Wirtschaft
anders denken.

»Wie ein Rettungsanker«: Linke Technikpolitik und das Projekt Automation und Qualifikation

17.09.2018

Anfang der 1970er Jahre glaubte praktisch die komplette Linke, »Automation mache die Arbeitenden zu simplen ›Knöpfchendrückern‹«. Frigga Haug stieß daraufhin das »Projekt Automation und Qualifikation« an. Bis heute ein Schatz kritischer Analyse und linker Technikpolitik.

Teil II einer losen Serie zur Geschichte der kritischen Debatten über die Folgen der Automatisierung im Kapitalismus.

Als man 1972 mit den Forschungen begann, »war die technologische Revolution ein exotisches Thema«. Mit diesem Rückblick beginnt ein nun auch schon wieder historisches Buch: »Widersprüche der Automationsarbeit« von 1987 fasste Erkenntnisse, Theorien, offene Fragen eines Unterfangens zusammen, das wie kein zweites den Zusammenhang zwischen technologischer Entwicklung, Lohnarbeit und Subjektwissenschaft aus kritischer, an Marx orientierter Perspektive behandelte. 

Das »Projekt Automation und Qualifikation«, gestartet auf Initiative von Frigga Haug, bestehend anfangs aus einer zehnköpfigen interdisziplinären Gruppe von politisch denkenden Wissenschaftlern, bei der die Frauen in der Mehrheit waren, hat nicht nur eine enorme Vielzahl an Publikationen hervorgebracht – allein bis 1987 wurden acht Bücher und dutzende Aufsätze verfasst, aus kollektiver Feder oder von Mitgliedern der Projektgruppe. 

Was da im Sinne eingreifender Intellektualität produziert wurde war mehr, war das Fundament einer auch politischen Wende. Es ging darum, Vereinfachungen und falsche Interpretationen über den Zusammenhang von Technikentwicklung, Lohnarbeit und Bewusstsein zu überwinden, auch weil dies zu falschen politischen Konsequenzen führte. Im Vorwort zu »Widersprüche der Automationsarbeit« blickte man auf eine Zeit der Debatten zurück, »deren allgemeine Aussage, dass die technologische Innovation bessere Bedingungen nur für einige wenige, für das Gros der Arbeiterschaft aber fortschreitende Verelendung brächte«, damals zu »einer Art Massenkonsens« geworden waren. 

Teil I: Was Friedrich Pollock vor 62 Jahren über die »sprunghaft fortschreitende Automatisierung« zu sagen hatte

Auch weite Teile der Linken und der kritischen Wissenschaft gingen damals felsenfest davon aus. Man sei überall auf die Auffassung gestoßen, »Automation mache die Arbeitenden zu simplen ›Knöpfchendrückern‹«, erinnerte sich Christof Ohm einmal, auch er beim PAQ. »Alle linken Strömungen waren sich darin einig, interpretierten also historischen Rückenwind als gefährlichen Gegenwind. Dagegen ergriff Frigga die Initiative.«

Herausgekommen ist dabei ein heute noch wertvoller Erkenntnisschatz auf vielen Feldern, angefangen bei der kritischen Psychologie, die damals gewissermaßen »parallel« entstand, über Themen der Arbeitswissenschaft und der Qualifikation bis zu grundlegenden Fragen zur Technikpolitik der Linken wurden hier behandelt. Mehr noch: Sie wurden anders behandelt. Nora Räthzel, die damals dazustieß, schilderte einmal, was sie unter anderem vom PAQ – die Abkürzung wurde bald zur Marke – gehört hatte: »Sie hatten sogar ein Lied: ›Auto-, Auto-, Automation führt zur Höherqualiflikation‹.« Das war natürlich nur halb ernst gemeint in dieser Einseitigkeit, traf aber einen entscheidenden Punkt.

Man habe versucht, »die praktischen und theoretischen Gründe zusammenzutragen, die die Arbeitenden und ihre Organisationen ermutigen sollten, offensiv Politik mit der Automation zu machen, nicht nur gegen sie.« Ohm formulierte es so: »Im PAQ begriffen wir das, was wir taten, als politische Arbeit, und waren zutiefst überzeugt, dass unsere Entdeckungen strategische Bedeutung für die Arbeiterbewegung hatten.«

Übermacht der Polarisierungsthese

Und das hatten sie durchaus. Anfang der 1970er Jahre rollte eine neue Welle der Rationalisierung durch die westdeutsche Industrie. Elektronische Datenverarbeitung machte den massenhaften Einsatz numerisch gesteuerter Maschinen möglich, brachte Schübe der Produktivitätssteigerung, schlug aber auch gravierend auf die Beschäftigten durch – ganze Branchen wurden radikal dezimiert (etwa die Uhrenindustrie), hoch qualifizierte und damit auch politisch selbstbewusste Beschäftigtengruppen wie die Setzer in der Druckindustrie wurden überflüssig. 

In den Gewerkschaften dominierte eine Sichtweise auf diesen Prozess, der von Arbeiten von Horst Kern und Michael Schumann geprägt war, die 1970 »Industriearbeit und Arbeiterbewusstsein« untersucht und argumentiert hatten, »dass der Einsatz neuer Technik in den Betrieben im Bereich der Facharbeit zu einer Polarisierung führe: wenige werden höher qualifiziert (Rationalisierungsgewinner), die Mehrzahl der Arbeiter wird dequalifiziert (Rationalisierungsverlierer)«, wie das Wolfgang Neef und Sybille Stamm einmal beschrieben haben. 

Praktisch bedeutete dies, dass die Technologiepolitik der Gewerkschaften »sich darauf beschränkte, die negativen Folgen dieser Prozesse abzufedern«, einige gewerkschaftlich orientierte Wissenschaftler empfahlen sogar, »die neue Technik rigoros abzulehnen oder sie zu sabotieren«. Den Gegenpol dazu bot das PAQ mit seinen Erkenntnissen. Und es gab nicht wenige, für die schienen diese »damals wie ein Rettungsanker: die Einführung der neuen Werkzeugmaschinen konnte auch als eine Chance für Eingriffe verstanden werden, für eine neue, andere Qualifizierungsoffensive«. Und für mehr: für eine Rückkehr zu einer gesellschaftspolitisch offensiv geführten Debatte über die Frage, was zu wessen Bedürfnisbefriedigung unter welchen Bedingungen produziert werden soll. 

Widersprüche und Ungleichzeitigkeiten technologischer Entwicklung

In einer Veröffentlichung des PAQ las sich das zum Beispiel so: »Ein Wettbewerb um eine alternative Produktpalette, um eine nicht auf quantitatives Wachstum orientierte Politik, um Maßstäbe des sozialen Lebens, um eine wünschbare Arbeit bezogen auf Zeit, Raum, Inhalt und Entlohnung sollte in unserem Lande angezettelt werden.« Neef und Stamm haben diesen Forschungsansatz rückblickend als einen beschrieben, »der wahrnimmt, dass in einem kapitalistischen Betrieb nicht nur ausgebeutet, sondern zugleich konkrete und nützliche Arbeit geleistet wird und der die Widersprüche und Ungleichzeitigkeiten technologischer Entwicklung in den Fokus nimmt«. Dies wurde sogar verbunden mit einer damals noch kaum stellbaren Frage, nämlich der, »worauf wir verzichten können«. Wichtig war auch die Kritik des PAQ an den politischen Folgen von Verelendungsdiskursen, die eben gerade nicht dazu beitragen, dass sich Beschäftigte für ihre Interessen einsetzen, sondern zu Lähmung und Rückzug führen.

Jedenfalls blieb das PAQ mit seiner Arbeit nicht auf wissenschaftliche Debatten oder akademische Öffentlichkeit beschränkt. Hinzu kam: Die enge, auch institutionelle Verbindung mit der Kritischen Psychologie in Berlin unter Ute Osterkamp und Klaus Holzkamp blieb fruchtbar, auch wenn Frigga Haug Mitte der 1970er Jahre ihre Stelle am Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin verlor. 

Julie Mitchell, Simone de Beauvoir, Automation und Frauenfrage

Das Themenspektrum wurde erweitert, etwa auf Fragen der Geschlechterverhältnisse und der »antagonistischen Arbeiterverhältnisse«, die etwa so beantwortet wurden: »Die Facharbeiteridentitäten müssten entbunden werden von allen Herrschaftsmomenten, die sie gegen andere Arbeitergruppen, insbesondere gegen Frauen in sich bergen.« Auch hier gab es eine spezifische »automationspolitische« Dimension, man konnte anschließen an Debatten, die in »New Left Review« schon in den 1960er Jahren liefen. Dort hatte Julie Mitchell einen Gedanken von Simone de Beauvoir weitergesponnen: »Automation eliminiert die körperliche Überlegenheit des Mannes über die Frau, da aus ihr eine Technologie hervorgeht, die authentische Gleichheit zwischen beiden Geschlechtern schafft«, jedenfalls im Produktionsprozess, wobei Mitchell sich im Klaren darüber war, dass diese emanzipatorische Potenz unter Bedingungen kapitalistischer Produktionsweise immer auch wieder ins Gegenteil umschlagen konnte, es sei »diese gesellschaftlich mögliche Befreiung dauernd bedroht und kann leicht in ihr Gegenteil verwandelt werden, in tatsächliche Schrumpfung des Frauenanteils in der Produktion, wenn Belegschaften schrumpfen«.

Was bleibt: Jede Menge Lesestoff, Anregungen fürs Weiterdenken, Einflüsse auf andere Schritte der Kritik und Analyse. »Als Zaungast profitierte ich damals von den empirischen Untersuchungen«, schrieb Wolfgang Fritz Haug einmal mit Blick auf seine Studien zum High-Tech-Kapitalismus. Und das ist nur ein besonders naheliegendes Beispiel. Nicht zuletzt war das PAQ ein Kollektiv, in dem die wissenschaftliche Arbeit auf eine andere Weise betrieben wurde, wie man aus den Erinnerungen damals Beteiligter erfahren kann. »Außer den Frühstücken gab es Weinabende«, so Nora Räthzel. »Dieses ganze Durcheinander von Leben, Arbeiten, Denken, die Lust an der Erkenntnis, das Leiden an der oft harten und deshalb nicht produktiven Kritik, die wissenschaftliche Rigorosität und die politische Solidarität, zu wissen, wozu man forscht und gleichzeitig unerbittlich zu sein in der Genauigkeit der Forschung, einen theoretischen Rahmen zu haben, aber ihn ständig auf die Probe zu stellen, auf der Suche nach Neuem zu sein.« Und dazu die Feldforschung, »mehr als 1.000 Seiten empirischer Arbeit aus 67 Betrieben nahezu aller Branchen«.

Gegen so viel Massenkonsens im Negativen

Natürlich war »nicht alles gut«, in »unserer langen Forschungszeit hatten wir ein wenig von dem ungebrochenen Optimismus verloren, der nötig gewesen war, um uns gegen so viel Massenkonsens im Negativen arbeitsfähig zu halten«. Das wiederum aber wurde zur Triebfeder neuer Überlegungen, »wir entdeckten, dass es nicht ausreichte, lediglich die Bedingungen des Handelns (für die Frage der Automation in unseren gesellschaftlichen Verhältnissen) zu untersuchen; notwendig war zudem subjekttheoretische Forschung: Wie verarbeiten die Menschen die veränderten Bedingungen, unter denen sie zu leben gezwungen sind?« 

Wenn heute eindimensionale Erklärungen für den Rechtsruck ins Schaufenster der Debatte gestellt werden, mag man sich an die Differenziertheit der PAQ-Forschungsarbeit erinnern – auch heute könnte man bei der Suche nach tragfähigen Erklärungen wieder dort landen: bei der Untersuchung von individuellen und kollektiven Verarbeitungen eines Wandels der Arbeitsbeziehungen im Rahmen einer neuen Welle der Automatisierung. Auch was die grundlegenden Fragen linker Technikpolitik angeht, liegen im Projekt PAQ jede Menge Denkerfahrungen, die heute nützlich sind, an die anzuschließen wäre, ohne dass das einen Schritt zurück bedeutete. 

Einige Veröffentlichungen der Projektgruppe Automation und Qualifikation 

Automation in der BRD. Berlin 1975
Theorien über Automationsarbeit. Berlin 1978
Entwicklung der Arbeitstätigkeiten und die Methode ihrer Erfassung. Berlin 1978
Empirische Untersuchungen. Band 1 Berlin 1980
Empirische Untersuchungen. Band 2 Berlin 1981
Automationsarbeit: Empirische Untersuchungen. Band 3 Berlin 1981
Zerreißproben. Automation im Arbeiterleben. Empirische Untersuchungen. Band 4 Berlin 1983
Widersprüche der Automationsarbeit. Ein Handbuch. Berlin 1987

Geschrieben von:

Tom Strohschneider

OXI-Redakteur