Wirtschaft
anders denken.

Wie sich Konzerne die Zukunft vorstellen

15.10.2017
Foto: Schnepp Renou

Kolumnistin Corinna Vosse über ihren Besuch im Futurium. Das Haus der Zukunft zeigt, wie die Eliten wollen, auf welche Arten kollektiv über Zukunft nachgedacht werden soll – Kinder ausgeschlossen.

Seit September können wir uns in Berlin anschauen, wie sich Eliten einen Ort vorstellen, an dem kollektiv über Zukunft nachgedacht werden soll. Anlass war die bauliche Fertigstellung des sogenannten Futuriums, das 2012 als Haus der Zukunft vom Bundesministerium für Bildung und Forschung initiiert wurde. Die 2014 gegründete Trägergesellschaft besteht neben dem Bundesministerium aus namhaften Forschungseinrichtungen und großen Wirtschaftskonzernen.

Klingt ziemlich Top down. Ob so ein Raum entstehen kann, in dem gemeinsam verhandelt wird, was alle Menschen angeht?

Zukunftsausstellung, Veranstaltungszentrum und Futurium Lab sollen Laien und ExpertInnen, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, Kinder und Erwachsene anregen, sich der Gestaltung von Zukunft zuzuwenden. So die vielversprechende Gründungsgeschichte. Wie stellen sich die Räume dar, in denen das neue »Zentrum für Zukunftsgestaltung« entsteht?

Neugierig betrete ich den direkt am Hauptbahnhof gelegenen Neubau. Drinnen fällt mir als erstes ein Bereich auf, in dem an Tischinseln gebastelt wird. Zu sehen sind hunderte molekülähnlich geformte Holzscheiben mit drei Schlitzen, die zu einer großen Struktur zusammengesteckt werden. Auf einige Scheiben sind Sätze graviert, die sich wie Wünsche an die Zukunft lesen. Wie kommt die gravierte Schönschrift auf die Scheiben? Und warum schreiben die Kinder ihre Wünsche nicht einfach selber auf?

Eine CNC-Fräse ist die Antwort. Hier können Menschen mit viel Geduld, wozu Kinder bekanntlich meist nicht zählen, ihren Wunsch eingravieren lassen. Der Auftraggeber wünschte keine Filzstifte, erfahre ich auf Nachfrage. Was können wir daraus über die Vorstellung von Zukunftsgestaltung lernen? Beteiligung unterliegt dem Primat der Ästhetisierung. Eine gekrakelte Botschaft wird nicht nur nicht gehört, sie kann sich gar nicht erst artikulieren.

Ich suche weiter nach Hinweisen auf unsere ökonomische Zukunft. Vielleicht kann mir das Personal Auskunft geben. Die vielen Reinigungs-, Ordnungs-, Sicherheits- und Informationskräfte sind mir bereits auf dem Vorplatz aufgefallen. Dort wird Schmutz aufgekehrt.

Drinnen verstärkt sich der Eindruck. Es fühlt sich an, wie eine Mischung aus Flughafen und Regierungsgebäude. Auf meine Frage, wie es sich in der Zukunft arbeitet, erfahre ich immerhin, dass die Bezahlung über dem Mindestlohn liegt. Sehr ganzheitlich organisiert scheint die Arbeit aber nicht, die Ordnungskräfte wissen über das Programm und die Raumanordnung und Wegführung im Gebäude so viel oder so wenig, wie ich.

Also finde ich selber heraus, dass das Untergeschoss mit dem Roboter-Wettbewerb leider schon geschlossen ist. Die Roboter haben es aber auf alle Etagen geschafft und sind zu meiner Überraschung als Sinnbild der Zukunft zurückgekehrt. Im Futurium machen sie Musik, bevölkern Collagen und erklären Kindern, wie die Welt einmal sein wird. Dieses Zukunftsverständnis erinnert mich an die aus dem Ende der 1960er Jahre stammenden Coffeetable-Bücher meiner Eltern.

Die Präsenz von Robotern im Futurium zeigt jedenfalls schnell Wirkung bei Besucherinnen und Besuchern. Im Erdgeschoss bietet ein interaktives Display ebenfalls die Möglichkeit, Wünsche an die Zukunft einzugeben; Roboter für unbeliebte Arbeiten werden mehrfach genannt. Ein Programm ordnet diese
Wünsche
anhand einer Verschlagwortung Kategorien zu und legt Verknüpfungen an. So werden thematische Zusammenhänge zwischen den Wünschen einander fremder Menschen visualisiert.

Allerdings läuft diese schöne Idee gedanklich ins Leere, wenn die Wünsche nicht in Bezug gesetzt werden zu planetaren Grenzen, wenn nicht erkennbar wird, welche Auswirkungen jeder realisierte Wunsch auf die Welt hat und wie er damit die Chancen auf Realisierung anderer Wünsche beeinflusst. Schon in einfachen Computerspielen der Vergangenheit wurde mit diesem Prinzip gearbeitet.

Obwohl die Räume recht leer sind, wirken lenkende Kräfte auf unser Bild von Zukunft. Ganz direkt kommen drei riesige Bildcollagen daher, auf denen harmonische Naturräume, glückliche Menschen und fliegende Roboter zu sehen sind. Die Zukunft wird hier schön überschaubar gehalten, mit drei so genannten Zukunftsdimensionen: Natur, Mensch, Technik.

Natur müssen wir laut Infotafel einfach nur »neu denken«. Zur Dimension Mensch wird eingeräumt, dass wir »unsere Ansprüche an Besitz und Komfort« überdenken sollten, und worin die Lösung für beides gesehen wird, ahne ich jetzt schon: »In unseren Köpfen ist Zukunft oft fantastische Technik.« Wessen Köpfe sind da gemeint? Die der Futurium-Macher?

Konkretere Inhalte finden sich auf der Webseite, wo die vorgesehenen fünf Themenkomplexe vorgestellt werden. Hier stehen auch Richtungsansagen zur Zukunft der Wirtschaft: Digitalisierung ist die Basis eines neuen Wachstums, das ökologisch verträglich ist. Naturkreisläufe dienen als Vorbild für technische Innovation. Zufriedenheit spielt auch in der Arbeitswelt eine Rolle

Das alles ist sicherlich diskussionswürdig und gestaltungsbedürftig. Es klingt aber auch sehr nach eingetretenen Denkpfaden entlang der Interessen beteiligter Industriebranchen. Ich bin gespannt, ob und wie in diese Zukunftsvision Konzepte einfließen, die soziale Organisation und Bewertung von ökonomischen Prozessen zum Ansatzpunkt nehmen.

Nach dem Besuch bleibt als Botschaft hängen: Die Zukunft unterscheidet sich nicht von der Gegenwart, und ob das eine gute oder eine schlechte Nachricht ist, hängt stark davon ab, wie ich die Gegenwart erlebe. Eine Einladung zur Gestaltung ist das nicht gerade.

www.futurium.de

Geschrieben von:

Corinna Vosse

Wissenschaftlerin