Wirtschaft
anders denken.

Zu Lasten des Gemeinwohls: Wie lässt sich die Macht von Unternehmen untersuchen?

15.11.2018
123rf/jolka

»Konzernmacht« ist ein Schlagwort kritischer Debatten. Aber wie lässt sich die Macht von Unternehmen überhaupt untersuchen? Wie zeigt sie sich? Und wie ist das theoretisch unterfüttert? Die österreichische Zeitschrift »Kurswechsel« gibt Antworten – und trägt so zur Schärfung des Profils von Gesellschaftskritik bei.

Den Satz, große Konzerne hätten zu viel Macht, würden sicher die meisten Kritiker der herrschenden Verhältnisse unterschreiben. Ob es nun der Lobbyismus auf allen Ebenen ist, ob man illegale Machenschaften wie den Abgasbetrug meint oder das selbstherrliche Dominanzgebaren von Firmen wie RWE – es gibt ungezählte Beispiele dafür, wie sich Unternehmen im eigenen Interesse über gesellschaftliche Bedürfnisse hinwegsetzen. »Konzernmacht« ist so auch zu einem wichtigen Schlagwort der Gesellschaftskritik geworden. 

Rückt man etwas näher an den Begriff heran, stellen sich allerdings ein paar Fragen. Die wichtigste lautet: Was ist das eigentlich, »die Macht von Unternehmen im neoliberalen Kapitalismus«? Wie definiert man das, lässt es sich messen, welche Konzepte gibt es? Die österreichische Zeitschrift »Kurswechsel« gibt darauf Antworten.

Bei der Macht von Unternehmen handelt es sich »einerseits um ein dem Alltagsverstand scheinbar selbstverständlich erscheinendes Element der Realität, andererseits ist es aus wissenschaftlicher Sicht ein komplexes und vor allem empirisch keineswegs einfach zu fassendes Phänomen«, schreiben die Ökonomen Christian Reiner und Christian Bellak in ihrer Einleitung zum Schwerpunkt. In der traditionellen Ökonomie ist der Machtbegriff »unterkonzeptualisiert«, präsent vor allem in »der zwar wichtigen, aber doch auch eindimensionalen Theorie der Marktmacht von Unternehmen auf ihren Absatzmärkten«. 

Blickwinkel über Monopol- und Oligopoltheorien

In der vom Beirat für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen herausgegebenen Zeitschrift wird der Blickwinkel über Monopol- und Oligopoltheorien hinaus stark erweitert. Es stehe »ein breiter Begriff von Macht im Zentrum, der die Vielzahl der Beziehungen eines Unternehmens mit seiner Umwelt als potenziell asymmetrische Relationen betrachtet«. Das geht sogar so weit, Macht als etwas zu begreifen, das sich dadurch manifestiert, »dass nichts passiert: Sozial relevante Themen werden nicht diskutiert und ineffiziente, gesamtgesellschaftlich nachteilige Konstellationen bleiben bestehen und werden dadurch normalisiert«. 

Eine solche übergreifende Konstellation wird gemeinhin als Neoliberalismus bezeichnet. Die offenkundigen Schwächen dieses Begriffs sollen hier nicht diskutiert werden, er taucht aber im Titel des »Kurswechsel«-Heftes auf und wird von Reiner und Bellak auch vorgestellt: Man wolle damit »die rezente Formation des Kapitalismus ansprechen und zum anderen eine Ideologie bezeichnen, welche über verschiedene Kanäle zur Steigerung der Macht von privaten Unternehmen beiträgt«. Oder anders formuliert: »Die neoliberale Wende im Sinne der Prozesse von Deregulierung, Liberalisierung, Privatisierung, Globalisierung und Finanzialisierung hat mittels verschiedener Maßnahmen dazu beigetragen, dass die Macht von Unternehmen beziehungsweise allgemein des Kapitals relativ zugenommen hat«.

So betrachtet ist die Frage, was eigentlich unter Macht von Unternehmen zu verstehen ist, zugleich auch eine der Beschreibung des gegenwärtigen politisch-ökonomischen Modells. Und damit auch ein Beitrag zur Schärfung des Profils von Gesellschaftskritik, die zur Antwort auf die Frage »Was tun?« nicht wird vordringen können, wenn sie weiterhin die Frage »Was ist?« vernachlässigt.

Empirische und theoretische Erkenntnisse

Die MacherInnen des Heftes nehmen zu Beginn erst einmal die Spur auf. Die Schwerpunktsetzung sei durch »eine Reihe von rezenten empirischen und theoretischen Erkenntnissen« motiviert: Dazu zählen Reiner und Bellak die widersprüchliche Erfahrung, dass auf der einen Seite in »Wirtschaftspresse und Managementliteratur« die Vorstellung einer stetig steigenden Konkurrenz zwischen Unternehmen weit verbreitet ist, die Ergebnisse von empirischen Studien aber auf das Gegenteil deuten – die steigende Konzentration. Hierbei handelt es sich um ein altes Muster der Marktkonsolidierung, das allerdings auch heute noch das wirksamste zu sein scheint: Zwar habe die Entwicklung der Internetökonomie zunächst scheinen lassen, es werde »ein neues Zeitalter des Konkurrenzkapitalismus« eingeläutet; dann allerdings hat dieser Sektor »in erstaunlich kurzer Zeit eine Reihe von globalen Oligopolen« hervorgebracht. 

Neben anderen auf dem Gebiet der Ökonomik angesiedelten Theorieneuerungen, etwa was Zusammenhänge zwischen Marktmacht und Globalisierung angeht oder in der Monopoltheorie, die darauf hinweist, dass »Monopole deutlich höhere soziale Kosten verursachen als bislang angenommen«, geht es auch um aktuelle Erklärungsansätze der wachsenden ökonomischen Ungleichheit. 

Hier wurde zuletzt insbesondere über die (Monopson-)Macht von Unternehmen geforscht, Löhne zu setzen. Dabei spielt »die abnehmende Organisation von ArbeiterInnen« eine Rolle, welche »die Verhandlungsmacht von Gewerkschaften relativ zum Faktor Kapital reduzierte« und damit auch die Rolle der Beschäftigtenorganisationen als »Countervailing Power«, als Gegenmacht, schwächte. Von hier aus kann »ein Zusammenhang mit politischer Macht« beschrieben werden: »Schwächere Gewerkschaften haben eine geringere Macht, Parteien zu unterstützen, die das Ziel der Umverteilung verfolgen«, so Reiner und Bellak.

»Suboptimale« Datenlage

Schon jene Passagen des Heftes, die sich mit empirischen Problemen beschäftigen, zeigen freilich, wie schwierig eine Antwort auf die Frage nach der Macht von Unternehmen zu finden ist. Das hat etwas mit theoretischen Defiziten, konzeptuellen Problemen und nicht zuletzt der »suboptimalen« Datenlage zu tun. »Ähnlich wie etwa bei der Vermögensverteilung besteht ein problematisches Missverhältnis zwischen sozialer Relevanz der Thematik und Informationsstand der Gesellschaft«, heißt es in »Kurswechsel«. Und weiter: »Könnte eine Erklärung hierfür vielleicht auch in – freilich schwer identifizierbaren – Machtverhältnissen liegen?«

Dass »die Existenz und Verflechtung unterschiedlicher Machtformen von Unternehmen« in der herrschenden Lehre nur eine geringe Rolle spielt, wird mit einem kurzen Blick in die Geschichte der Ökonomik illustriert. »Die Ausblendung von Machtaspekten wurde dabei zunächst durch die neoklassische Wende im 19. Jahrhundert und nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Chicago School begünstigt«, heißt es da. »Demgegenüber blieben Ansätze wie etwa postkeyenesianische oder marxistische Theorien, die die Bedeutung der Macht von Unternehmen als zentralen Aspekt der wirtschaftlichen und politischen Realität betrachten, marginalisiert.«

Hier knüpft auch der Beitrag von Ulrike Herrmann in dem Heft an, der »die mühsame Annäherung der ökonomischen Theorie an die Realität« nachzeichnet. Während die herrschende Lehre einer normativen Fiktion von Markt anhängt, welche die »Botschaft vom Wettbewerb« intoniere, ohne sich dabei von der »Wirklichkeit der Oligopole« beeindrucken zu lassen, sieht Herrmann in den Arbeiten von Karl Marx, Joseph Schumpeter, John Maynard Keynes sinnvollere Ansätze.

»Verschärftes Kräfteungleichgewicht zwischen Kapital und Arbeit«

Vor allem wenn man von Marx aus denkt, kann natürlich der Zusammenhang zwischen dem Machtverlust der Gewerkschaften und dem Machtgewinn der Unternehmen nur trivial erscheinen – allerdings, das zeigt Georg Adam in seinem Beitrag, hat das eine »nur vermittelt« mit dem anderen zu tun. Dass von einem »verschärften Kräfteungleichgewicht zwischen Kapital und Arbeit« ausgegangen werden muss, steht dabei nicht in Frage. Allerdings muss auch hier genauer hingesehen werden.

Werner Reh tut dies am Beispiel der deutschen Automobilindustrie, wo wirtschaftliche und politische Macht auf mehreren Ebenen miteinander verflochten sind. Vor dem Hintergrund des groß angelegten Abgasbetrugs und der Debatten über die Zukunft dieser Industrie zeigt sich das sehr anschaulich: Die »Macht der Unternehmen« dieser Branche besteht nicht nur in der oligopolistischen Marktstruktur, in der ein Autokartell seine Macht gegenüber Konsumenten, Aufsichtsbehörden und Gesetzeslage zeigt. Sondern es bestehen auch »Machtbeziehungen entlang der stark ausdifferenzierten Zulieferkette«, wobei die »Hersteller« Dominanz gegenüber den Lieferanten ausspielen, was vermittelt auch die jeweiligen Beschäftigten in eine besonders strukturierte Konkurrenz zueinander setzt. 

Hinzu kommt, dass die Autoindustrie ein erheblicher Beschäftigungsfaktor ist, was die Macht der Unternehmen »gegenüber staatlichen Akteuren« steigert. Diese ist wiederum widersprüchlich mit einer »enge(n) Partnerschaft zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern« verbunden, der noch auf nächster Ebene eine enge institutionelle und lobbyistische Verflechtung von Kapital und Politik folgt – vom VW-Gesetz angefangen bis zu den häufigen Seitenwechseln aus der Politik in die Verbände der Automobilindustrie. Das Ergebnis beschreibt Reh so: »Partikularinteressen könnten zulasten von Gemeinwohlinteressen durchgesetzt, Umwelt- und Klimaziele unterlaufen werden.«

Aber was heißt »könnten«? Es ist ja längst Realität. Reh zitiert Christian Rammer vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung: Die Politik in Deutschland habe sich »entschieden, den Autoproduktionsstandort so gut es geht zu schützen. Und dort, wo internationale Regulierungen das Leben der Autoindustrie schwermachen, hat man durch eine lasche behördliche Aufsichtspraxis Kompensation geleistet«. Das ist aber nicht eben nicht nur eine Frage der »Macht der Unternehmen«, sondern es agieren mehrere »Hauptakteure«: Neben den Herstellern gehören eben auch Gewerkschaften und Politik dazu. 

Wer von der »Macht der Unternehmen« nicht nur reden, sondern diese auch im Sinne des gesellschaftlichen Interesses eindämmen will, wird über diese Verflechtungen nicht hinwegsehen können. 

Die Macht der Unternehmen im neoliberalen Kapitalismus. Mit Beiträgen von Georg Adam, Christian Bellak, Franziska Disslbacher, Luiz Augusto E. Faria, Ulrike Herrmann, Johannes Jäger, Sandra Pauser, Christian Reiner, Michael Reiner, Werner Reh und Roman Stöllinger, in: Kurswechsel 1/2018, 126 Seiten, Sonderzahl Verlag Wien, 10,50 Euro. Mehr Infos gibt es hier.

Geschrieben von:

Tom Strohschneider

OXI-Redakteur