Wirtschaft
anders denken.

Wie internationale Finanzberater die Arbeit der Treuhand prägten

13.12.2019

»Nicht nur westdeutsche Industrielle und Bundesbeamte, sondern auch internationale Finanzvermittler hatten Anteil am massenhaften Verkauf von Staatsvermögen in Ostdeutschland.« Was der Historiker Keith R. Allen zur Geschichte der Transformation der DDR-Wirtschaft zutage gefördert hat.

Abseits von Revolutions-Jahrestagen und ostdeutschen Landtagswahlen spielt die politische und ökonomische Transformation der DDR ab 1990 – auch bekannt als »Wiedervereinigung« – zurzeit wieder eher am Rande der Öffentlichkeit eine Rolle. Aber dabei wird außerordentlich Interessantes zutage gefördert, zum Beispiel zur Geschichte der Treuhandanstalt. »Archivbestände offenbaren, wie Finanzberater aus dem englischsprachigen Raum und Vertreterinnen und Vertreter der planwirtschaftlich geprägten DDR-Nomenklatura die Arbeit der Treuhand prägten«, so wird ein Text im neuen »Deutschland Archiv« angetitelt. 

Der Autor Keith R. Allen, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in Berlin, hier anhand des »nun verstärkt« zugänglichen schriftlichen Archivgutes im In- und Ausland skizziert hier mehrere Einflussfaktoren, die Arbeitsweise und Ausrichtung der Treuhandanstalt prägten und veränderten. Dabei wird unter anderem auf die Rolle von Wolfram Krause abgestellt, der sich in der DDR »Ende der 1970er-Jahre mit der ostdeutschen Führung zerstritten« hatte. Hans Modrow und seine Wirtschaftsministerin Christa Luft hätten dann Krause »mit der Herkulesaufgabe« beauftragt, »Investitionen in die ostdeutsche Planwirtschaft zu locken«. Und: »Krause arbeitete die beiden wichtigsten wirtschaftspolitischen Beschlüsse aus, die in den kritischen Monaten der Regierung Modrow verabschiedet wurden: zum einen das sogenannte Joint-Venture-Gesetz, das Anreize für Investitionen aus dem Ausland schuf, und zum anderen den Beschluss zur Gründung einer Treuhandanstalt.«

Dieser Treuhand folgte eine Art »zweite Ausgabe«: Im März 1990 hatten sich in der DDR die politischen Verhältnisse mit den Wahlen verändert; der mit großem Druck aus dem Westen verfolgte Weg in die »Einheit« tat sein übriges, die Treuhand unterstand ab Oktober 1990 dem Bundesministerium der Finanzen. Hier wird es dann wirklich spannend in Keith R. Allens Text: »Ein ganz wesentlicher Aspekt der Privatisierung fand in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung bislang wenig Beachtung«, schreibt er – und meint vor allem die Rolle »ausländischer Investoren und Wirtschaftsberater«, die »die rasante Veräußerung von Betrieben und Liegenschaften nach der überraschenden Wiedervereinigung Deutschlands« beeinflussten. 

»Wie stark Beratungsgesellschaften in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre in die Entstaatlichung der ostdeutschen Wirtschaft eingebunden waren, lässt sich an folgenden Zahlen festmachen: 1992 wendete die Treuhand laut Bundesrechnungshof 460 Millionen D-Mark für externe Berater und 360 Millionen D-Mark für die eigene Belegschaft auf, wobei der Löwenanteil der Beratungshonorare an Investmentbanker floss.« Und stellt die Frage: »Warum ermächtigte die Bundesregierung die Treuhandanstalt, derart massiv ausländische Finanzberatung einzukaufen?«

Als Ursachen sieht Allen die Neuartigkeit der Aufgabe, eine ganze Volkswirtschaft auf ein bestimmtes Marktmodell hin zu »transformieren«, wobei ab 1990 der Schwerpunkt auf Privatisierungen lag. Zudem wurde schnell Personal und vor allem Investmentkapital benötigt. Nicht zuletzt spielte die Tatsache eine Rolle, »dass die Treuhand – was häufig übersehen wird – sich selbst refinanzieren musste«. Allen schildert eine Zusammenkunft Mitte Mai 1990 in Frankfurt am Main, an der Krause als Vertreter der Treuhandanstalt teilnahm – ihm gegenüber » westdeutsche Bankdirektionen und einflussreiche westdeutsche Politikerinnen und Politiker«. In den Geschäftsräumen der Privatbank Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. »saßen Direktoren führender deutscher Banken wie der Deutschen Bank, der Dresdner Bank und der Commerzbank sowie einflussreiche Privatbankiers. Ein weiterer Gesprächsteilnehmer war der Leiter der Abteilung Wirtschafts- und Finanzpolitik im Bundeskanzleramt, Sighart Nehring«. 

Deren Forderungen waren so vielfältig wie klar ausgerichtet: auf Übernahme. Die Treuhandanstalt sollte, so die westdeutschen Bankdirektoren, »nur gegenüber der neuen konservativ geführten ostdeutschen Regierung und nicht gegenüber der Volkskammer rechenschaftspflichtig sein«. Zudem ging es ihnen darum, »den Einfluss der Arbeitnehmervertretungen auf Entscheidungsprozesse der Treuhandanstalt« zu beschneiden und »auch Grund und Boden in die Entstaatlichung einzubeziehen«. Außerdem: Es sollten »externe Berater mit langjähriger Erfahrung am Kapitalmarkt« eingebunden werden. 

Allen weiter: »Das Ministerium in Bonn und auch der in seinem Auftrag handelnde Wolfram Krause in der Ost-Berliner Treuhand-Zentrale, der formell auch die nach wie vor weitgehend intakte ostdeutsche Industrie vertrat, drängten darauf, den zuvor in der DDR-Volkskammer vereinbarten Kurs beizubehalten. Aber ihr Standpunkt war nicht mehr maßgeblich. Eine Woche nach Krauses Besuch in Frankfurt wiesen Bundesbeamte den neuen ostdeutschen Wirtschaftsminister Pohl nachdrücklich darauf hin, dass ein beschleunigter Privatisierungskurs nicht länger wegen ›politischer Vorbehalte in der DDR’ verzögert werden dürfe. Die Unterstützung aus Westdeutschland setzte die Zustimmung zu einer zügigen Privatisierung voraus, die von einer parlamentarischen Mitwirkung abgekoppelt werden und sich auf externen Sachverstand stützen sollte.«

Allen besteht darauf, dass »Versuche von Politik und Regierung, die Entstaatlichung voranzutreiben«, nie allein von Westdeutschland ausgingen. Die Rolle früher Schritte Richtung Wirtschaftsreform und Markt, auch in der ersten Treuhand-Phase, bedürfe noch genauerer Erforschung. Dabei wären dann auch die ganz anderen politischen Zielideen stärker zu berücksichtigen, die jene Etappe von der ab Mitte 1990 eingeschlagenen Richtung unterscheidet.

Allen abschließend zur Rolle transnationaler Finanzakteure: »Sie zogen oftmals weniger Aufmerksamkeit auf sich als das Handeln von Regierung, Politik und Behörden, hatten jedoch maßgeblichen Einfluss darauf, wie Handlungsspielräume genutzt und welche Entscheidungen gefällt wurden. Die Treuhand kaufte Beratungsleistungen im Umfang von Hunderten Millionen D-Mark ein und nahm Hunderte Milliarden D-Mark an Krediten auf den internationalen Kapitalmärkten auf. Nicht nur westdeutsche Industrielle und Bundesbeamte, sondern auch internationale Finanzvermittler hatten Anteil am massenhaften Verkauf von Staatsvermögen in Ostdeutschland.«

Geschrieben von:

Vincent Körner