Wirtschaft
anders denken.

Wie Aktienrückkäufe Ungleichheit erhöhen und die Zukunft von Unternehmen gefährden

11.11.2018
KMJ / CC BY-SA 3.0

Aktienrückkäufe boomen. Das macht Manager noch reicher und freut Anteilseigner – zu Lasten der Einkommen der Beschäftigten und von Investitionen. Eine US-Studie zeigt, wie hoch die Gehälter sein könnten, wäre das Geld in die Lohnsumme geflossen.

In den USA entwickelt sich der Aktienmarkt besser als hierzulande – binnen der vergangenen zwölf Monate verlor der Dax beinahe 15 Prozent, der S&P 500 legte um beinahe 10 Prozent zu. Warum  ist das so, fragt sich nun das »Manager Magazin« und kommt unter anderem auf diese Antworten: Erstens, die hiesige Konjunktur sei zwar seit längerem stabil, neige sich aber langsam dem Ende entgegen. Die deutsche Ökonomie  stehe zweitens«im Umfeld der wirtschaftlich deutlich schwächeren Euro-Zone«. Drittens: Die US-Wirtschaft läuft »deutlich besser als die hiesige, was nicht zuletzt auch an der Vorherrschaft der US-amerikanischen Technologiekonzerne« zu tun habe.

Wertsteigerung auf zwei Wegen

Die Entkopplung der US-Börse von den Trends in Europa habe aber aber noch einen anderen Grund: »Noch nie zuvor haben US-Firmen so viel Geld in den Rückkauf eigener Aktien gesteckt, wie 2018.« Das Magazin erklärt dazu: »Kauft ein Unternehmen seine eigenen Aktien zurück, so steigert dies den Wert der Papiere auf zwei Wegen. Einerseits sinkt die Anzahl der in Umlauf befindlichen Aktien, auf die sich der Unternehmensgewinn verteilt, so dass auf jede einzelne Aktie ein größerer Anteil entfällt. Und zweitens treten die Unternehmen am Aktienmarkt als Käufer auf und erhöhen damit die gesamte Nachfrage nach ihren Papieren.«

Was das »Manager Magazin« nicht zum Thema macht: Was heißt es für die Beschäftigten, wenn Konzerne viel Geld in Aktienrückkäufe stecken, welche Folgen hat es für Ungleichheit und die Zukunft der Unternehmen selbst?

Im Sommer veröffentlichte das National Employment Law Project gemeinsam mit dem Roosevelt Institute eine Studie, in der es unter anderem heißt: »Aktienrückkäufe kommen Führungskräften (die aktienbasierte Vergütungen halten) und Marktspekulanten sehr zugute, aber sie lassen den Unternehmen weniger Ressourcen zur Verfügung, um in Arbeitskräfte und zukünftiges Wachstum zu investieren.« Stattdessen würden Konzerne in einer »hochprofitablen und lohnarmen Wirtschaft« Rekordgewinne aus den Firmen herausbewegen.

Fast 60 Prozent des Nettogewinns für Rückkäufe

Irene Tung und Katy Milani haben auf Basis verfügbarer Daten untersucht, was das konkret heißt: In der gesamten US-Wirtschaft hätten im Zeitraum von 2015 bis 2017 die »Unternehmen fast 60 Prozent ihres Nettogewinns für Rückkäufe« ausgegeben. Konkret nahmen Tung und Milani drei Branchen in den Blick: Restaurants, Einzelhandel und Lebensmittelproduktion und verglichen die Ausgaben für Aktienrückkäufe mit der jeweiligen Lohnentwicklung. In den Sektoren sind unsichere und schlecht bezahlte Jobs häufig, viele der Beschäftigten sind Frauen oder Nicht-Weiße. Das Ergebnis: In der Gastronomie wurde mehr für Aktienrückkäufe ausgegeben als die Gewinne ausmachten, Rückkäufe wurden über Schulden und Barreserven finanziert. Unternehmen des Einzelhandels und der Lebensmittelindustrie gaben 79,2 Prozent bzw. 58,2 Prozent ihres Reingewinns für Aktienrückkäufe aus.

Interessant sind vor allem die Berechnungen von Tung und Milani, was mit dem Geld stattdessen hätte passieren können: Die Schnellimbisskette McDonald’s etwa hätte allen rund 1,9 Millionen Beschäftigten fast 4.000 US-Dollar mehr im Jahr bezahlen können. Der Kaffeeausschank-Konzern Starbucks hätte aus dem für Aktienrückkäufe ausgegebenen Geld jedem Beschäftigten 7.000 US-Dollar zahlen können. Und die Einzelhändler Lowe’s, CVS und Home Depot hätten die Gehälter ihrer Mitarbeiter sogar um mindestens 18.000 US-Dollar pro Jahr steigern können.

»Das ist schlecht für die Wirtschaft«

Der US-Ökonom David F. Ruccio kritisierte ebenfalls, dass Unternehmen ihre enormen Gewinne dazu nutzten, »eigene Aktien zurückzukaufen und darüber hinaus ihre Führungskräfte mit enormen Gehaltssteigerungen zu belohnen«. Er verweist auf Zahlen von Bloomberg, laut denen das durchschnittliche Verhältnis der Einkommen von Vorständen zu Beschäftigten im Jahr 2017 im Durchschnitt bei 127 zu 1 gelegen habe.

Auch die »Frankfurter Allgemeine« hat das Thema auf dem Radar und schreibt – und nimmt die Aktienrückkäufe in Deutschland in den Blick, wo Großunternehmen eigene Papiere für Milliarden rückkaufen: »So viele wie seit Jahren nicht. Das ist schlecht für die Wirtschaft«, heißt es da, und weiter:  »Mit Aktienrückkäufen können Unternehmen überschüssiges Geld an ihre Investoren geben: Damit steigen in der Regel Gewinn und Dividende pro Aktie. Mit den Rückkäufen steigt zudem die Nachfrage nach den Wertpapieren, was den Kurs stützt. Aktienrückkäufe sind somit Programme, um die Anteilseigner zu verwöhnen.«

Aktienrückkäufe als Werbemaßnahmen

Die Bank M.M.Warburg weiß über Aktienrückkäufe des Jahres 2015 ein paar Zahlen beizusteuern: Seinerzeit hätten »die S&P-500-Unternehmen insgesamt 600 Milliarden US-Dollar für Rückkäufe verwendet, allein Exxon gab seit 2010 rund 50 Milliarden US-Dollar für Aktienrückkäufe aus. Diese Kapitalmaßnahmen werden zuweilen auch werbewirksam inszeniert. So kündigte Alphabet, die neue Google-Holding, im Herbst 2015 an, eigene Aktien im Wert von exakt 5,09901951359 Milliarden US-Dollar zurückkaufen zu wollen. Diese Zahl war offensichtlich dem besonderen Humor der Google-Informatiker geschuldet. Denn 5,09901951359 ist die Quadratwurzel aus 26 und das Alphabet besteht aus 26 Buchstaben. Jedenfalls hatte die ungewöhnliche Werbemaßnahme Erfolg: Der Aktienkurs des Konzerns stieg kurze Zeit später um zeitweise mehr als 11 Prozent auf Rekordhöhen.«

Wie die Kurspflege hierzulande wirkt, hat der Gewerkschaftsverband DGB bereits im vergangenen Jahr formuliert (die Aktienrückkäufe sind hierzulande erst seit 1998 wieder erlaubt): »Untersuchungen zeigen, dass binnen weniger Tage nach Ankündigung von Rückkäufen der Aktienkurs des entsprechenden Unternehmens mehr als sechs Prozent über dem Marktdurchschnitt notiert. Solche Programme sind auch aus Managerperspektive attraktiv, da die Kursentwicklung oftmals die maßgebliche Kennziffer für die Vergütung darstellt.«

Ein Argument, mit dem Aktienrückkäufe gern begründet werden, läuft darauf hinaus, dass sie ihr Unternehmen vor Übernahmen schützen wollen. »Doch die Ankündigung kann nach hinten losgehen und auf aktivistische Investoren wie eine Einladung wirken«, heißt es in einer Studie der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung.

Eigennützige Ideenlosigkeit statt Investitionen

Rückkaufprogramme sind für den DGB zudem »Ausdruck der Ideenlosigkeit des Managements. Statt mit strategischen Entscheidungen in die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen zu investieren, werden Milliarden lieber in die Kurspflege gesteckt«, so der DGB. Er illustrierte dies mit Zahlen über die Nettoinvestitionen, also die Investitionen nach Abschreibungen: diese seien »seit Jahren auf einem sehr niedrigen Niveau und entsprechen nur vier Prozent der Gewinne«.

Welche Rolle Aktienrückkäufe vor der großen Krise ab 2008 spielten, zeigt ebenfalls eine Untersuchung der Böckler-Stiftung: »Von Januar 2005 bis September 2008 erwarben 51 der 160 deutschen in DAX, M-DAX, S-DAX und Tec-DAX gelisteten Unternehmen eigene Anteile. Für den Besitz an sich selbst gaben sie insgesamt fast 50 Milliarden Euro aus. Der Wert der zurückgekauften Aktien belief sich 2008 auf rund 45 Prozent aller Ausschüttungen.« Es fließe Geld aus dem Unternehmen ab, das nicht investiert wird, allerdings gebe es keine gesicherten Aussagen dazu, in welchem Umfang Aktienrückkäufe Investitionen verhindert haben.

Der Gewerkschaftsbund: »Die Unternehmen täten gut daran, ihre verfügbaren Mittel zu investieren und die Beschäftigten an einem Teil des Gewinnes durch Lohnerhöhungen zu beteiligen.« Das ist sicher richtig, würde aber wahrscheinlicher werden, wenn die politische Macht der Beschäftigten stärker wäre, was auch eine gewerkschaftspolitische Frage ist.

Geschrieben von:

Vincent Körner