Wirtschaft
anders denken.

Widerspenstig und unerwünscht

23.05.2017
Viktor AgartzFoto: FES / Archiv der sozialen DemokratieViktor Agartz (1897-1964) hatte für die Ideolgie der Sozialpartnerschaft nichts übrig.

Victor Agartz (1897-1964) war in den 1950er Jahren einer der wichtigsten Denker der Gewerkschaften. Sie verstießen ihn. Er wollte Wirtschaftsdemokratie, nicht nur Mitbestimmung. Sozialpartnerschaft war ihm suspekt. Eine anregende Lektüre – auch für Gewerkschafter bei VW.

Seinen wichtigsten Auftritt hatte Viktor Agartz vor etwas über 60 Jahren: auf dem DGB-Bundeskongress in Frankfurt am Main am 4. Oktober 1954. Er sprach zum Aktionsprogramm der deutschen Gewerkschaften und analysierte schonungslos: Die Gewerkschaften und die Linken haben den Kampf um den Neuaufbau von Wirtschaft und Gesellschaft schon fünf Jahre nach Gründung der BRD verloren. Der Kapitalismus sei wiederhergestellt. Von der Aufbruchsstimmung der späten 1940er Jahre, als selbst die CDU in ihrem Ahlener Programm eine Sozialisierung der Grundstoffindustrie forderte, sei nichts mehr zu spüren.

Seine Kritik erregte enormes Aufsehen, war er doch nicht irgendwer, sondern bereits seit 1948 Leiter des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts (WWI) des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Agartz sah in der Währungsreform von 1948 eine »kapitalistische Expropriation«, mit der Geldwertbesitzer (Rentner, Sparer) wirtschaftlich geschädigt und die Besitzer von Sachwerten (Unternehmer, Hausbesitzer) unberührt gelassen oder gar gefördert wurden. Keine der Forderungen des DGB-Grundsatzprogramms von 1949 zur Neuordnung der deutschen Wirtschaft sei verwirklicht worden, sagte er: »Durch den Verlust und den vorläufigen Verzicht auf die gewollten grundsätzlichen Änderungen (…) verlagerten sich die Hoffnungen und Erwartungen auf die Mitbestimmung als den verbleibenden Teil einer gedachten größeren Gesamtregelung.«

Mitbestimmung war für ihn lediglich »ein Bestandteil der Neuordnung«. Ihm ging es um mehr.

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Im Gegensatz zur Mehrheit der führenden deutschen Gewerkschafter sah Agartz in der Mitbestimmung jedoch keine sakrosankte »Lehre« und in der »Sozialpartnerschaft von Kapital und Arbeit« kein erstrebenswertes Ziel. Mitbestimmung war für ihn lediglich »ein Bestandteil der Neuordnung«. Ihm ging es um mehr: »Das Verhältnis von organisierter wirtschaftlicher Macht und solidarisch organisierter Arbeitskraft im Sinne demokratischer Kontrolle durch die Beauftragten der Gewerkschaften« sollte auf eine neue Basis gestellt werden.

Mit der »Ideologie der Marktwirtschaft«, die in der BRD als >soziale Marktwirtschaft< auftrat und zu der sich bereits Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre viele Gewerkschafter bekannten, rechnete Agartz scharf ab. Mit dieser Ideologie würden nur »Modellbegriffe der wissenschaftlichen Theorie« zu »Idealen der Politik« und aus »Hypothesen« der Markttheorie Festlegungen für die Politik gemacht. Er hielt das damals allein deshalb für Unsinn, weil zwischen 55 und 70 Prozent des Sozialprodukts in nicht-marktwirtschaftlichen Bereichen erarbeitet wurden; unter anderem in den Bereichen Landwirtschaft, Energie, Verkehr und von der öffentlichen Verwaltung. »Marktwirtschaft ist wirtschaftlicher Liberalismus, ist die Wirtschaftsform des Bourgeois, nicht aber das Ideal des Staatsbürgers, des Citoyens.«

Agartz verwahrte sich besonders gegen »Belehrungen über Freiheit und Demokratie« vonseiten der neuen Priester der sozialen Marktwirtschaft, hatten sich diese unter der nationalsozialistischen Herrschaft doch eben noch willig angepasst – wie Ludwig Erhard und Alfred Müller-Armack. Der spätere Bundeskanzler Erhard wollte sich unter dem Nazi-Regime noch mit einer Arbeit zu der Frage habilitieren, wie der Staat die Wirtschaft lenken könne und müsse. Müller-Armack, NSDAP-Mitglied, war nach dem Krieg einer der theoretischen Erfinder und rührigsten Missionare der sozialen Marktwirtschaft.

Marktwirtschaft ist wirtschaftlicher Liberalismus, ist die Wirtschaftsform des Bourgeois, nicht aber das Ideal des Staatsbürgers, des Citoyens.«

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Mit dieser radikalen Kritik machte sich Agartz gleich zwei übermächtige Feinde: Zum einen die Unternehmer und ihre Verbände, für die seine Forderung nach Wirtschaftsdemokratie und seine Theorie des »politischen Lohns« beziehungsweise der »expansiven Lohnpolitik« bis heute rote Tücher sind. Agartz: »Wenn eine Gewerkschaft eine Lohnforderung stellt, benötigt sie keine Begründung. Sie muss nur dazu bereit sein, für diese Forderung zu kämpfen.« Damit verweigerte er sich der betriebswirtschaftlichen Logik, wonach Löhne für Unternehmen Kosten sind wie andere Betriebsausgaben auch. Sein Ziel: Mit stark erhöhten Löhnen sollten die Kaufkraft der vielen Millionen Arbeitenden gesteigert sowie die volkswirtschaftliche Nachfrage und damit wiederum Produktion und Produktivität erhöht werden. Den Vorhalt der Arbeitgeber, würden die Löhne erhöht, dann stiegen auch die Preise und es könne so zur Inflation kommen, wies er als wissenschaftlich drapierte Legende zurück. Agartz machte sich mit diesen Positionen aber auch die Funktionärselite der Gewerkschaften zum Feind. Denn diese argumentierte bereits damals in der Lohnpolitik sehr pragmatisch: Sie orientierte sich bei der Festlegung der Lohnforderungen allein an der Entwicklung der Preise und der Produktivität und lehnte Agartz‘ Konzeption des »politischen Lohns« beziehungsweise der »expansiven Lohnpolitik« strikt ab. Im Gegensatz zu dieser Elite verstand Agartz Gewerkschaften auch als »eine Bewegung der um ihre Besserstellung ringenden Menschen. Die Gewerkschaften sind kein Selbstzweck, sondern Instrumente in diesem Ringen.«

Im Oktober 1955 wurde Agartz von der DGB-Führung wegen Gefährdung der »Einheit der Gewerkschaft« (Reinhard Bispinck) und Kontakten nach Ostberlin beurlaubt und später ebenso entlassen wie seine Mitarbeiter, darunter Theo Pirker.

Wenn eine Gewerkschaft eine Lohnforderung stellt, benötigt sie keine Begründung. Sie muss nur dazu bereit sein, für diese Forderung zu kämpfen.

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Aufgrund von bis heute ungeklärten Denunziationen aus Gewerkschaftskreisen wegen Agartz‘ »Ostkontakten« kam es 1957 zu einem Prozess wegen Landesverrats gegen den widerspenstigen Gewerkschafter. Am 13. Dezember 1957 wurde er vom Bundesgerichtshof von dem Vorwurf landesverräterischer Beziehungen zur DDR freigesprochen; seine Verteidiger waren Gustav Heinemann, der spätere Bundespräsident, Wolfgang Abendroth, der renommierte marxistische Rechtsgelehrte, und Diether Posser, einer der bedeutendsten Rechts- und Finanzpolitiker der SPD im Nachkriegsdeutschland. Viktor Agartz starb am 9. Dezember 1964 vereinsamt in der Nähe von Köln.

Zur Aktualität: Ein radikaler ökonomischer Kopf

Eine Wiederbelebung von Konzepten, wie sie Viktor Agartz vor 70 Jahren entwickelte, ist »extrem unwahrscheinlich«, meint Ulrich Borsdorf, Historiker und ehemaliger Direktor des Ruhr Museums; Borsdorf schrieb auch eine Biografie über den ersten DGB-Vorsitzenden Hans Böckler. Als haltbar habe sich jedoch Agartz‘ frühe Einsicht erwiesen, dass »gewerkschaftliche Positionen auch von wissenschaftlichen Forschungen und Erkenntnissen gespeist werden müssen« (Borsdorf). Auch seine grundsätzliche Kritik an der nationalen Sozialpartnerschaft habe Bestand.

Agartz warnte vor den Illusionen einer »betrieblichen Sozialpolitik« und vor »Gewinnbeteiligung« ebenso wie vor der national definierten Sozialpartnerschaft. Damit würden »Interessengegensätze« nur verschleiert, die »Solidarität« der Arbeitenden untergraben und der »Betriebsegoismus« gefördert. Besonders scharf attackierte er die Rolle des »Arbeitsdirektors«, der mit der Montanmitbestimmung im Mai 1951 eingeführt worden ist; im Mitbestimmungsgesetz vom Mai 1976 wurde diese Position übernommen. Im Vorstand war dieser Arbeitsdirektor für die Bereiche Personal, Ausbildung und Soziales zuständig und wurde auf Vorschlag der Gewerkschaften bestellt. Agartz kritisierte scharfsinnig dessen ambivalente Rolle: zwischen der Loyalität zum Vorstand, dem er angehörte, und zur Gewerkschaft, der er Solidarität schuldete.

Auf die Zwiespältigkeit national definierter Sozialpartnerschaft wies jüngst Wolfgang Schaumberg hin; er war viele Jahre Betriebsrat bei Opel Bochum. So würde in der deutschen Automobilindustrie die Corporate Identity mit »satten Gewinnbeteiligungen« an die Beschäftigten gefördert. Diese jährlichen Sonderzahlungen reichten von gut 4.000 Euro bei Daimler über etwa 6.500 Euro bei Audi bis über 8.000 Euro bei BMW und Porsche. Der linke ehemalige Betriebsrat sieht darin »goldene Ketten« der Unternehmen für »ihre Arbeitskräfte«.

Viktor Agartz sei zu seiner Zeit »der beste ökonomische Kopf« gewesen, erklärte Wolfgang Abendroth, Politikwissenschaftler und Rechtsgelehrter und bis Ende der 1960er Jahre der einzige Marxist auf einem deutschen Lehrstuhl. Agartz gehörte zu einer Gruppe von linken Gewerkschaftern und Sozialisten wie Peter von Oertzen, später Kultusminister in Niedersachsen, und Theo Pirker, ein christlicher Sozialist, Gewerkschafter und Mitarbeiter von Agartz im Wirtschaftswissenschaftlichen Institut des DGB. Die meisten aus dieser Gruppe wurden zunehmend an den Rand gedrängt, zum Teil sogar aus der Gewerkschaft und der SPD ausgeschlossen.

Wie viele andere Linke, die angesichts der realen Kräfteverhältnisse innerhalb der Gewerkschaften mutlos wurden, zog sich Agartz bereits im Jahr 1958 aus der Politik und der Gewerkschaftsarbeit zurück. 1998 und 2004 leisteten die linksorientierte Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) und danach ver.di Wiedergutmachung. Zu seinem 110. Geburtstag würdigten das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Nordrhein-Westfalen, Victor Agartz mit einer Tagung.

Leben

Viktor Agartz wurde am 15. November 1897 als Sohn eines Metallarbeiters in Remscheid geboren. Er studierte Jura und Politik und promovierte 1924 über Das Verhalten der Arbeiterschaft gegenüber dem Betriebsschutz. Danach wurde er in den Vorstand der Kölner Konsumgenossenschaft gewählt.

Nach 1933 arbeitete Agartz in sozialdemokratischen Widerstandsgruppen. Nach dem gescheiterten Hitler-Attentat am 20. Juli 1944 musste er vor drohender Verhaftung fliehen. Agartz wurde nach dem Krieg als SPD-Abgeordneter in den nordrhein-westfälischen Landtag gewählt. Er war zudem Leiter des Zentralrats für Wirtschaft in der britischen Zone.

Von 1948 bis 1955 leitete er das Wirtschaftswissenschaftliche Institut (WWI) des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Er entwickelte unter anderem das Konzept der expansiven Lohnpolitik, konnte sich aber damit nicht durchsetzen. 1955 musste Agartz die Leitung des WWI unfreiwillig abgeben und geriet 1957 wegen seiner Kontakte in die DDR unter den Verdacht des Landesverrats. Seine Verteidiger erreichten einen Freispruch.

1958 wurde Agartz trotzdem aus SPD und DGB ausgeschlossen und gab fortan die linke Korrespondenz für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (WISO) heraus.

Am 9. Dezember 1964 starb Victor Agartz.

Literatur

Reinhard Bispinck/Thorsten Schulten, Peter Raane (Hg.), Wirtschaftsdemokratie und expansive Lohnpolitik. Zur Aktualität von Viktor Agartz, Verlag VSA, Hamburg 2008

Dieser Artikel erschien in der Oktober 2016-Ausgabe von OXI.

Geschrieben von:

Rudolf Walther

Historiker