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Wohnkonzept auf Bayerisch: Dahoam im Inntal

09.07.2017
Foto: Philipp HartungZukunftsmodell, Heimat, Zuhause: Gelebtes Miteinander im Dreiklang von Wohnen, Arbeiten, Freizeit.

Dahoam sei – zu Hause sein – ist das Motto eines visionären Wohnkonzepts im Inntal. Dahinter steckt die Idee eines nachhaltigen, generationenübergreifenden Wohnungsbaus für Jung und Alt, für Gesunde und Kranke, konzeptorientiert statt renditefixiert.

Was ist Heimat? Diese Frage beschäftigte Wolfgang Endler, den Gründer des Modelabels Timezone, lange. Er ist ein Weltreisender – in der Jugend als Surflehrer, dann als Unternehmer. Irgendwann wurde ihm klar, dass sich für ihn darunter weniger ein fixer Standort als ein Lebensgefühl verbirgt, ein »Sich-eingebunden-und-geborgen-Fühlen«. In Bayern sagt man dazu schlicht: »Dahoam sei« (zu Hause sein). Genau das sollte das Motto seines visionären Bauprojektes »Dahoam im Inntal« werden. Seiner Überzeugung nach basiert das Zuhause-Gefühl auf so einfachen Prinzipien wie aufeinander zugehen, sich gegenseitig kennen und helfen, den Alltag miteinander leben und gestalten und vor allem: sich füreinander interessieren. 2012 bot sich dann die Gelegenheit, seine Idee von einem Ort, der Menschen verbindet, in die Realität umzusetzen. Er konnte im oberbayerischen Brannenburg das 16 Hektar große Kasernengelände von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) kaufen. Nach Jahren der Unsicherheit, was mit dem Gelände und den Gebäuden geschehen sollte, war man in Brannenburg froh, dass ein einheimischer Investor es nachhaltig bebauen wollte. Und so konnte Endler von Anfang an im engen Schulterschluss mit der Gemeinde ein zukunftsweisendes und nachhaltiges Lebens- und Wohnkonzept im Dreiklang Wohnen – Arbeiten – Freizeit entwickeln.

Das 130-Millionen-Euro-Projekt der InnZeit Bau GmbH ist herausfordernd. Bis 2020 sollen auf dem Konversionsgelände rund 52 Wohnungen und etliche Ein- und Zweifamilienhäuser für 850 Menschen gebaut werden. Mit Hilfe eines Finanzierungskonzepts, bei dem die Kredite je nach Baufortschritt abgerufen werden und nicht schon am Anfang bereitgestellt werden müssen, konnte Endler die Summe stemmen. Im Mittelpunkt des Konzepts stehen der Mehrgenerationengedanke und die gegenseitige Hilfe von alten, jungen, kranken und gesunden Bewohnern. Nach dem Prinzip der Nähe und Gemeinschaft ist alles zum Leben Nötige im unmittelbaren Umfeld vorhanden: vom Montessori-Kinderhaus mit Öffnungszeiten von 6:30 bis 22 Uhr – im ländlichen Raum einzigartig – bis hin zu integrierten Pflegeeinrichtungen, die Menschen im Alter eine menschenwürdige Versorgung in ihrem Lebensumfeld ermöglichen. Wer will, kann sich einen Gemüsegarten anlegen, außerdem sind ein Café, ein kleines Gasthaus und ein kleiner grüner Markt zum Einkaufen von frischen, regionalen Produkten vorgesehen. Ein Hotel soll das Konzept abrunden. »Das aktive Miteinander einer funktionierenden dörflichen Gemeinschaft ist integraler Bestandteil unserer Idee«, sagt Rupert Voß. Der Geschäftsführer der InnZeit Bau GmbH ist die zweite treibende Kraft im Projekt. Der gelernte Schreinermeister ist ein Jugendfreund Endlers, der sich seit jeher sozial stark engagiert und viele Projekte erfolgreich auf die Beine gestellt hat. Aus seiner langjährigen Tätigkeit als Sozialunternehmer, Berater und Coach verfügt er über unternehmerisches Know-how und weiß, dass alles auf wirtschaftlich soliden Beinen stehen muss. Doch der Gewinnmaximierungsgedanke vieler Bauträger ist weder sein noch Endlers Ansinnen. Sie verkaufen nur an Menschen, die die Wohnung auch selber nutzen, und gewähren nach einem speziell entwickelten Punkteschlüssel Rabatte. Käufer mit geringem Nettoeinkommen, Alleinerziehende, Familien mit behinderten Kindern und Einheimische bekommen Punkte, die als Rabatt auf den Wohnungspreis umgerechnet werden. Das können bei Wohnungspreisen ab 390.000 Euro bis zu 30.000 Euro sein. Den Rabatt zahlt der Investor aus eigener Tasche. Genau wie den Nachlass für Familien – 15.000 Euro pro Kind. Außerdem will er in jedem Gebäude einige Wohnungen zur Miete anbieten.

Das Projekt schreitet planmäßig voran: Aktuell entstehen im ersten Bauabschnitt 50 Eigentumswohnungen; etwa 80 Prozent davon sind bereits verkauft. Auch die Vorverkäufe für Bauabschnitt 2 sind mit 55 Prozent gut. »Dahoam im Inntal« soll aber keine Einzelerscheinung in Bayern bleiben. »Wir möchten diese Idee des nachhaltigen, generationenübergreifenden Wohnungsbaus auch an anderen Standorten verwirklichen, weil wir der Meinung sind, dass dies ein gelungener Gegenentwurf zum oftmals konzeptlosen und renditeorientierten Wohnungsbau unserer Zeit ist«, sagt Voß. Man suche daher im deutschsprachigen Raum Flächen und Investoren für dieses Modell.

Dieser Beitrag erschien in OXI Juni 2017.

Geschrieben von:

Beatrix Boutonnet

Wirtschafts- und Finanzjournalistin