Wirtschaft
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Sommerzeit endet: Wirkt sich die Umstellung auf die Wirtschaft aus? Der OXI-Überblick

28.10.2017
Cuidro, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Am Sonntag werden die Uhren umgestellt, die Sommerzeit endet. Eingeführt 1980 hat die Zeitumstellung heute ziemlich viele Kritiker. Doch für negative Auswirkungen, auch auf die Wirtschaft, gibt es kaum belastbare Erkenntnisse.

In der Nacht zum Sonntag endet die Sommerzeit – um 3 Uhr morgens werden die Uhren um eine Stunde zurückgestellt. Das heißt: 60 Minuten länger schlafen. Weil die Sommerzeit aber irgendwann auch wieder beginnt, wird einem der Zeitgewinn dann auch bald schon wieder abgenommen. Eine »Winterzeit« im engeren Sinne gibt es übrigens gar nicht – wenn die »Mitteleuropäische Sommerzeit« am letzten Oktoberwochenende vorbei ist, herrscht einfach wieder die »Normalzeit«, die MEZ.

Die Uhrenumstellung steht auf der Hitliste der Empörungsthemen der Deutschen ziemlich weit oben. Über die Gründe dafür gibt es nicht viele belastbare Erkenntnisse, über die möglichen Auswirkungen der Sommerzeit auf Energieverbrauch, Gesundheit und die Verkehrssicherheit dagegen schon. Um es kurz zu formulieren: Klare Ergebnisse gibt es eigentlich nur mit Blick auf die umweltpolitische Dimension, den Ursprungsgrund für die Zeitumstellung. Die Hoffnung, damit die Energiebilanz zu verbessern, hat sich inzwischen als Fehlschlag erwiesen. Warum?

Umweltpolitische Hoffnungen haben sich zerschlagen

Das Umweltbundesamt hat es so formuliert: »Die Zeitverschiebung um eine Stunde nach vorn bedeutet zwar eine bessere Ausnutzung der Tageshelligkeit im Sommer und damit eine Stromeinsparung für Beleuchtung. Diese wird jedoch durch den Mehrverbrauch an Heizenergie – durch das Vorverlegen der Hauptheizzeit in die kühleren Morgenstunden – in etwa kompensiert.«

Auch die Bundesregierung äußerte sich schon 2005 entsprechend: »Im Hinblick auf den Energieverbrauch bietet die Sommerzeit keine Vorteile.« Und weiter: »Aus umweltpolitischer Sicht besteht keine Notwendigkeit für eine Beibehaltung der mitteleuropäischen Sommerzeit in Deutschland.« Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft sieht es genauso.

Da aber dennoch an der Umstellung auf Sommerzeit festgehalten wird, regt sich jedes Jahr medial angetriebener Unmut – im Herbst und dann wieder im Frühjahr. Es gibt sogar Webseiten, die sich der Kritik der Sommerzeit verschrieben haben. »Die Sommerzeit ist schlechter für den Menschen als bisher vermutet«, so beispielsweise die »Rheinischen Post« – die vor einiger zeit schrieb, »mittlerweile gibt es vermehrte wissenschaftliche Anhaltspunkte dafür, dass sich die Anpassung der biologischen Rhythmen des Menschen insbesondere an die Zeitumstellung im Frühjahr nicht so einfach vollzieht, wie noch vor wenigen Jahren angenommen worden war«.

Zitiert ist hier aus einer »Bilanz der Sommerzeit« des Büros für Technikfolgenabschätzung des Bundestags. Für die Gegner der Sommerzeit ein gefundenes Fressen, aus der Union erscholl damals der Ruf, »eine Entscheidung, deren Nutzen kaum messbar ist und die sich negativ auf das Leben der Menschen auswirkt«, zu korrigieren. Allerdings hatte das Büro für Technikfolgenabschätzung gar nicht so explizit behauptet, dass man nun doch von gesundheitlichen Risiken ausgehen müsse. Im Gegenteil: Neue Erkenntnisse würden »nicht eine substanzielle Neubewertung der Auswirkungen der Sommerzeit auf die Gesundheit«  begründen, hieß es in dem Gutachten – das zunächst weitere Forschungen für nötig hielt. (Eine Übersicht über Studien, die sich mit möglichen gesundheitlichen sowie Unfallfolgen befassen, findet sich hier – Stand 2014.)

Kostet Zeitumstellung wirklich »Unmengen Geld und Energie«?

Mediziner wie der Professor für Chronophysiologie, Henrik Oster, bleiben dagegen bei ihrer Auffassung, dass »die innere Uhr vieler Menschen doch sehr durcheinander gerät« und Untersuchungen zum Beispiel »bewiesen« haben sollen, »dass nach der Umstellung von der Winter- auf die Sommerzeit die Zahl von Unfällen in den frühen Morgenstunden zunimmt.«

Auch das hat sich das Büro für Technikfolgenabschätzung angesehen: »Zwar gehören die potenziellen Auswirkungen der Zeitumstellungen auf die Verkehrssicherheit zu den vergleichsweise am häufigsten untersuchten Effekten der Sommerzeit auf die Gesundheit, allerdings erlauben die heterogenen Studienergebnisse keine (klaren) Einschätzungen. Neuere Analysen sprechen mehrheitlich gegen die Hypothese, dass die Zeitumstellungen (signifikante) Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit in den Tagen nach der Uhrenumstellung haben.«

Besagter Chronophysiologie pocht darauf, dass die Sommerzeit »viele Probleme« schaffe, »auch ökonomische«. Oster verweist dazu auf »den hohen logistischen Aufwand, etwa in Krankenhäusern oder Unternehmen, in denen im Schichtdienst gearbeitet wird oder in landwirtschaftlichen Betrieben, wo die Kühe auf die Stunde genau gemolken werden müssen«. Seine Schlussfolgerung: »Jede Zeitumstellung kostet Unmengen von Geld und Energie.«

Technikfolgenabschätzung sieht keine Belege für Einschränkungen

Ist das so? Das Büro für Technikfolgenabschätzung rekapituliert in seinem Bericht von 2016, dass mögliche Auswirkungen in der Regel für Wirtschaftszweige vermutet werden, »in denen im Freien gearbeitet bzw. die Wertschöpfung zu wesentlichen Anteilen im Außenraum erzielt wird (z.B. Land- und Forst-, Freizeit- und Tourismus- sowie Bauwirtschaft). In diesen Branchen könnte die Verschiebung der Tageslichtphase um eine Stunde während der Sommerzeitperiode ihre größte Wirkung entfalten. In anderen Wirtschaftssektoren resultieren mögliche Effekte im Wesentlichen aus der eigentlichen Zeitumstellung im Frühjahr bzw. Herbst, weil diese gegebenenfalls planerische und organisatorische Eingriffe in den Betriebsablauf notwendig machen (z.B. im Schienenverkehr). Auch könnten die Zeitumstellungen in bestimmten Branchen gegebenenfalls zu Produktivitätseinbußen führen – einerseits aufgrund der mutmaßlichen Wirkungen auf die Befindlichkeiten der Beschäftigten in den unmittelbaren Tagen nach der Zeitumstellung, andererseits als Folge veränderter Lichtverhältnisse in den Morgen- bzw. Abendstunden (z. B. im Bausektor).«

Könnte, könnte, könnte – ob es wirklich so ist, bleibt offen. Die Sichtung der verfügbaren Literatur habe nichts Belastbares ergeben, so die Parlamentsberater. »Aus den wenigen vorliegenden Quellen ist abzuleiten, dass die Zeitumstellungen in einzelnen Wirtschaftsbranchen einen gewissen, kurzfristigen Anpassungsbedarf bedingen (beispielsweise in der Landwirtschaft oder im Schienenverkehr). Allerdings hat sich dies allem Anschein nach mittlerweile zu einer Routine entwickelt, die ohne größere Probleme zu bewältigen ist.« Auch macht das Büro auf technische Neuerungen und die zunehmende Automatisierung aufmerksam, die dazu beitrügen, »dass die Zeitumstellungen im Gegensatz zu früher ohne größere Schwierigkeiten und Arbeitsaufwand bewältigt werden können«.

Wenn die Lobbyisten leise bleiben …

Auch eine Umfrage unter Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaften und Berufsvertretungen ergab nichts – und das im wahrsten Sinne des Wortes: Kaum jemand antwortete dem Büro für Technikfolgenabschätzung. Das kam deshalb zu dem naheliegenden Schluss, »dass, wenn die Anwendung der Sommerzeit in einzelnen Branchen tatsächlich zu größeren Schwierigkeiten führen würde, stärkere Aktivitäten seitens der Interessenvertreter dieser Branchen zu erwarten wären«. Lediglich ein Verband aus dem Baugewerbe habe »auf Basis einer überschlägigen Abschätzung« angegeben, dass die Sommerzeit »zu geringfügigen Produktivitätsminderungen infolge des späteren Eintritts der Tageshelligkeit führt«. Die wirtschaftlichen Einbußen wurden mit rund 30 Millionen Euro pro Jahr beziffert.

Nicht einmal für die Annahme positiver Effekte der Sommerzeit, etwa auf die Freizeit- und Tourismuswirtschaft, die von längerer Tageshelligkeit am Abend profitieren könnten, sei bisher wissenschaftlich nachgewiesen worden. Kurzum: »Der Mangel an evidenzbasierten wissenschaftlichen Daten erlaubt zum einen keine belastbaren quantitativen Abschätzungen darüber, wie sich die Anwendung der Sommerzeit auf die verschiedenen Wirtschaftsbereiche auswirkt. Insbesondere lassen sich hieraus auch keine Schlüsse auf einen gesamtwirtschaftlichen Nutzen bzw. Schaden durch die Sommerzeit ziehen. Zum anderen spricht insgesamt gesehen aber vieles dafür, dass sich mittlerweile alle Wirtschaftssektoren mit der Anwendung der Sommerzeit arrangiert haben.«

Wirkt sich die Sommerzeit nun also auf die Wirtschaft aus? »Die Bundesregierung hat keine Kenntnis über die mit der Zeitumstellung verbundenen volkswirtschaftlichen Kosten«, konnte man 2005 in Berlin erfahren. Und daran hat sich wohl auch nicht viel geändert.

Beschäftigte: Mehrarbeit wird vergütet

Für einige Beschäftigte ist die Rückumstellung auf Normalzeit mit Mehrarbeit verbunden – zum Beispiel Polizeibeamte oder Stationspfleger. Der Deutsche Gewerkschaftsbund teilt dazu mit, »die Arbeitspflicht erhöht sich nicht automatisch, weil die Nacht länger dauert«. Es komme auf die individuellen Regelungen jedes  Arbeitsverhältnisses an. Findet sich im Arbeitsvertrag kein entsprechender Passus, »geht die Rechtsprechung bei der Interessenabwägung davon aus, dass die Stunde im Zweifelsfall trotzdem zu arbeiten ist«. Den Unternehmen oder Behörden werde »ein berechtigtes Interesse zugebilligt, Lücken oder Überschneidungen zu vermeiden«. Wenn Beschäftigte deshalb eine Stunde länger arbeiten müssen, »ist diese auch zu vergüten«.

Wichtiger Nebenaspekt: Die Zeitumstellung setzt die gesetzlichen  Regelungen zur Arbeitszeit nicht außer Kraft. Beim DGB heißt es, »die Höchstarbeitszeit von acht Stunden ist also auch dann einzuhalten, wenn die Stunde zwischen zwei und drei Uhr doppelt zählt«. Da aber die tägliche Arbeitszeit auf bis zu zehn Stunden verlängert werden kann, wenn die Mehrarbeit innerhalb eines Jahres ausgeglichen wird, steht das in der Regel der »Sommerzeit-Sonderschicht« nicht entgegen. Im Zweifelsfall solle man sich an Betriebsrat oder Gewerkschaft wenden.

EU-Richtlinie müsste geändert werden

Die Sommerzeit gilt in der Bundesrepublik seit 1980, sie galt bereits während des Ersten und Zweiten Weltkriegs und in den unmittelbaren Jahren danach, mitunter sprach man damals von mitteleuropäischer Hochsommerzeit. In Folge der Ölkrise von 1973 nahmen mehr und mehr Staaten die Praxis der Sommerzeit wieder auf – in der DDR und der BRD gab es sie seit 1980 wieder, obwohl sie im Westen bereits 1978 beschlossen worden war. Die DDR überlegte bereits nach einem Jahr, die Sommerzeit wieder abzuschaffen, was für einige deutsch-deutsche Verwicklungen sorgte, blieb dann aber doch dabei. 1996 vereinheitlichte die Europäische Union die Sommerzeit in ihren Mitgliedsländern.

Insgesamt gibt es eine vergleichbare Regelung zur Umstellung der Zeit laut Medienberichten derzeit in rund 70 Staaten. In der EU ist die Sommerzeit in der Richtlinie 2000/84/EG verbindlich und auf unbegrenzte Dauer festgeschrieben. Will jemand die Sommerzeit wieder abschaffen, müsste also auch diese EU-Richtlinie geändert werden. Die Bundesregierung hat 2005 daran erinnert, dass es bei der Einführung der EU-weiten Sommerzeit nicht bloß um umweltpolitische Gründe ging – sondern um die Harmonisierung der Zeit, »um gleichzeitig ein besseres Funktionieren des EU-Binnenmarktes zu bewirken«. Die einheitliche Zeitregelung sei von »wesentlicher Bedeutung«. Man werde »deshalb an der Sommerzeit festhalten, sofern nicht die Mitgliedstaaten der Europäischen Union gemeinsam die Absicht haben, die Sommerzeit abzuschaffen«.

Geschrieben von:

OXI Redaktion