Wirtschaft
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Immer öfter bestimmt der Chef über das Leben: OXI-Überblick zum Anstieg atypischer Arbeitszeiten

25.01.2018
Mathias Bigge , Lizenz: CC BY-SA 3.0

Überstunden, atypische Jobzeiten, entgrenztes Leben: Die Zahl der Beschäftigten, die am Wochenende, an Feiertagen, abends oder nachts ihrer Lohnarbeit nachgehen müssen, ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich gewachsen.

Wie die Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion aus ihr vorliegenden Daten bilanziert, arbeiten 9,1 Millionen Menschen ständig bzw. regelmäßig am Wochenende; 5,1 Millionen tun dies regelmäßig an Sonn- und Feiertagen, 8,9 Millionen müssen regelmäßig abends in den Job, 3,3 Millionen regelmäßig zur Nachtschicht. Insgesamt arbeiten 5,8 Millionen menschen im Schichtdienst. Die Zahl der Beschäftigten, die regelmäßig länger als 48 Stunden in der Woche arbeiten, stieg deutlich auf 1, 7 Millionen. (Zahlen zum Lohndiebstahl durch Überstunden gibt es hier.)

Die Linkspolitikerin Jutta Krellmann forderte mit Blick auf die Zahlen, »die Bedürfnisse und die Gesundheit von Menschen… über ökonomische Interessen zu stellen«. Es müsse Schluss sein mit dem Aufweichen der Grenzen zwischen Lohnarbeitszeit und Freizeit. »Die Lebenszeit unterliegt immer stärker dem Zugriff der Arbeitgeber. Sie bestimmen was, wie aber vor allem auch wann wir arbeiten müssen«, so Krellmann.

»Wir brauchen nicht noch mehr Entgrenzung von Arbeitszeiten, sondern Reformen, die auch den Beschäftigten einen größeren Anteil an der »Flexibilitätsrendite« bringen, fordert auch die Arbeitszeitexpertin der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, Yvonne Lott.

Die Zuwächse im Zeitraum von 2006 bis 2016 in den einzelnen hier aufgeführten Gruppen gehen von plus 10,4 Prozent (Nachtschicht-Arbeitende) bis plus 27,5 Prozent (Sonn- und Feiertagsarbeitende). Eine genaue Auflistung auf Basis der Angaben der Regierung findet sich bei der Linksfraktion. Hier wird auch nach bestimmten Arbeitsverhältnissen (Vollzeit, Leiharbeit etc.) sowie nach Geschlecht differenziert.

Dem entgegengehalten werden kann die Zahl der registrierten »Unterbeschäftigten«. Dies waren im Jahr 2017 durchschnittlich 3,6 Millionen Menschen. Dazu werden zusätzlich zu den registrierten Erwerbslosen auch die Personen gezählt, die nicht als arbeitslos im Sinne des Sozialgesetzbuches gelten, weil sie Teilnehmer an einer Maßnahme der Arbeitsförderung oder kurzfristig erkrankt sind. Ihre Zahl nahm laut der Daten im Vergleich zu 2012 um über 11 Prozent ab.

Zu den Folgen der so genannten atypischen Arbeitszeiten verweist die Bundesregierung unter anderem auf den Arbeitszeitreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, einer Ressortforschungseinrichtung des Arbeitsministeriums. Dort heißt es unter anderem, Wochenendarbeit sei, »da sie sozial wertvolle Zeiten besetzt, mit hoher Beanspruchung hinsichtlich Gesundheit und Zufriedenheit assoziiert. Dies gilt für Frauen in besonderem Maße«. Lohnarbeit außerhalb der Spanne von 7 bis 19 Uhr gehe »tendenziell mit schlechterer Gesundheit und Unzufriedenheit einher. Dabei ist Arbeit in Wechselschicht mit einem höheren Risiko verbunden als Arbeit in versetzten Arbeitszeiten«. Zudem würden mit zunehmender Länger der Arbeitszeit und der Überstunden sowie bei Wochenendarbeit »die Beschäftigten die Work-Life-Balance als stärker beeinträchtigt« erleben.

Nicht zuletzt wie ein Kommentar zu den aktuellen Auseinandersetzungen um die Flexibilisierung der Arbeit »von oben« und der »von unten« – siehe die Tarifrunde Metall – klingt denn auch Krellmanns Kritik: Es sei »nicht akzeptabel, dass Flexibilität immer nur zu Lasten der Beschäftigten geht.« Daher müsse die gesetzliche wöchentliche Höchstarbeitszeit auf 40 Stunden begrenzt werden, auch sollten Beschäftigte »ein Rückkehrrecht von Teil- in Vollzeit« erhalten. So könne »aus fremdbestimmter Flexibilität eine selbstbestimmte und mitbestimmte Arbeitszeitrealität« werden.

 

Geschrieben von:

OXI Redaktion