Wirtschaft
anders denken.

Zwischen zwei leeren Stühlen

02.11.2017
Herzi Pinki / wikimediacommons

Otto Bauer (1851 – 1938) suchte einen Weg zwischen Reformismus und Kommunismus. Der österreichische Politiker und Theoretiker der Sozialdemokratie beharrte darauf, der Sozialismus müsse eine Welt der gemischten Eigentumsformen sein.

Erst kommt der technische Fortschritt, dann folgt der gesellschaftliche: So dachten es sich die Anhänger von Karl Marx. Die Produktivkräfte – Arbeit, Technik, Wissenschaft – bringen bestimmte Produktionsverhältnisse hervor. Wie die Adeligen im Mittelalter leibeigene Bauern brauchten, um sich zu bereichern, so bedient sich der moderne Kapitalist des freien Lohnarbeiters. Je nachdem, wie die Produktion organisiert ist, kann sie den technischen Fortschritt zwar fördern, aber auch hemmen. Die Richtung indessen ändert sich nicht.

Was aber, wenn dem technischen gar kein gesellschaftlicher Fortschritt, sondern etwas ganz anderes folgt? Dann muss das Dogma tapfer verteidigt werden. So geschehen auf dem Leipziger SPD-Parteitag 1931. Gerade hatten die Aktivisten der Partei erlebt, dass eine große Modernisierungs- und Rationalisierungswelle einen sprunghaften Anstieg der Arbeitslosigkeit nach sich gezogen hatte. Genossen, die ihre Erfahrung schüchtern in die Debatte einbrachten, schleuderte der Parteivorsitzende Arthur Crispien entgegen, sie betrieben »Maschinenstürmerei« und orientierten sich womöglich an dem idealistischen Inder Mahatma Gandhi. »Die Rationalisierung«, dekretierte der Parteigewaltige, »ist ein Fortschritt in der Entwicklung der produktiven Kräfte!«

In Wien wurde schon damals mehr gefragt als behauptet. Wären Europas Sozialisten den Gedanken ihres österreichischen Vordenkers Otto Bauer gefolgt, hätten sie sich einen verhängnisvollen Irrtum erspart. Bauer entwickelte die These von der »Fehlrationalisierung«: Zwar fördere ein technischer Entwicklungssprung »die Rentabilität der einzelnen Unternehmung«, im gesellschaftlichen Maßstab hingegen führe Rationalisierung zur Senkung der Lohnsumme, zu Arbeitslosigkeit und Absatzschwierigkeiten – zu einer schweren Krise mithin.

Zwanzig Jahre nach Bauers Tod war es die »bürgerliche« Wissenschaft, die begann, sich über »Technikfolgen« Gedanken zu machen – während gleichzeitig die »Marxisten« in der DDR ihr Volk noch immer mit Normerhöhungen quälten. Als nach der Oktoberrevolution 1917 in Russland eine gewaltige Hungersnot ausbrach und die Bolschewiken sich notgedrungen Gedanken über das Verhältnis von Plan und Markt machen mussten, nutzte der Wiener Denker das Problem dazu, sich als erster Marxist über die Wirkung von Konkurrenzverhältnissen Gedanken zu machen. Ein Thema, das die Klassiker ausgespart hatten. »Es ist Marxens Methode, die über Marxens Thesen hinweg weiterführt«, formulierte er 1923 kühn, »es ist Marx, der Marx überwindet.«

Mit seinen schonungslosen Analysen und seiner Offenheit auch für die Ideen der Gegner setzte sich der aktive Politiker zwischen zwei Stühle. Der rechte Stuhl war von »reformistischen« Sozialdemokraten besetzt, der linke von »revolutionären« Kommunisten. Gegen die Reformisten hielt Bauer die sozialistische Utopie wach und erdachte Schritte, sie zu verwirklichen. Gegen die Kommunisten verteidigte er seinen Realitätssinn und seine demokratische Überzeugung.

In der Polarisierung jener Jahre hatte kaum jemand ein Ohr für den »bildungsbürgerlichen Grübler«. Bauer sei »ohne politischen Willen« gewesen, meinte der linke Leo Trotzki, und das bayerische Urviech Oskar Maria Graf urteilte, Bauers »bürgerliches Verantwortungsbewusstsein« habe ihn gehemmt, entschlossener Widerstand gegen den Faschismus zu leisten. Bauer wisse immer nur, gescheit zu erklären, warum dieses und jenes nicht funktioniere, wieso eine Lage noch »reifen müsse«, dass man Zeit brauche. So lautete über Jahrzehnte hinweg die Standardkritik an Bauer.

Die Zeit, von der Bauer meinte, dass man sie noch brauche, brauchte man offenbar tatsächlich. Seit das Jahrhundertprojekt revolutionärer Tatkraft um 1990 überall schmählich scheiterte, stehen Bauer und seine linken Kritiker mangels Erfolg am gleichen Punkt. Das macht das Werk des undogmatischen Denkers wieder aktuell — nicht als Rezeptbuch, aber in seinen grundsätzlichen Visionen.

Die Betriebe dürften »nicht in die Hände einer besonderen Arbeiterschicht kommen«, warnte Bauer 1926 in seinen Vorlesungen an der Arbeiterhochschule, etwa in die einer Gewerkschaft. Denn die bereichere sich dann am Ende auf Kosten der Kollegen. Ebenso wenig gehörten die Betriebe »in die Hände der Konsumenten«, wie es manche forderten, denn sonst agiere die große Einkaufsgenossenschaft mit ihrer Beamtenschaft wie ein egoistischer Monopolist.

Am wenigsten aber gehörten die Betriebe in die Hand des Staates. Zwar wäre in einem solchen »Staatssozialismus« das Volk der Herr der Betriebe, meinte Bauer. »Aber die Arbeiter würden den Beamten dieser Volksgemeinschaft ebenso unterworfen sein wie heute den Kapitalisten« — ein Nebensatz, der ein halbes Jahrhundert Fehlentwicklung vorwegnahm. »Wahrscheinlich« werde die sozialistische Gesellschaft »jeden Zweig der Produktion nach seiner Eigenart organisieren«, hoffte Bauer. Sozialismus, das sei die Welt der gemischten Eigentumsformen, unter denen sich die vernünftigere, die soziale, durchsetzen müsse. Heute, fast achtzig Jahre nach Bauers Tod, sind die Stühle, zwischen denen er saß, beide leer. Es ist Zeit, sich wieder mit seinem Werk zu beschäftigen.

Hintergrund: Vielvölkerstaat

Otto Bauer wagte als erster, Nation und Sozialismus zusammen zu denken. Erst 26 Jahre alt, veröffentlichte er sein heute bekanntestes Buch »Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie«. Das voluminöse Werk hat die nationalen Debatten in der Sowjetunion und in Jugoslawien beeinflusst und wird in Fachkreisen auch heute noch viel zitiert.

Das Thema war hoch aktuell. Bauers Heimatland Österreich-Ungarn, von Konservativen heute als Blaupause für ein multikulturelles Gemeinwesen gepriesen, war nämlich alles andere als ein Erfolgsmodell. Soziale und politische Interessen wurden ständig von nationalen Belangen überlagert und verdrängt – schlimmer als heute in der EU.

Bauer wollte jedoch den Vielvölkerstaat erhalten, ihn aber gründlich umorganisieren. Er schlug vor, alle Einwohnerinnen und Einwohner in festen »Nationalkatastern« zu erfassen. »Alle Deutschen in Österreich« etwa, so seine Idee, »bilden eine rechtliche Gesamtheit, eine Genossenschaft.« Eine Nation war nach Bauer nicht in erster Linie von gemeinsamer Abstammung, nicht einmal von gemeinsamer Sprache bestimmt, sondern vor allem von der gemeinsamen Geschichte. Nation sei »Schicksalsgemeinschaft«, so Bauer – ein Begriff, für den Wolfgang Schäuble 1995 schwer gescholten wurde.

Marx und Engels waren nationale Gegensätze eher lästig gewesen. Nicht so Bauer: Sein sozialistischer Staat sollte sich ausdrücklich nicht aus Einzelnen, sondern aus festen Gruppen zusammensetzen. Eine »in die einzelnen Individuen zerlegte Gesellschaft«, so Bauer, »sei das Produkt der Staatsidee des Absolutismus«, wie sie etwa in Frankreich galt. Nur weil es keine rechtsfähigen Nationen gab, die Polen oder Rumänen also ihre Interessen im Vielvölkerstaate als Gruppe nicht einklagen konnten, müsse jede Nation sich ins Parteiensystem zwängen. Sei das Problem erst gelöst, könne man im Parlament sachgerecht über Sozialversicherung, Eisenbahnbau und Handelsrecht debattieren und entscheiden. So dachte Bauer. Aufgegriffen wurden seine Gedanken nach dem Zweiten Weltkrieg in Jugoslawien. Im Quasi-Vielvölkerstaat EU dann nicht mehr.

Leben und Werk

Geboren wurde Otto Bauer im Jahr 1881 als Sohn einer jüdischen Fabrikantenfamilie in Nordböhmen. Er gehörte zu einer Generation von Sozialisten, die Theorie und Praxis in sich vereinigen und miteinander versöhnen wollten. Wenn dem gewaltigen Anspruch nach Lenins Tod (1924) noch einer genügte, dann er. Ungemein belesen, dabei klar im Ausdruck und bescheiden im Auftreten, beeindruckte der Kopf der österreichischen Sozialdemokratie im In- und Ausland nicht nur seine Genossen, wenn er druckreif über Philosophie, Geschichte, Volkswirtschaft sprach – gern auch in Französisch, Englisch oder, nach seiner langen Kriegsgefangenschaft, zudem in russischer Sprache.

Als strategischem Kopf der österreichischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei war Bauer jedoch nur zeitweilig Erfolg beschieden. Nachdem er (nach dem Ersten Weltkrieg) die Spaltung der Partei vermieden hatte, schufen seine Sozialdemokraten mit dem »Roten Wien« in den 1920er-Jahren eine weltweit beachtete Musterstadt. Als die Klerikalen in Österreich von 1933 an ihre Diktatur errichteten, schreckte Bauer vor aussichtslosem Blutvergießen zurück. Er floh nach Brünn (Tschechoslowakei) und vier Jahre später nach Brüssel. Nur Wochen nach dem »Anschluss« Österreichs an Nazi-Deutschland starb der Kettenraucher in Paris an einem Infarkt – oder »an gebrochenem Herzen«, wie seine Anhänger sagen.

Dieser Text erschien zuerst in der Juni2017-Ausgabe von OXI.

Geschrieben von:

Norbert Mappes-Niediek

Freier Journalist