Wirtschaft
anders denken.

Zeitfenster für Freibad-Utopien

22.11.2020

Gärten der Kompromisse, verzichtbare Körper und die fragwürdige Möglichkeit, einfach so durch die Gegend zu leben. Notizen aus dem Alltag einer Pandemie im Juni. Teil 4 des Corona-Tagebuchs. Kathrin Gerlof und Sigrun Matthiesen haben unter dem Eindruck der ersten Phase des Corona-Ausbruchs ein Tagebuch begonnen, das wir jetzt als Serie auf oxiblog veröffentlichen. Aktuelle Einträge werden folgen.

3.6. 2020

Wenn es um Freibäder geht, neige ich schon immer zur Idealisierung, muss irgendwas mit der sozialdemokratischen Frühsozialisierung zu tun haben: Lauter unterschiedliche Menschen friedlich vereint zwischen Chlor- und Pommesschwaden. Wenige, aber für ausnahmslos alle, geltende Regeln, die vom Bademeister wenn nötig auch unmissverständlich durchgesetzt werden. Der immer gleiche Hintergrund-Kreisch-Sound, der 1975 am Niederrhein nicht viel anders klang als 1995 in Hamburg, oder vorigen Sommer in Kreuzberg. Dieses Glück, allem neoliberalen Getöse zum Trotz weiterhin und immer aus öffentlichen Kassen bezuschusst, lässt mich das Freibad als einen der letzten Orte gesellschaftlicher Utopie preisen – oder mindestens als deren kleine sozialdemokratische Schwester.
Mit dieser Grundstimmung also rein ins Bad – und natürlich ist jetzt alles anders: Viele Schilder, die erklären, wo rein und raus gegangen werden soll und wie in den abgetrennten Doppelbahnen gegen den Uhrzeigersinn im Kreis zu schwimmen ist, damit auch im Chlorwasser irgendwie Abstand gehalten werden kann. Aus dem gleichen Grund: Duschen nur draußen, kalt und die zwei mittleren gesperrt, die Toiletten dafür so sauber und desinfiziert wie sonst nie. Insgesamt natürlich nicht so kreischend unbeschwert wie sonst, aber wer hätte das auch erwartet. Ich bin gerührt und dankbar, dass schwimmen überhaupt wieder möglich ist. Andere, Frauen vor allem, scheinen es ebenso zu sehen, den ungewohnten Wegen folgend, lächeln wir Freibadutopistinnen uns verschwörerisch zu. In einer Stadt, die noch immer keinen Plan hat, wie sie Kinder außerhalb der Familie versorgen, bilden, oder auch nur betreuen will, machen die Angestellten des Bäderlandes mal eben vor, wie der Luxus-Bereich Freibad mit Flatterband und ein paar Schildern (Nicht mehr als 18 Personen pro Bahn!) Pandemie-fest machen lässt – die Kooperation der Schwimmenden natürlich vorausgesetzt. Was dann vielleicht doch zu viel der Utopie ist. Denn es gibt eine Sorte Mensch, die hat ein eingebautes Recht auf ihr eigenes Tempo, selbst im Wasser. Es sind die gleichen sportlichen männlichen Mitdreißiger, die auf dem Fahrrad oder im Auto auch nicht bremsen können. Für niemanden. Da mag zu ihrer Entlastung noch ein dringender Termin herhalten. Aber im Schwimmbad? Platschend in 20-Zentimeter-Nähe vorbei kraulen, damit eine illegale Überholspur eröffnend, in die Hacken tauchen – alles nur nicht langsamer werden! Dabei ist das im Wasser ganz einfach: man kann beispielsweise kurz mal in die Rückenlage wechseln und den Wolken zusehen, oder auf der Stelle paddeln. Dazu müsste man sich aber als Teil von Gesellschaft fühlen, und nicht als Einzeluniversum mit eingebautem Tempo-und Raumanspruch.

Von dieser deprimierenden Erkenntnis versuche ich mich auf den dann doch sonnenwarmen Platten am Beckenrand zu erholen, als ein Bäderland-Mitarbeiter neben mir niederkniet. Buchstäblich. Um mir zu sagen »dass wegen Corona in diesem Sommer leider alles anders ist und man im Beckenbereich nicht chillen kann. Dafür müssten Sie auf die Liegewiese, weil da mehr Platz ist. Aber natürlich dürfen Sie sich gerne hier umziehen und auch kurz in der Sonne aufwärmen«. Mein Glaube an die Freibad-Utopie kehrt schlagartig zurück: Kaum auszudenken, wie die Berliner Verwaltung funktionieren könnte, wenn wir überall so freundlich angesprochen würden. Und vielleicht sind Zeitfenster und Raumbegrenzung ja sowieso die Lösung, auch für die echten Probleme der Menschheit. Liebe Lufthansa, ihr wart jetzt lange genug eine Fluggesellschaft, nun denkt euch mal was aus, was die Leute wirklich brauchen, auch ohne dass man euch Steuergelder in den Arsch schiebt. Liebe Europäer und US-Bürger, ihr habt jetzt lange genug fossile Brennstoffe verbraucht, nun sind für die nächsten zehn Jahre mal die Menschen aus dem globalen Süden dran. Liebe Menschen, ihr könnt nicht immer mehr Fläche verbrauchen für eure unersättlichen Bedürfnisse, und weil ihr das ja von alleine nicht kapiert, stehen ab sofort jedem nur noch soundsoviel Quadratmeter zu, wer drunter bleibt wird großzügig belohnt. Ach ja, und einmal pro Jahr, im Sommer, machen wir den ganzen Laden für zwei Monate dicht. Kein Lockdown, der hinterher damit kompensiert wird, dass alles umso hektischer wieder hochgedreht wird. Eher ein Moratorium. Sendepause. Werksferien hieß das früher mal. Auch eine schöne sozialdemokratische Einrichtung, heute fast so utopisch wie ein Freibad mit Arschbombe. sim

9.6. 2020

Mine Yildiz war mal Mitglied des Türkischen Parlaments, ist Journalistin und Bloggerin und sie hat in »The Brussels Times« einen sehr schönen Text mit neun Anmerkungen zur Corona-Krise geschrieben. Eine lautet: »Seit dem 18. Jahrhundert mit seiner Aufklärung ist es Konsens, dass wir – Homo sapiens – der dominierende Akteur sind. Das Schicksal dieser Erde liegt in unseren – menschlichen – Händen, wir sind die Herren geworden, sind gar die Besitzer von Land, Meer und selbst von anderen lebenden Spezies. Es ist daher logisch, dass wir danach streben würden, auch die genetische Struktur von Pflanzen und Tieren zu verändern. Unsere gesellschaftliche Wahrnehmung ist, dass alles um uns herum für uns Menschen auf die effektivste Weise genutzt werden sollte. Einige Philosophen und ökologische Ideen stellen diesen anthropozentrischen Ansatz in Frage, sind aber nicht Mainstream. Dieses neue Virus – ein biologisches Wesen, das so mikroskopisch klein und für das menschliche Auge unsichtbar ist – taucht plötzlich auf und beeinflusst das gesamte menschliche Leben auf der ganzen Welt. Die Frage ist also: Wer ist der wahre Meister? Die Antwort lautet mit Sicherheit: Es ist nicht nur die Menschheit.«

Allerdings beanspruchen wir, die wahren Meister zu sein. Meisterinnen weniger. In vielen Dingen stünde uns ein wenig mehr Bescheidenheit gut zu Gesicht. Aber vielleicht genügte auch die Anerkenntnis, dass die Erde tatsächlich nicht nur für uns geschaffen wurde. Als Selbstbedienungsladen, obwohl in vielen Bereichen die Frage des Nachschubs nicht geklärt ist.

Gestern einen halben Tag mit einer einstigen Kollegin und fürderhin »nur« Freundin in Sanssouci verbracht. Sie wohnt ganz in der Nähe. Privilegiert, wie sie nicht müde wird, zu sagen. Und ja, das ist schon was, gleich nebenan die wunderschöne, grüne, feudale Geste. Nicht so schön, wie ein auf englisch angelegter Garten, aber doch in ihrer rabiaten Ordnung ein großes Wunder. An vielen sehr alten, sehr dicken, sehr gesund aussehenden Bäumen, die den Eindruck machen, als könnten sie uns locker überleben – was sie ja vielleicht tun werden – sind kleine Altare errichtet worden. Kästchen mit Glitzersternchen darin, Plüschtiere, wie zum Sterben hingelegt, geflochtene Blumenkränze. Keine Ahnung, wozu, aber irgendwie doch rührend. Als nähmen da andauernd welche Abschied oder erführen erst jetzt, was uns dieses ganze Grün, das mehr ist als Gegend, aber eben auch keine Landschaft, weil nach auf Perfektion ausgerichtetem Plan gestaltet, wirklich bedeutet. Preußen Gloria war eben doch auch Glanz.

Die einzige Restauration im Grün bestand aus einem baufälligen Wagen, aus dem heraus in Mengen Bratwürste und gesunde Brausen und Lattecappucchinomachiatos gereicht werden. Mit gebührendem Abstand warten die Leute geduldig und unterhalten sich derweil gepflegt. Corona hat in Sanssouci nichts zu suchen, hier lässt sich maskenfrei und ohne Sorge wandeln und die Lust kommt von alleine. In der S-Bahn dann, Regio verpasst, Gedränge und alle zwei Minuten die nette Durchsage, man möge diese Masken…. Zwei Drittel machen, was die wollen, ein Drittel lässt es bleiben. Ich sehe mich in der Fensterscheibe der Bahn und lauter Vermummte dazu. Weiterhin starren fast alle in ihre Mobiles, was nun noch gespenstischer wirkt, als ohnehin schon. Lauter Gespenster im digitalen Nirgendwo.

Syrische Freunde versuchen seit Wochen vergeblich, das Geld für einen Flug nach Beirut zurückzubekommen. Gebucht bei der serbischen Airline, die sich einfach nicht zurückmeldet, nachdem sie aber verkündet hatte, dass der Flug wegen Corona ausfallen wird. Ist Serbien Europa, fragen mich die leicht verzweifelten Freunde. Ich sage, ja, ist es. Mitglied, wollen sie wissen. Nein, noch nicht. Dann kriegen wir unser Geld nie zurück, sagen sie, und ich wundere mich insgeheim über das große Grundvertrauen in den Anstand der anderen, sind sie nur Teil eines Mitglieds der Union. Ich schreibe eine Mail an die Serbische Airline. Das Schweigen ist allumfassend.

Über andere Dinge wird gerade viel geredet. Über Rassismus zum Beispiel. Das Überraschende ist dann doch immer eher die Überraschung darüber, dass es solch ein großes Problem zu sein scheint. Viel Kluges wird gesagt und geschrieben. Und niemals nie sollten wir aufhören zu hoffen, dass sich dadurch auch was ändert. kg

13./14.6. 2020

An diesem Samstag wird die Stadt um 14.30 Uhr dunkel. Hinter den Schornsteinen des Vattenfall-Heizkraftwerkes türmen sich die Wolken. Und noch weiter dahinter scheint die Sonne, zumindest sehen die Wolkenberge aus, als seien sie nur für diese Hintergrundbeleuchtung aufeinander gestiegen. Ich mache ein Foto und lösche es wieder, weil es nur ein schlecht aussehender Abklatsch dessen ist, was ich sehe oder zu sehen glaube.

Meine Freundin schickt Fotos aus ihrem Garten, der drei Kilometer entfernt am Volkspark Prenzlauer Berg liegt. Dort ist der Weltuntergang schon in vollem Gange. In den riesigen Pfützen spiegeln sich die Lauben und wirken groß, wie Wohnhäuser. Ich mag Kleingartenanlagen, sie sind voller Geschichten und jeder Garten offenbart eine ganz persönliche Vorstellung davon, wie das Leben zu sein hat oder sein sollte. Am liebsten mag ich die Gärten der Kompromisse. Sie sehen aus, wie ausgemendelte Beziehungsmuster – die Frau mag Blumen, der Mann will Gemüserekorde brechen, die Enkelkinder brauchen dringend wenigstens ein kleines Stück Rasen und der auf freundlicher Ebene ausgetragene Wettkampf mit den Gartennachbarn um die vielleicht schönste Lösung für ein Rosenspalier will auch gewonnen sein. Bei meiner Freundin ist der Zaun bronzefarben gestrichen (wäre es allein nach ihr gegangen, hätte es wohl Gold sein mögen) und die Gemüsebeete haben die Akkuratesse eines strengen Strickmusters, die Laube ist von der Farbgebung her ein bisschen bayerisch, durchsetzt mit revolutionärer Ornamentik. In der Gärten Berlins ist die Welt nicht etwa mehr in Ordnung als anderswo, aber sie hält schon ein bisschen den Atem an. Auch in Corona-Zeiten, obwohl noch zu sagen wäre, dass die soziale Kontrolle nirgends so einfach zu bewerkstelligen und so hoch ist, wie in diesen Kolonien der Sehnsucht nach Luft und Grün. Und nirgends sonst in der Großstadt gibt es Wegebeauftragte, die darauf achten, dass die gärtnerischen Träume nicht übern Zaun oder untendurch mäandern.

Die Initiative »Neue Soziale Marktwirtschaft« gibt unbeirrt ihre kleinen roten Heftchen raus, in denen sie uns zehn Fakten zu irgendwas präsentieren, was wir wissen sollten. Beziehungsweise zehn Fakten, die uns erklären wollen, wie Marktwirtschaft wirklich funktioniert. Im Mai zum Arbeitsmarkt. Ich räume gerade auf und will zwischen zwei Gewittern Papiermüll wegbringen. Gewöhnlich schaue ich mir dann noch mal alles kurz an, was in die blaue Tonne wandern soll.

Fakt 1: Seit 15 Jahren ein beispielloser Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt. Macht sich fest nicht an der Qualität der Arbeit und der Zahl prekärer, weil sogenannter atypischer, Arbeitsverhältnisse, sondern am Rekordwert Erwerbstätige insgesamt. Um sechs Millionen gestiegen. Und da zählen die rumänischen Arbeiter in den Schlachtfabriken nicht mal dazu.

Fakt 2: Mindestlohn nicht übertreiben. Hatten wir schon in diesem Tagebuch, alte Leier. Interessant höchstens, dass hier auch noch beklagt wird, dass durch den 2015 eingeführten Mindestlohn die Zahl der Minijobs um eine halbe Million zurückgegangen ist. Man verbittet sich politische Einmischung in die weitere Gestaltung des Mindestlohns, als gäbe es den bereits eingeführten nicht ausschließlich als Ergebnis politischer Einmischung. Wahrscheinlich denkt die Initiative, die Wirtschaft hat der Politik den Mindestlohn geschenkt, und da könnte auch was Wahres dran sein. Aus deren Sicht macht die Politik eh am Ende, was die Wirtschaft will – oder noch besser – die Märkte verlangen.

Fakt 3 und 4 nehmen wir mal zusammen: Mit Kurzarbeit Beschäftigung sichern und Befristungen als Einstieg in Arbeit ausweiten. »Auch eine befristete Beschäftigung ist ein guter Arbeitsplatz.« Das klingt irgendwie. Hübsch.

Eine Zeitlang habe ich die Heftchen der Initiative gesammelt. Sie schienen mir eine jeweils gute Zusammenfassung all dessen, was wir so unter neokonservativem/neoliberalem Wirtschaftsdenken verstehen. Kurz und knapp, hübsch aufbereitet, immer eine erhellende Grafik dazu, nicht überfordernd, also relativ einfache Sprache – ein schwarzweißer Zugang zur Welt mit klarem Parteiauftrag geschrieben. Jetzt kommen sie aber in den Papiermüll. Gewitter reinigen in vielerlei Hinsicht.

Was ich Corona nicht unterstelle, sich aber einreiht in all die kleinen und großen Absonderlichkeiten dieser ganz und gar absonderlichen Zeit: Mein Weihnachtskaktus blüht. Schlumbergera ist aus der Zeit gefallen. Ist das nicht ein schöner Name? Klingt wie eine Frau, die jeden Tag einen neuen Plan fürs Leben hat, und in deren Wohnung liebenswertes Chaos herrscht.

Meine Mitbewohnerin hat es vor einigen Tagen am Frühstückstisch mit der leicht verzweifelten Feststellung auf den Punkt gebracht: Wir können doch nicht einfach durch die Gegend leben.

Vielleicht doch. Wenn auch noch lange mit Mund-Nasen-Schutz. kg

23.6 2020
»Solange wir alles tun, dass es gelingt, dass es nicht überspringt auf die Bevölkerung, können wir andere besser geeignete Maßnahmen ergreifen.« So hat Armin Laschet am Sonntag in der Tagesschau begründet, warum der Kreis Gütersloh keinen Lockdown braucht. Seitdem geht mir dieser Satz nicht mehr aus dem Kopf. Nein, das Virus stammt nicht von den armen Tieren die in die in der Fleischfabrik Tönnies verwurstet werden. Der ehrgeizigen CDU Politiker der im Landesvater-Modus Wahlkampf exekutiert, zählt die 1300 mit Corona infizierten Menschen, die in der Fleischfabrik arbeiten offenbar nicht zur Bevölkerung. Einigen, mit denen ich darüber spreche, ist diese verräterische Unterscheidung gar nicht aufgefallen.
Eine Unterscheidung, die, so fürchte ich, nicht nur dem üblichen fremdenfeindlichen Muster folgt gegenüber Menschen aus Rumänien oder anderswo, die hier ausgebeutet werden. Es ist auch eine seit Corona immer deutlicher werdende Trennung zwischen jenen, deren Körper weiterhin das einzige sind, was sie zu Markte tragen können und müssen um zu überleben und den anderen. Deren Körper werden zunehmend lästig oder Luxus, wahlweise als Amüsement-Park oder Tempel. So vielfältig die Möglichkeiten des Ge- oder Missbrauchs, des Pamperns und Optimierens hier auch sind, eines fehlt: die unmittelbare körperliche Erfahrung der Ausbeutung durch Arbeit. Wenngleich natürlich auch Maus-Arm oder Smartphone-Daumen körperliche Symptome sind. Aber andere, die von denen, die sie überhaupt wahrnehmen, vermutlich meist als Ausdruck eines Lebensstils interpretiert werden. Nichts wogegen man sich auflehnen sollte oder auch nur wollte, eher etwas zum angeben: Gestern wieder so viel gezoomt, gebrookert, gezockt, getindert, geplaystationd, gestreamt – ob Arbeit oder Vergnügen oder was auch immer, alles die gleichen minimalen Bewegungen. Statt die Tätigkeiten in Frage zu stellen, die damit verbunden sind, stellt sich zunehmend die Frage, ob dafür eigentlich überhaupt noch ein Körper nötig ist. Wozu sich noch mit Verletzlichkeit, Vergänglichkeit und Tod konfrontieren, wenn Algorithmen besser Auto fahren, Google-Brillen besser gucken können, Roboter schneller pflegen. Auch in progressiven Kreisen gibt es mannigfaltige Hoffnungen auf digitale Maschinenwesen, befreit von den Fesseln des Geschlechts und der Reproduktion, allzeit bereit für Revolution und die endlich nicht nur bessere sondern perfekte Welt.
Silvia Federici, linke Feministin und unermüdliche Kämpferin seit den 70er Jahren, warnt vor diesen Hoffnungen. Gemeinsam mit George Caffentzis hat sie bereits 1982 einen Text mit dem Titel »Mormon*innen im All« geschrieben und im vergangenen Jahr überarbeitet. Unheimlich aktuell heißt es darin: »Die physische Berührung wurde durch das Bild vor dem geistigen Auge ersetzt. Jahrhunderte kapitalistischer Disziplin sind ins Land gegangen, um Menschen hervor zu bringen, die aus Angst vor Berührung voreinander zurückschrecken. (Man bedenke die Art und Weise, wie wir uns in unseren Sozialräumen verhalten: in Bussen oder Zügen, jeder für sich selbst, hinter klar definierten, aber unsichtbaren Grenzen; jede Person eine eigene Festung. Aus Ärzt*innen berühren nur noch selten unsere Körper, basieren ihre Diagnosen stattdessen lieber auf Laborberichte.) Diese physische sowie emotionale Isolation, die durch die Kommunikation über Computer und Handys verstärkt wird, ist der wesentliche Inhalt und die neue Form der kapitalistischen Kooperation.«
Die Corona-App sei eine Spielerei der digitalen Oberschicht, wird der Gesundheitsstadtrat von Berlin Reinickendorf in der Jungen Welt zitiert. Die, das muss nicht extra zitiert werden, sich eher selten in den Stadtbezirk verirrt, für den er zuständig ist. Nicht erst seit Corona. Auch diejenigen, die von Armin Laschet im Kreis Gütersloh zur Bevölkerung gerechnet werden, haben früher schon ihre Körper so gut wie nie an Orte bewegt, an denen sich Beschäftigte der Fleischfabrik aufhalten. Möglich, dass die Kinder manchmal noch in die gleiche Kita gehen, schon bei den Schulen wird es in Wahrheit anders sein. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis in NRW oder anderswo die ersten fordern, auch jede Schule als eigene Festung oder Brennpunkt zu betrachten. Eher nicht zu erwarten sind Massenpicknicks derjenigen, die mit einem verzichtbaren Körper begünstigt sind, vor Fleischfabriken oder überfüllten Wohnblocks, mit Transparenten auf denen zu lesen sein könnte: »Quarantäne geht nur gemeinsam«. Solidarität braucht Empathie braucht Berührungspunkte. Oder, wie es ein zu früh verstorbener Philosoph ausgedrückt hat, der außer mir nur wenigen bekannt war: »Erst wenn wir anderen Menschen so nahe kommen, dass wir sie riechen können, gibt es eine Chance, Vertrauen zu fassen.« Sein Körper war weder Tempel noch Amusement-Park sondern ähnelte zunehmend einem Schlachtfeld. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht dankbar bin, dass er die Mund-Nasen-Schutzpflicht nicht mehr erleben muss. Ich ahne, er hätte sie verweigert. sim

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin

Sigrun Matthiesen

Journalistin