Wirtschaft
anders denken.

Wenn der Vatikan mit Marx kommt: »Quaestiones« rechnen mit dem Kapitalismus ab

20.05.2018

Der Vatikan rechnet in neuen »Erwägungen« mit dem Kapitalismus ab. Es geht gegen die Renditejagd an den Finanzmärkten, die Degradierung der Arbeit zur Ware und ein System der Ausbeutung, das Menschen zu »Müll« macht.

Das nennt man Timing. Da kommt der aktuelle »Spiegel« mit einer Titelstory über »Jahrhunderte voller Sünden und Verbrechen«, in denen die Kirche »zur Weltmacht« wurde. Der Vatikan habe »Hundert tausenden Menschen den Tod gebracht. Er hat andere Kirchen vernichtet, Kriege angezettelt, Völker mit unterworfen«, heißt es da. Nun versuche »Papst Franziskus, die Gespenster der Vergangenheit zu vertreiben«. Und was macht die vatikanische Glaubenskongregation in Rom zur selben Zeit? Sie veröffentlicht die »Oeconomicae et pecuniariae quaestiones«, oder: »Erwägungen zu einer ethischen Unterscheidung bezüglich einiger Aspekte des gegenwärtigen Finanzwirtschaftssystems«.

Die »Welt« schreibt dazu, »die katholische Kirche rechnet mit dem Kapitalismus ab«. In dem neuen Bulletin fordere der Vatikan »ein vollkommen neues Wirtschaftssystem. Besonders der Finanzsektor und der Egoismus der Akteure stehen in der Kritik.« Und im »Handelsblatt« ist zu lesen, es seien »scharfe Worte, die der Vatikan für die weltweiten Finanzmärkte findet«, die Abrechnung mit Steueroasen, Spekulationen und »unmoralischen Finanzpraktiken« sei »beispiellos«. Zitat der Glaubenskongregation: »Das Geld muss dienen und nicht regieren!«

Das Papier wird man durch eine ökonomiekritische Brille hier und da kritisieren mögen, es ist aber doch teils erstaunlich. »Themen im Bereich der Ökonomie und der Finanzwirtschaft stehen heute mehr denn je im Fokus unseres Interesses«, schreibt da die Glaubenskongregation, früher auch die heilige Inquisition genannt. »Grund dafür ist der wachsende Einfluss, den die Märkte auf den materiellen Wohlstand eines großen Teils der Menschheit ausüben. Das macht einerseits eine entsprechende Regulierung ihrer Dynamiken erforderlich. Andererseits bedarf es einer klaren ethischen Grundlage«, so die Kirchendenker.

Wohlstand steigt, Ungleichheit nimmt zu

»Obwohl der wirtschaftliche Wohlstand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überall auf der Welt in einem nie gekannten Ausmaß und Tempo zugenommen hat, ist zu bedenken, dass im selben Zeitraum die Ungleichheiten zwischen den Ländern und innerhalb der Länder größer geworden sind«, heißt es weiter. »Auch ist die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, nach wie vor ungeheuer hoch.«

Was die Kirche aufmerksam registriert – dass sich zu wenig ändert, obgleich die Folgen des Kapitalismus überall in hellem Licht zu besichtigen sind. »Die jüngste Finanzkrise hätte uns die Gelegenheit bieten können, eine neue Wirtschaft zu entwickeln, die größeren Wert auf ethische Prinzipien legt und die Finanzgeschäfte neuen Regelungen unterwirft, um ausbeuterischen und spekulativen Absichten einen Riegel vorzuschieben und den Dienst an der Realwirtschaft in den Vordergrund zu stellen. Wenn auch auf verschiedenen Ebenen viele positive Schritte gemacht wurden, die Anerkennung und Wertschätzung verdienen, ist ein Überdenken jener überholten Kriterien, die immer noch die Welt beherrschen, ausgeblieben.«

Das entspricht durchaus der Kritik, die auch unter kritischen Ökonomen, linken Oppositionellen und so fort vorgetragen wird. Mehr noch, die Kirche sieht sogar Regression: »Manchmal hat es sogar den Anschein, als wäre ein oberflächlicher, kurzsichtiger Egoismus zurückgekehrt, der das Gemeinwohl missachtet und nicht daran interessiert ist, Wohlstand zu schaffen und zu verbreiten oder stark ausgeprägte Ungerechtigkeiten zu beseitigen.«

Was vor mehr als einem Jahrhundert vorausgesagt wurde

Nun kann man sogleich einwenden, hier würden dem Kapitalismus inhärente Logiken zu Fragen abweichenden Verhaltens Einzelner erklärt und damit entnannt. Allein mit der Beachtung »ethischer Prinzipien« wird auch der Trend nicht austrocknen, wegen der schwächelnden Realakkumulation auf die Finanzmärkte auszuweichen und dort unter den spezifischen Bedingungen auf Renditejagd zu gehen. »Ausbeutung« ist kein Sonderfall der Aneignung fremder Arbeit, sondern ihr Wesen. Und über die Rolle des Geldes wird man auch zu anderen »Erwägungen« kommen können als die Kirche, die eine »dienende Funktion« anstrebt.

Politisch interessant ist die Intervention des Vatikan aber dennoch. Und das auch deshalb, weil sich die »Erwägungen« an mindestens einer Stelle indirekt auf Karl Marx beziehen: »Was vor mehr als einem Jahrhundert vorausgesagt wurde, hat sich leider inzwischen bewahrheitet: Der Ertrag aus dem Kapital stellt eine echte Bedrohung dar und riskiert, den Ertrag aus der Arbeit zu überrunden, der im Wirtschaftssystem oft nur noch eine Randbedeutung hat. Daraus folgt, dass die Arbeit mit ihrer Würde nicht nur immer stärker bedroht ist, sondern auch Gefahr läuft, nicht länger ein Gut für den Menschen zu sein, sondern zu einem bloßen Tauschmittel im Inneren von asymmetrisch gemachten sozialen Beziehungen zu werden.«

In einer »Umkehrung der Beziehung zwischen Mittel und Zweck« werde »das Gut der Arbeit zur ›Ware‹ degradiert«, befeuert werde ein »Wegwerfkultur«, welche »die breiten Massen der Bevölkerung ausgegrenzt hat, sie einer würdigen Arbeit beraubt und sie so ›ohne Aussichten, ohne Ausweg‹ lässt: ›Es geht nicht mehr einfach um das Phänomen der Ausbeutung und der Unterdrückung, sondern um etwas Neues: Mit der Ausschließung ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft, in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen, denn durch sie befindet man sich nicht in der Unterschicht, am Rande oder gehört zu den Machtlosen, sondern man steht draußen. Die Ausgeschlossenen sind nicht ›Ausgebeutete‹, sondern Müll, ›Abfall‹«, so zitiert sich die Kirche selbst und zugleich auch jene Gedanken, laut denen »die kapitalistische Akkumulation … vielmehr, und zwar im Verhältnis zu ihrer Energie und ihrem Umfang, beständig eine relative, d.h. für die mittleren Verwertungsbedürfnisse des Kapitals überschüssige, daher überflüssige oder Zuschuss-Arbeiterbevölkerung« produziere (MEW 23, 658).

Verfechter eines neuen sozialen Engagements

»In Anbetracht der heute fast schon erdrückenden Macht und Allgegenwart der finanzwirtschaftlichen Systeme könnten wir versucht sein, dem Zynismus zu verfallen und zu meinen, dass wir mit unseren schwachen Kräften wenig ausrichten können«, so die »Erwägungen« der Glaubenskongregation. »In Wirklichkeit kann aber jeder von uns viel tun, vor allem, wenn wir nicht allein bleiben.« Hier verweist der Vatikan auf »zahlreiche Vereinigungen aus der Zivilgesellschaft«, die »wie eine Art Reserve des Gewissens und der sozialen Verantwortung« fungieren würden. Alle seien »gerufen, uns zu Wächtern des guten Lebens und zu Verfechtern eines neuen sozialen Engagements zu machen«.

Formuliert wurden die »Erwägungen« bereits Anfang des Jahres, Papst Franziskus hat den Inhalt nun »approbiert und ihre Veröffentlichung angeordnet«. Das kommt nicht überraschend, der oberste Mann der Katholischen Kirche gilt als großer Gesellschaftskritiker, der »Spiegel« schreibt über sein Credo, »die Kirche müsse für die Umwelt kämpfen und für die Armen. Der Kapitalismus sei ›in der Wurzel ungerecht‹.« Bekannt ist auch, dass Franziskus’ Kurs und Rhetorik innerhalb der Kirche nicht unwidersprochen sind, das Pontifikat des Argentiniers werde von anderen Funktionären der Kirche kritisch gesehen. Der »Spiegel« schreibt, die internen Gegner meinten, »der Papst schwäche die Doktrin und stärke seine Fans außerhalb der Kirche. ›Die Agenda dieses Papstes deckt sich mit jener der Kirchenfeinde‹,«, wird da sogar einer im Vatikan zitiert.

Foto: nachoarteagahttps://unsplash.com/photos/g453jQQnJ-U / CC0

Geschrieben von:

Vincent Körner