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Selbstverwaltet, links, erfolgreich

24.05.2016
Die Titelseite der Wochenzeitung WOZ vom 11. Mai 2016Foto: WOZ FacebookWOZ-Titel: Wie das Stahlwerk Gerlafingen trotz globaler Konkurrenz überlebt.

Die Schweizer Wochenzeitung WOZ trotzt seit 35 Jahren den Konjunkturen der Medienindustrie – mit Erfolg. Die Auflage der linken Wochenzeitung steigt.

Sowas kommt auch bei der Schweizer Wochenzeitung WOZ nicht alle Tage vor. Über ein halbes Jahr lang hatten die rund fünfzig Beschäftigten in Verlag, Redaktion und den Produktionsabteilungen darüber diskutiert, wo künftig die rund 20.000 Exemplare der größten linken Publikation der Schweiz gedruckt werden sollen. Der Grund: Die Konzernleitung der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) hatte ohne Not – die Auftragslage war gut – ihre Druckerei in Schlieren bei Zürich, die bisher den WOZ-Auftrag hatte, Mitte 2015 zugemacht und die gesamte 125-köpfige Belegschaft gefeuert.

Die WOZ musste also eine neue Druckerei finden. Aber wie? Und welche? Und so begaben sich die GenossInnen der WOZ auf die Suche; die Zeitung wird von einer Genossenschaft herausgegeben, der die Betriebsmitglieder angehören. Sie holten Angebote ein, ließen sich von der Gewerkschaft über die jeweiligen Arbeitsbedingungen informieren, diskutierten die Ergebnisse und trafen schließlich kollektiv einen Beschluss: Bei der NZZ mit ihrem (auch inhaltlich) zunehmend konservativ-neoliberalen Kurs wollte nach der Massenentlassung niemand bleiben – obwohl die Mediengruppe ein finanziell akzeptables neues Angebot vorlegte. Die zweite Großdruckerei, sie gehört dem Verlag des Züricher Tages-Anzeigers, kam für die meisten WOZ-Genossenschaftler ebenfalls nicht in Frage, erinnerten sich doch noch manche an das Jahr 1981. Damals sollte die allererste WOZ-Ausgabe von der Druckerei des Züricher Tages-Anzeiger gedruckt werden. Über Nacht verweigerte die Verlagsleitung die vereinbarte Dienstleistung, weil ihr die Inhalte nicht passten. Und so entschied sich das WOZ-Kollektiv im April dieses Jahres für den dritten Anbieter.

Wie die WOZ arbeitet

Das gibt es nicht überall, dass sich eine Belegschaft von der Layouterin bis zum Kulturredakteur, von der Buchhalterin bis zum Korrektor mit solchen Fragen befasst. Überhaupt ist die WOZ das wohl basisdemokratischste Zeitungsprojekt Europas. Es gibt keine Chefredaktion, die die publizistische Linie vorgibt. Die Geschäftsleitung wird alljährlich vom Genossenschaftsplenum gewählt. Über die Inhalte entscheiden die Redaktionsversammlungen, auf denen die Vorschläge der einzelnen Ressorts (Schweiz, International, Kultur/Wissen) besprochen werden. Und alle beziehen den gleichen Lohn.

Kann das gut gehen? Keine Chefs, ein Einheitslohn von 5.000 Franken brutto, der für Schweizer Lebenshaltungskosten am unteren Rand liegt, und lange, mitunter mühsame Entscheidungswege, mit dem Erfolg, dass die Vereinbarungen von allen mitgetragen werden können – all das hat dem Blatt nicht geschadet. Im Gegenteil. Denn heute ist die WOZ im Vergleich zu anderen linken Publikationen in Europa überaus erfolgreich. Und sie ist das einzige Schweizer Printprodukt, dessen Auflage steigt.

Die WOZ hat in ihrer inzwischen langen Geschichte – 1981 wurde sie während der Hochzeit der Zürcher Jugendbewegung (»Züri brännt«) gegründet – eine ganze Reihe Krisen durchlebt. Das erste Mal Mitte der 1980er Jahre: Damals stand die Zeitung vor dem Aus – und wurde von LeserInnen gerettet, die den Förderverein ProWOZ gründeten. Diesem Verein gehören derzeit rund 850 LeserInnen an, die den doppelten Abobeitrag zahlen. Er half im Jahr 2005 dem Kollektiv erneut auf die Beine. Die Beiträge dieses selbstverwalteten Vereins, der auch einen spendenfinanzierten Recherchefonds verwaltet, machen seit Jahren etwa zehn Prozent des Gesamtumsatzes in Höhe von über vier Millionen Franken aus; weitere zehn Prozent werden mit Inseraten erlöst.

Wie ist der Erfolg der WOZ zu erklären?

Die verkaufte Auflage liegt derzeit bei knapp 16.000 Exemplaren – und das bei einem potenziellen Publikum von etwa sechs Millionen Menschen in der deutschsprachigen Schweiz. In Deutschland entspräche das – auf die Bevölkerung umgerechnet – einer Auflage von etwa 220.000. Die Zahl der regelmäßigen WOZ-LeserInnen liegt bei 86.000.

Wie erklärt sich dieser Erfolg einer Zeitung, die – etwa im Unterschied zur deutschen Tageszeitung taz – klar links positioniert ist? Ein Grund: In der einst vielfältigen Schweizer Presselandschaft ist nur noch die WOZ als unabhängiges Presseorgan übrig geblieben. Auch wegen seiner basisdemokratischen Struktur erntet das Blatt viel Wohlwollen. Es liefert Qualität, also guten und engagierten Journalismus. Und: Die WOZ ist parteipolitisch nicht festgelegt, reflektiert vielmehr sehr unterschiedliche Positionen, von der sozialdemokratischen SP über die Grünen – beide Parteien stehen links von ihren deutschen Pendants – bis hin zu radikaleren Strömungen. Dass LeserInnen gleich scharenweise davonlaufen, nur weil die Berichterstattung und Kommentierungen ihren jeweiligen Auffassungen widerspricht, passiert höchst selten. Eine schweizerische Besonderheit kommt hinzu: Durchschnittlich vier Mal im Jahr stimmt die Bevölkerung über wichtige Vorlagen und Initiativen ab, die das Leben aller betreffen. Da interessiert viele: Was sagt die WOZ dazu?

Geschrieben von:

Pit Wuhrer

freier Journalist