geschenk« ja irgendwie finanzieren – das Helikopter-Geld eher besorgt in die Sparbüchse legen. Durch die Ankurbelung der realen Wirtschaft mittels staatlicher Maßnahme könnte die Inflation ebenfalls angetrieben werden. Wahrscheinlich gezielter als durch einen Helikopter.

Stellt sich also die Frage: Wäre es nicht sinnvoller, das frisch gedruckte Geld für Sozialprogramme zu nutzen, der öffentlichen Hand mehr Ausgaben zu ermöglichen oder direkt Investitionen anzuregen? Wenn eine Notenbank dies mit dem Ziel umsetzt, ihr Inflationsziel zu erreichen, handelt sie nicht nach den derzeit geltenden Regeln. Diese verbieten direkte Staatsfinanzierung.

Geschrieben von:

Anne Schindler

OXI Projektkoordinatorin