Wirtschaft
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Wer hat Chancen auf den Wirtschaftsnobelpreis? Der OXI-Überblick

08.10.2017
Prolineserver / CC BY-SA 3.0Bekanntgabe der Preisträger 2008

Am Montag wird der »Sveriges Riksbanks pris i ekonomisk vetenskap till Alfred Nobels minne«. Der was? Der Wirtschaftsnobelpreis. Über eine umstrittene Ehrung, die Shortlist des Jahres 2017 und auf welche Namen deutsche Ökonomen tippen.

Vor ein paar Tagen hatten wir auf Twitter in die Runde gefragt: An wen wird wohl der diesjährige Wirtschaftsnobelpreis gehen? Ok, ok – es handelt sich gar nicht um einen »echten« Nobelpreis, aber »Sveriges Riksbanks pris i ekonomisk vetenskap till Alfred Nobels minne« ist ein ziemlich langer Titel. Und in Wahrheit geht es ja auch um etwas anderes: Was sagt die Vergabe des Preises über den Stand der ökonomischen Wissenschaften aus, was über die Frage, wie über »die Wirtschaft« gesellschaftlich gesprochen wird, was über herrschende Meinungen, über globale Einseitigkeiten und so weiter?

Einen Tag vor der Bekanntgabe laufen die Spekulationen wie jedes Jahr auf Hochtouren. An wen könnte die 1969 erstmal verliehene Ehrung in diesem Jahr gehen? Die Deutsche Presse-Agentur hat sich einmal unter »deutschen Top-Ökonomen« erkundigt, und was dort für Prognosen und Favoriten genannt wird, sagt nicht zuletzt etwas über die aus, die befragt wurden.

Wirtschaftsnobelpreis: Was deutsche Ökonomen sagen

Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung tippt auf die US-Ökonomin Anne Krueger, die sich kritisch mit der Behauptung auseinandersetzt, Globalisierung »sei immer und für alle von Vorteil«, wie es die Agentur formuliert – sie zitiert Fratzscher mit den Worten, Krueger habe gezeigt, »wie Institutionen und Wirtschaftspolitik gestaltet werden sollten, damit die Globalisierung für alle zum Erfolg wird und vor allem Entwicklungsländer vom Freihandel profitieren«. Und dies auch auf der politischen Bühne, etwa als Vizepräsidentin der Weltbank und erste Vizedirektorin des Internationalen Währungsfonds.

Fratzscher macht hier noch einen besonderen Punkt: er nennt den Namen einer Ökonomin – in der Geschichte des Reichsbank-Preises hat mit Eleonor Ostrom bisher nur eine Forscherin überhaupt die Ehrung erhalten, ein Ausdruck der geschlechterungerechten Gesamtlage in den Wirtschaftswissenschaften. Wer steht sonst auf der Shortlist? Paul Milgrom und Robert Wilson von der Stanford-University werden von Achim Wambach, dem Präsidenten des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung genannt – die beiden US-Forscher haben sich mit der Theorie von Auktionen befasst, das ist unter anderem für die Versteigerung von Mobilfunkfrequenzen von Belang.

Christoph Schmidt, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung, hat den Namen von David Card von der Berkeley-Universität auf der Liste – der Kanadier habe Großes im Bereich der Arbeitsmarkt- und Migrationsökonomik geleistet. Henning Vöpel vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts könnte sich vorstellen, dass der Österreicher Ernst Fehr und der US-Amerikaner Richard Thaler für ihre Beiträge zur experimentellen und Verhaltensökonomie einen Preis erhalten könnten.

Wirtschaftsnobelpreis: Was US-amerikanische Blogs sagen

Thaler steht auch auf der Shortlist von Cass R Sunstein – den er als Pionier seines Forschungszweigs ansieht, dem weitere würdige Preiskandidaten auf den Fuß folgen: darunter Colin Camerer vom California Institute of Technology, George Loewenstein von der Carnegie Mellon University und Matthew Rabin aus Harvard.

Sunstein nennt ebenfalls den Kollegen Fehr von der Zürcher Uni – und er dropt weitere Namen: W. Kip Viscusi von der Vanderbilt University, der sich monetären Bewertung von Risiken für Leben und Gesundheit befasst; Esther Duflo vom Massachusetts Institute of Technology, die Pionierarbeit bei der Anwendung randomisierter kontrollierter Studien geleistet habe; Richard Posner von der Universität Chicago, ein Richter am United States Court of Appeals, der »versucht, rechtliche Regeln mit Hilfe von ökonomischen Instrumenten zu analysieren«, sowie William Nordhaus von der Yale University, der sich mit der Berechnung von Folgen des Klimawandels befasst und »an der Schnittstelle von Ökonomie und Philosophie« darüber nachdenke, »wie mit Schäden für künftige Generationen umzugehen ist«.

Ben Leubsdorf hat in seinem Blog beim »Wallstreet Journal« ebenfalls die Glaskugel ausgepackt – und fragt sich, wer nach Oliver Hart und Bengt Holmström (2016), Angus Deaton (2015) und Jean Tirole (2014) dieses Jahr den, na gut, hier also noch einmal in voller Schönheit: den »Sveriges Riksbanks pris i ekonomisk vetenskap till Alfred Nobels minne« erhalten könnte.

Leubsdorf weiß natürlich auch, dass es schwierig ist, hier eine Vorhersage zu treffen. »Aber es gibt Dutzende wahrscheinliche Anwärter.« Ein Indikator: das Alter. Bisher haben den Wirtschaftsnobelpreis Ökonomen erhalten, die im Schnitt 67 Jahre alt waren – älter als die Gewinner anderer Nobelpreise. Die Hälfte der Ehrungen auf dem gebiet der Wirtschaftswissenschaften teilten sich zudem zwei oder drei Preisträger. Und inhaltlich: »Beliebte Bereiche unter den Gewinnern waren Makroökonomik, Ökonometrie, Finanzwirtschaft und Spieltheorie«, so Leubsdorf. Dass es bisher praktisch ein Männerpreis ist, hatten wir schon erwähnt.

Die Zitierrangliste von Clarivate Analytics

Leubsdorf blickt dann noch auf ein eher statistisches Hilfsmittel die von Clarivate Analytics veröffentlichte »Hall of Citation Laureates«, eine Art Charts der Zitierungen in der Fachliteratur. Auf deren Liste möglicher Preisträger stehen zum Beispiel der Geldpolitik-Experte John Taylor von der Stanford University, Paul Romer von der New York University, ein Wachstumsforscher, der auch Chefökonom der Weltbank ist, Martin Feldstein von Harvard, der Wirtschaftsberater von Ronald Reagan war,  der bereits erwähnte Nordhaus sowie Dale Jorgenson (Harvard), Robert Barro (Harvard), der frühere IWF-Chefökonom Oliver Blanchard und wiederum auch hier Richard Thaler.

Clarivate Analytics hat zudem so etwas wie eine Neueinsteiger-Liste aufgestellt: Colin Camerer (California Institute of Technology) und George Loewenstein (Carnegie Mellon University) kämen für Forschungsarbeiten der Verhaltensökonomie und der Neuroökonomie in Frage, Robert Hall (Stanford), der sich mit Arbeitsproduktivität, Krisen und Erwerbslosigkeit beschäftigt sowie Michael Jensen (Harvard), Stewart Myers (MIT) und Raghuram Rajan (University of Chicago), die zu Entscheidungsfindung bei Unternehmensfinanzierung forschen.

Viele US-Ökonomen, kaum Frauen, wenige Europa oder Afrika oder Asien oder Lateinamerika. Das also sagen die Glaskugeln. Wir hingegen schulden an dieser Stelle nur noch das Ergebnis unserer OXI-Twitterumfrage. Was war Eure Meinung? 44 Prozent sagen voraus, der »Sveriges Riksbanks pris« gehe wieder einmal an keine Frau. 31 Prozent antworteten mit dem Hinweis, es handele sich gar nicht um einen echten Wirtschaftsnobelpreis. 13 Prozent zeigen sich optimistisch – und kreuzten die Antwort an, diesmal könnte es ja mal ein linker Ökonom werden. Etwa genauso viel freilich meinten, es werde hier wohl wieder »irgendwas mit Hayek« prämiert. Wir werden es sehen. Am Montag kurz vor zwölf Uhr.

Ein letztes noch: In der »Frankfurter Allgemeinen« übrigens schreibt André Kieserling am Sonntag ganz allgemein über Nobelpreise – und erinnert an eine schon Jahrzehnte alte Studie von Harriet Zuckerman über die »Scientific Elite: Nobel Laureates in the United States«. Das Problem des Preises, kann man dort lesen, ist weniger, »dass er die Falschen treffe, sondern dass er unter den vielen Richtigen immer nur so wenige überhaupt hervorheben kann, dass die Auszeichnung damit praktisch zum Zufall wird«.

Zum Weiterlesen:
Who will win the 2017 Economics Nobel? (Business Standard)
Warum steht der Wirtschaftsnobelpreis in der Kritik? (Economissimus)
Ein Preis, der nicht nobel ist (tageszeitung)
Wirtschaftsnobelpreis abschaffen? (Fazit Blog)

In einer früheren Version hatten wir Richard Posner versehentlich zum Ex-Zentralbanker gemacht. 

Geschrieben von:

OXI Redaktion