Wirtschaft
anders denken.

Zum 8. März: Die Befreiung der Frau – wovon?

07.03.2020
8. MärzCrreated by Melissa Schmitt from the Noun Project

Herrscht der Kapitalismus, weil er der männlichen Natur entspricht? Oder prägt uns das System? Ein Beitrag von Stephan Kaufmann zum 8. März.

„Die Emanzipation der Frau wie die des ganzen Menschengeschlechtes wird ausschließlich das Werk der Emanzipation der Arbeit vom Kapital sein“, sagte Clara Zetkin im Juli 1889 auf dem internationalen Arbeiterkongress in Paris. Damals, so das Protokoll, gab es für diesen Satz „lebhaften Beifall“. Heute würde man ihn als „ökonomistisch“ bezeichnen. Linke wenden ein: Die Emanzipation der Frau ergibt sich nicht zwangsläufig aus der Emanzipation der Arbeit. Konservative und Liberale wenden ein: Frauen brauchen nur gleiche Rechte, keine Emanzipation der Arbeit.

Nimmt man mal an: Frauen und Männer – das ist bloß das biologische Geschlecht. Der Rest ist gesellschaftliche Zuschreibung. Vom Ausgangspunkt her sind „Männer“ – abgesehen von äußerlichen Unterschieden – nicht anders als „Frauen“. Die Gesellschaft allerdings stellt Unterschiede her, die sich dann in unterschiedlichen sozialen Verhaltensweisen zeigen: Typisch Mann! Typisch Frau! Hellblau und rosa – dazwischen gibt es sowieso nichts.

An den als typisch männlich geltenden Verhaltensweisen gibt es jede Menge Kritik. Männer sind aggressiver, selbstbezogener, weniger „sozial“. Sie sind einsamer. Männer mögen lieber Dinge, Technik, sie haben ein instrumentelles Verhältnis zur Umwelt. Männer sind konkurrenzbewusster, ihre Erfolge sind Siege. Sie streben nach Macht und sei es nur im privaten Verhältnis. Männer achten weniger auf die äußere und ihre eigene Natur, gehen nicht zum Arzt, ernähren sich schlechter und sterben daher früher.

Männer besetzen die Spitzen vor allem der Wirtschaft und auch der Politik. Je weiter man die soziale Stufenleiter nach oben klettert, umso seltener werden Frauen. Und die Frauen, die man dort findet, ähneln in ihren Verhaltensweisen den Männern. Das ist logisch. Denn als Frau kommt man nur weiter, wenn man die Männer kopiert.

Da liegt der Gedanke nahe, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt – die „männlichen“ Verhaltensweisen und die berufliche Stellung. Aber wie? Die eine Erklärung schließt vom menschlichen Charakter auf das gesellschaftliche System: Der Kapitalismus herrscht, weil er der männlichen Natur entspricht. Alle Härten des Systems resultieren daher daraus, dass nun mal Männer die Regeln setzen und nicht die Frauen. Wären Frauen an der Macht, wäre die Welt eine anderen, bessere. Um an diese Kausalität zu glauben, muss man davon ausgehen, dass das biologische Geschlecht die Sicht eines Menschen auf die Welt determiniert. Das ist nicht einleuchtend.

Einleuchtend ist dagegen die andere Kausalität: Was als typisch männliche Eigenschaft gilt, ist genau das, was das Wirtschaftssystem verlangt und was den beruflichen Erfolg ermöglicht. Der Kapitalismus fordert „Leistung“, „Erfolg“, Härte gegen sich selbst und andere und gegen die Natur. Der Kapitalismus entspricht daher nicht einer vorliegenden „Männer-Natur“, sondern er hat sich diese Natur geformt.

Alle Kritik an „männlichen“ Eigenschaften müsste daher in eine Kritik am Kapitalismus münden. Und nicht bloß in eine Forderung nach gleichen Rechten. „Wenn die soziale Emanzipation von den politischen Rechten abhinge, würde in den Ländern mit allgemeinem Stimmrecht keine soziale Frage existieren“, sagte Clara Zetkin. Und irrte sich. Denn die soziale Emanzipation der Unterdrückten bleibt aus, wenn die politischen Rechte nichts weiter gewähren als die gleichberechtigte Teilnahme an einem System, das permanent soziale Fragen produziert und die „Befreiung des Menschengeschlechtes“ verhindert.

Geschrieben von:

Stephan Kaufmann

Journalist