Wirtschaft
anders denken.

Asoziale Wohnungsversorgung

19.06.2021
Ein weißer Plattenbau, der für Entspannung auf dem Wohnungsmarkt sorgen könnteFoto: Peggy und Marco Lachmann-Anke auf PixabayEs werden zu wenige Sozialeohnungen gebaut

Arme haben es besonders schwer auf dem deutschen Wohnungsmarkt. Neoliberale Politik hilft dagegen laut einer aktueller Studie nicht.

Luxusbauten gegen Wohnungsnot? Deregulieren statt deckeln? Eine neue Studie der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) hat nun einmal mehr gezeigt, dass neoliberale Wohnungspolitik nicht funktioniert. Die faktische Wohnungsnot hat in Städten, so die HU-Forscher:innen, von 2006 bis heute sogar zugenommen: 4,4 Millionen Haushalte in den 77 deutschen Großstädten lebten 2018 demnach in Wohnungen, die entweder viel zu klein oder viel zu teuer waren. Die Mietbelastungsquote lag im Mittel bei 29,8 Prozent.

Und für beinahe die Hälfte der mehr als acht Millionen Haushalte in Großstädten lag die Brutto-Warmmiete sogar über der Belastungsgrenze von 30 Prozent des Nettoeinkommens – Transferleistungen mit eingerechnet. Betroffen davon waren rund 6,5 Millionen Menschen. Ein Anteil von mehr als 30 Prozent für die Miete ist gerade für ärmere Haushalte eine Gefahr: Denn geht zu viel Geld für die Wohnung drauf, bleibt nichts mehr zum Leben. Außerdem entscheiden sich Vermieter:innen dann eher für Bewerber:innen, denen nach Abzug der Miete noch mehr Geld bleibt, um Zahlungsausfälle auszuschließen.

Zwar seien die realen Einkommenszuwächse im Verhältnis zu den Wohnpreisen von 2006 und 2018 leicht angestiegen – laut Studie haben aber auch davon fast nur besserverdienende Haushalte profitiert: Nach Abzug des durchschnittlichen Anstiegs der Wohnkosten blieb Haushalten aus niedrigen Einkommensgruppen, also solchen mit weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens, im Mittel ein Plus von 90 Euro. Bei Haushalten mit Einkommen zwischen 60 und 100 Prozent des Medianwertes waren es weniger als 200 Euro. In gut situierten Haushalten mit mehr als 140 Prozent des Durchschnittseinkommens aber waren es sogar 606 Euro Zugewinn.

Immer noch bezahlen Haushalte aus niedrigeren Einkommensgruppen viel zu viel für viel zu wenig: Bei armen Haushalten betrug die durchschnittliche Mietbelastung 46 Prozent, während wohlhabende Haushalte nur rund 20 Prozent aufwenden mussten. Und obwohl Haushalte mit niedrigen Einkommen einen so hohen Anteil ihres Einkommens für Miete einplanen mussten, sind sie auf schlechtere Wohnungen angewiesen. Etwa 12 Prozent, also rund eine Million Haushalte, kostete ihre Miete 2018 sogar mehr als die Hälfte ihres Einkommens. Viel zu viel.

Die Wohnsituation in deutschen Großstädten ist auch deshalb so angespannt, weil immer noch zu wenige Sozialwohnungen und zu viele Wohnungen für Wohlhabende gebaut werden. Da die Corona-Krise wirtschaftlich besonders ärmere Stadtbewohner:innen getroffen hat, könnte es heute noch um Einiges düsterer aussehen als 2018. Deswegen plädieren die Forscher:innen der Humboldt-Universität auch dafür, massiv in sozialen Wohnungsbau zu investieren und Mietsteigerungen rechtlich zu begrenzen. Ein noch viel größeres Problem aber sei der Niedriglohnsektor: Ohne den zu bekämpfen, sei »eine soziale Wohnversorgung in den Großstädten nicht zu gewährleisten.«

Geschrieben von:

Victor Meuche

Praktikant bei OXI

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