Wirtschaft
anders denken.

Wirtschaftsethische Diskurse ignoriert

05.12.2019
Flickr, Joe Loong , Lizenz: CC BY-SA 2.0

Ein neues »Bündnis Ökonomische Bildung« hat sich gegründet. Kann das was werden? Nein, es fehlt der Mittelpunkt der sozial-ökologischen Transformation des Wirtschaftssystems und seiner Akteure. Ein Kommentar.

Am 29. November 2019 demonstrierten über 600.000 Menschen allein in Deutschland für eine real wirksame Klimaschutzpolitik. Einen Tag zuvor hatte das europäische Parlament den Klimanotstand ausgerufen. Ebenfalls am 29. November 2019 gründete sich in Berlin das »Bündnis Ökonomische Bildung«. Zentrale Intention ist dabei das Folgende: »Ökonomische Bildung muss für alle Schülerinnen und Schüler in Deutschland in hinreichendem Umfang und verpflichtend im Schulunterricht verankert werden.“

Ohne Zweifel ist diese Forderung zunächst stichhaltig. Menschen sind heute in vielfältiger Weise in komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge mit oft langen Zeithorizonten eingebunden. Es ist richtig, dass die Schule wenig auf diese vielfältigen ökonomischen Rollen vorbereitet. Die Vorbereitung auf solche Rollen kann allerdings selbst bei der Zugrundelegung eines kompetenzbasierten Bildungsbegriffs nicht ernsthaft von der Schule erwartet werden. Ob die erworbene Wirtschaftskompetenz sich im späteren Leben als hilfreich erweisen wird, ist und bleibt wie bei allen Kompetenzen fraglich. Die Realität ist im Vergleich zu den per definitionem immer geschützten Übungsräumen der Kompetenzvermittlung eine Wundertüte oder auch ein bissiges Biest. Deswegen ist es zu begrüßen, dass das Bündnis von ökonomischer Bildung und eben nicht primär von Kompetenzaufbau spricht. 

Ein aufgeklärter Bildungsbegriff allerdings, der natürlich, wie vom »Bündnis Ökonomische Bildung« angestrebt, die Selbstbestimmtheit des Agierens in ökonomischen Kontexten zum Inhalt hat, muss dann aber eben auch eine sittlich-moralische Komponente haben. Dies wird zwar so vom Bündnis auch gesehen. Es ist allerdings in den vom Bündnis benannten »Eckpunkten einer nationalen Strategie«, die man als Handlungsebene bezeichnen könnte, kaum abgebildet. 

Dabei wäre es gar nicht so schwer: Das Bündnis hätte sich am Tag seiner Gründung nur unter die 60.000 Demonstrant*Innen in Berlin mischen müssen, um zu sehen, welchen Stellenwert die Frage des guten und richtigen Wirtschaftens bei den jungen Leuten hat. Zentrale Forderung ist der nachhaltige Umgang mit den endlichen Ressourcen unseres Planeten. Häufig wird hierzu eine Abkehr vom Wirtschaftswachstum gefordert. Es handelt sich hier um ein richtig dickes Brett, dass es zu bohren gilt. 

Sich in dieser für unser Weiterbestehen als menschliche Zivilisation wohl wichtigste Frage ein wenig orientieren zu können, verlangt ganz sicher Bildung und auch insbesondere ökonomische Bildung. Sich selbst ein Bild zu dieser Frage machen zu können, den politisch-gesellschaftlichen Diskurs zu dieser Frage informiert mitverfolgen und inhaltlich mitbestimmen zu können wäre ein äußerst lohnenswertes Ziel ökonomischer Bildung. 

Leider kommt dieses Ziel dann in den konkreten »Eckpunkten« des Bündnisses nur deutlich nachrangig zur Sprache. Ohne Zweifel sind basale Kompetenzen wie etwa die reflektierte eigene Präferenz bei der Kapitalanlage oder Grundlagen der Investitionsrechnung wirklich sehr sinnvolle, handwerkliche Fähigkeiten für ein (auch ökonomisch) selbstbestimmtes Leben. Sie sind gewissermaßen notwendige Kompetenzen. Ob sie für einen aufgeklärten Begriff ökonomischer Bildung aber auch hinreichend sind, wurde oben bereits in Frage gestellt. 

Daraus folgt, dass die Eckpunkte des Bündnisses bisher grundlegend falsch festgelegt sind. Es fehlt der Mittelpunkt der sozial-ökologischen Transformation des Wirtschaftssystems und seiner Akteure. Zukünftige Unternehmer*Innen, Fachleute und Menschen mit Führungsaufgaben sollten schon in der Schule das Spannungsfeld zwischen eigeninteresse-orientiertem wirtschaftlichem Agieren und berechtigten, auch konkurrierenden Belangen der Gesellschaft kennenlernen. Dieses kann nicht mit den Mitteln einer funktionalistischen Kompetenzvermittlung geschehen, sondern nur im Sinne einer ökonomischen Bildung für die Wirtschaftsbürger*Innen des 21. Jahrhunderts. 

Die Verwendung des Begriffes Bildung durch das Bündnis ist daher gezielt irreführend. Wieder einmal (und immer noch) wird stillschweigend die überkommene wirtschaftsethische Position einer Ethik der Rahmenordnung (Homann, Pies, Lütge) vorausgesetzt, die inzwischen mehrere Jahrzehnte wirtschaftsethischen Diskurses und unternehmensethischer Praxis ignoriert. Die Eckpunkte werden, um eine Analogie zu nutzen, genauso wenig zu ökonomischer Bildung beitragen wie etwa die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft zu sozial-ökologischer Gerechtigkeit beisteuert. 

Statt der geforderten, verpflichtenden Hospitationen für Lehrkräfte und Schüler*Innen in Unternehmen könnten Unternehmen verpflichtet werden, ihre Tätigkeit in Schülerparlamenten zu präsentieren und sich dem kritischen Diskurs bezüglich ihrer unternehmerischen Tätigkeit im Hinblick auf die sozial-ökologische Transformation zu stellen. 

Statt Wettbewerben an den Schulen zu Unternehmensthemen – wie gefordert – könnten World Citizen Schools (WCS) in den Unternehmen durchgeführt werden. Diese WCS könnten konkrete Fähigkeiten für Social Enterprises oder Formen kollektiv-regionalen Wirtschaftens vermitteln.

Statt der geforderten Bewerbungstrainings für die Schüler*Innen könnten Rekrutierungstrainings für die Unternehmen angeboten werden, die die Bedürfnisse der Schüler*Innen nach sinnstiftender Erwerbsarbeit ernst nehmen und entsprechende Angebote entwickeln. 

Jochen Fehling ist Volkswirt und Ethiker mit mehrjähriger Tätigkeit an Hochschulen im Bereich Ethik und nachhaltige Entwicklung in der Lehre. Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre in Tübingen und Paris promovierte er im interdisziplinären DFG-Graduiertenkolleg »Bioethik« am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften der Universität Tübingen.

Geschrieben von:

Jochen Fehling